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Gesellschaft

«Wo befreundete Wege zusammenlaufen …»

01.01.2016
«Heim kommt man nie. Aber wo befreundete Wege zusammenlaufen, da sieht die ganze Welt für eine Stunde wie Heimat aus», schrieb Hermann Hesse.

«Häsch mi?» Beinahe wäre die Frage im Hals des Kindergärtlers stecken geblieben. Die heruntergezogenen Lippen der scheu Angefragten besagten genug. Mit sechseinhalb Jahren den ersten Korb eingefangen. Wie lange ich auf eine positive Antwort einer (andern) heimlich Angebeteten warten musste, weiss ich nicht mehr. Unbemerkt bleiben konnte die Eroberung nicht lange: «Die händ denand als Schatz, die händ denand als Schatz …»

Freundschaft im Lebenslauf
Die Frage nach dem Wert der Freundschaft macht mich hellhörig. Wem soll, wem darf ich meine Freundschaftspalme zugestehen? Und überdies: Wessen Freundschaft habe ich verdient? Unzählige Figuren klopfen an die Tür meiner Erinnerungen: Gspänli aus dem Sandkasten, Nachbars-Gofen, Begleiterinnen und Begleiter vom Schulweg, Mitstifte, Kumpel aus dem Turnverein, Suchende im Kreis der Jungen Kirche, Militärkameraden (so bezeichnet, weil dienstvorschriftlich so befohlen), Stammtischbrüder, Kolleginnen und Vorgesetzte aus allen Phasen meines Berufslebens, Mitpilger auf dem Camino, durch Familienbande Nahestehende.
Und zwischen all diese Mädchen und Buben, diese Frauen und Männer, drängelt sich ab und zu die Katze aus meinem Elternhaus, schmiegt sich – leider auch nur noch in der Erinnerung – der Schäferhund-Mischling Charlie, mein Begleiter während der vergangenen zehn Jahre, an mich. 
Seit Jahren wundere ich mich, dass ich immer wieder in dieselbe Lage gerate: Anfänglich kritische, fast ablehnende Haltung gegenüber bislang fremden Menschen hat sich nicht selten als gesunder Nährboden für schöne Beziehungen erwiesen. Meinungsverschiedenheiten können ein guter Dünger sein. Wo räumliche und zeitliche Distanz Verbindungen zu Bruch gehen liessen, haben Wiederbegegnungen – und seien sie noch so herbeigewünscht – unterschiedliche Facetten: Mit den einen Leuten lässt sich so reden, als hätten wir uns erst am Vorabend unterhalten; anderen, einstmals noch so Vertrauten, hockt man beim Wiedersehen schier sprachlos gegenüber.

Freundschaft im Lebensrückblik
In diesem Auf und Ab der Gefühle offenbart Der Prophet von Khalil Gibran eine wunderbare Erkenntnis: «In der Freundschaft werden alle Gedanken, alle Wünsche, alle Erwartungen ­ohne Worte geboren und geteilt, mit Freude, die keinen Beifall braucht. Wenn ihr von eurem Freund weggeht, trauert ihr nicht, denn was ihr am meisten an ihm liebt, ist vielleicht in seiner Abwesenheit klarer, wie der Berg dem Bergsteiger von der Ebene aus klarer erscheint.»

Eben ist mir ein Schulfoto in die Finger geraten, aufgenommen vor 60 Jahren. Neugierig-kritisch schauen wir gut Zwölfjährigen in die Kamera. Kameraden, Gespanen, Mitschüler? Wenn wir uns im Herbst nach geraumer Zeit im Klassenverband treffen, wird wohl auch die Frage wieder aktuell: Wem soll, wem darf ich meine Freundschaftspalme zugestehen? Wessen Freundschaft habe ich verdient? 

Text: Hans Ruedi Fischer (fis), Wildhaus | Fotos: as  – Kirchenbote SG, Juni / Juli 2015


Von Jürg Hartmann erfasst am 06.01 2020 09:42

Fragen an...

Fragen an Buddha, Fragen an Allah, Fragen an Gott, Fragen an Manitou, Fragen an Mohammed, Fragen an das Göttliche im Menschen: Wenn ich mir vorstelle, das Göttliche würde mir gegenübersitzen, was wäre dann? So setze ich mich hin und bitte das Göttliche, mir gegenüber Platz zu nehmen. Die Stühle sind bequem, sehr geeignet, ganz hier zu sein. Ganz. Da sitzen wir zwei, schweigsam, nachdenklich aber ganz da. Mich sieht man gut, mich erkennt man gut, das Göttliche aber lässt weder Worte noch Bilder zu, denn in Worte und Bilder gefasst ist das Göttliche nicht mehr göttlich sondern menschlich. Für unsere Kinder sind die Bilder wichtig und notwendig, für erwachsene Menschen bezweifle ich das ernsthaft. Die Antworten aber, die kann ich hören, vielleicht auch wahrnehmen, das reicht, muss reichen. Und so komme ich zu meiner ersten Frage: «Ich weiss, ich könnte Dich jetzt fragen, warum Du all das Schreckliche, Böse und Teuflische auf dieser Welt zulässt, die Kriege, die Gewalt, Vernichtung und Tod. Doch genau diese Frage stelle ich jetzt nicht. Ich versuch’s also andersherum. Ich frage Dich und nur Dich: Wie kommt es denn, dass wir Dich immer wieder fragen, was ich fragen könnte wie oben erwähnt. Wie also kommt das?» Das Göttliche ist irgendwo im Raum, meine ich, seine Stimme aber kann ich klar und deutlich hören, das ist die Hauptsache, und damit höre ich auch seine Antwort. ES sagt: «Deine Frage ist gut, lieber Mensch, ich denke nach. Kannst Du Dir vorstellen, welcher Art meine Gedanken hier sind?» Ich bin überrascht. Da stelle ich ihm eine meiner ganz wichtigen Fragen und nun soll ich mir vorstellen, was ES meint, was ES denkt. Komisch, ungewohnt, ich weiss nicht recht und bin verwirrt. So antworte ich: «Du siehst, Deine Antwort macht mich wirr, die Worte in meinem Kopf fliegen kreuz und quer und suchen nach einer Ordnung. Das will nun heissen, ich denke nach, ich denke laut nach, dann kannst Du meine Gedanken gleich mithören. Also: Deine Antwort wirkt, ich beginne zu suchen, suche jedoch bei mir und in mir. So weit bin ich im Moment.» Das Göttliche antwortet sofort: «Ganz genau, Du hast es erkannt denn Du suchst bei Dir. Du suchst nicht in den Wolken, hinter denen Du mich vermutest, Du suchst nicht beim Papst, meinem angeblichen Stellvertreter auf Erden, Du suchst nicht aussen, sondern innen, das ist der Punkt!» Damit bin ich wieder allein im Raum, allein mit meinen Fragen, ganz auf mich zurückgeworfen, auf mich gestellt. Vielleicht ist das der Punkt, vielleicht ist das die Antwort des Göttlichen an mich: «Geh auf die Suche, immer wieder, und suche in Dir, mit Dir und natürlich auch zusammen mit anderen Menschen. Doch bleib auf der Suche, immer.»

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