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Kirche, Leben & Glauben

Sticker, Bauer, Totengräber

01.01.2016
Er ist Sticker, Bauer und Totengräber im Nebenamt: Willi Gasser aus Diepoldsau. Am 6. April feiert er seinen 80. Geburtstag. 60 Jahre lang war er Totengräber in seinem Heimat- und Wohnort. Als Aushilfe stehe er weiterhin zur Verfügung, sagt er und seine Augen leuchten.

In der Rheintal-Ebene ist es längst grün – Willi Gassers siebenjährige grauschwarz-getupfte Appenzeller-Bergamasker-Mix-Hündin Sara empfängt mit schönem Gebell und viel Gewedel, legt sich auf den Rücken, sobald Gasser sie streichelt – «man muss ihr flattieren», lacht er. Nebenan weiden 45 Schafe; rote, weisse, schwarze, und Sperber-Hühner kommen angewadelt, wenn er «Chomm Bibi!» ruft – und plaudern leise. 

In seiner Garage stehen 40 Jahre alte Geranien mit ersten grünen Blättchen. Grüner Daumen, menschenfreundlich und tierlieb: Das ist Willi Gasser – ein Mann, der in sich selber ruht.

Der Tod ist kein Martyrium
Ist der Tod ein Martyrium? Nein, sagt er: Er möchte nur in Würde, ohne Leiden und schnell sterben. «Ich habe keine Angst vor dem Tod. Im Jenseits ist es viel schöner als hier.» Einen würdevollen Tod hat er seiner geliebten Frau ermöglicht: Sie war sehr lang krank. «Bloss nicht ins Pflegeheim», war ihr grösster Wunsch. Er hat ihn ihr erfüllt; er pflegte sie zwei Jahre lang – bis zuletzt.
Für manche ist das ganze Leben ein Martyrium, für andere ausschliesslich die letzte Phase – für viele Hinterbliebene der Tod: «Hätte ich nur, wäre ich nur», jammern sie. «Dann ist es zu spät»,  bedauert Willi Gasser.

«Ich habe oft gedacht, ich werde nie 80», gesteht er. Sein Vater, ein Sticker, starb 74-jährig, ein Bruder mit 79, ein anderer mit 56 an Herzversagen. Manche Leute konnten nicht verstehen, warum er bis 80 arbeitete: «Ich arbeite gern; ich musste nie ein Knie operieren – und ich war noch nie krank.» Als Landwirt will er nicht in den Ruhestand treten: «Ich habe ja Maschinen.» Er bewirtschaftet neun Hektaren – Gras, Silofutter – und züchtet Schafe. «Ich war noch nie in den Ferien», sagt er.

Zehn Mal fast tot
Keine Kinderkrankheiten, keine Grippe – aber: «Ich hatte schwere Unfälle; ich hätte schon zehn Mal tot sein können.» Er zählt auf: Er war im Traktor eingeklemmt und erlitt einen innerlichen Blut­erguss, der spontan heilte: «Ich habe gebetet», sagt er. Einmal wurde er im Silo bewusstlos: «Eine Woche lang war mir schlecht – das wäre ein schneller Tod gewesen.» Dann stürzte ein Fuder Gerstenballen auf ihn. Der Arzt sprach von Operation; die Schulter heilte «von selber». Als er beim «Bschötte» unvorsichtig war, knallte ihm das Druckfass an den Kopf; er benötigte eine Bluttransfusion. Zur Ärztin sagte er: «Sonst wäre ich schon im Himmel.» Beim Wäscheaufhängen stürzte er auf den Betonboden, blutete aus dem Ohr; beim Entfernen von Spinnweben fiel er auf den Heuboden. Eine zänkische Kuh rammte ihm statt der Konkurrentin ein Horn ins Kreuz. «Wenn die Uhr abgelaufen ist – und wenn’s schon morgen ist –, ich bin voller Zuversicht. Ich weiss, dass es am andern Ort schöner ist», sagt er gelassen.

Aufgewachsen ist Willi Gasser als Sohn eines Stickers. Der Grossvater, ein Bauer, wurde mit 38 vom Stier getötet – der kleine Willi war zwei Jahre alt. Schon als Junge arbeitete er mit, lernte Sticker, besuchte die Stickereifachschule – und wurde mit 18 Gehilfe des Totengräbers. Dazu gehören: Einsargen, mit dem Leichenwagen zur Beerdigung fahren, mit einem Kleinbagger das Grab ausheben und den Blumenschmuck arrangieren. «Heute gibt es nicht mehr viele Erdbestattungen», sagt Willi Gasser. Immer häufiger gebe es Abdankungen ohne Sarg, nur mit Urne: «Da fehlt der Bezug zum Verstorbenen.» 

 Text: Margrith Widmer, Teufen | Foto: as   –  Kirchenbote SG, April 2015

Fasziniert vom Tode

KIBO: Wie wird man Totengräber?

Willi Gasser: Ich wollte schon als kleiner Junge Totengräber werden. Als kleines Kind habe ich gerne Tote angeschaut. Meine Grossmutter starb, als ich drei Jahre alt war; mein Bruder starb mit zehn an einem geplatzten Blinddarm. Früher wurden die Verstorbenen vor der Kirche aufgebahrt. Ich ging immer schauen und wurde weggejagt. Da stellte ich mich in die Reihe mit den Angehörigen. Der alte Totengräber konnte mich nicht mehr verjagen.
 

Totengräber werden mit Aberglauben verfolgt: Gibt es Menschen, die ausweichen?
Manchmal. In einem Restaurant sagt schon einer: «Nein, neben den Totengräber sitze ich nicht.»

Bestatter auf dem evangelischen und dem katholischen Friedhof: Ist das nicht aussergewöhnlich?

Als ich 20 war, starb mein Vorgänger, bei dem ich seit 18 Gehilfe war. Ich war der einzige Bewerber und wurde angestellt. 1976 wurde ein Toten­gräber für den katholischen Friedhof gesucht. Wieder war ich der einzige Anwärter und wurde engagiert.

Gab das keine hochgezogenen Augenbrauen?
Doch: Wenn ich als Evangelischer in aller Herrgottsfrühe auf den katholischen Friedhof ging, wurde ich von einigen alten Damen offen 
angefeindet. Inzwischen nimmt niemand mehr Anstoss.

Wie benehmen sich die Angehörigen?
Das hat sich stark verändert. Früher blieben die eingesargten Verstorbenen im Haus bis zur Beerdigung. Es gab ein einziges Sargmodell, ein schwarzes. Dann ging’s mit Pferd und Wagen und dem Trauerzug durchs Dorf. Das war feierlich und schön – ein ganz anderer Abschied. Heute wollen viele Menschen die Verstorbenen nach dem Einsargen gar nicht mehr anschauen. Sie argumentieren, sie wollten sich an den lebenden Menschen erinnern. Das verstehe ich nicht. Manche Verstorbenen sind schöner als Leiche als zu Lebzeiten: so schön, so gelassen.

Was macht am meisten zu schaffen?

Schlimm finde ich, wenn die Hinterbliebenen noch während des Einsargens ums Erbe streiten. Wenn jemand sehr gelobt wird für seine Tugenden, frage ich: Hast du ihn schon mal beim Erben erlebt? Was schmerzt: Wenn die Angehörigen auf dem Friedhof nicht wissen, wie sehr sie weinen sollen – und beim Leichenmahl wird laut erzählt, pietätlos gelacht und gescherzt. 

Text: Margrith Widmer, Teufen 


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