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Politik

«In diesem Land hat es genug Platz»

In Olten berichtete die Friedensaktivistin Sumaya Farhat-Naser über die schwierige Situation in Palästina. Die Diskriminierung und Vertreibung ihrer Landsleute hätten zugenommen. Trotzdem will sie sich nicht zu Hass und Hoffnungslosigkeit hinreissen lassen.

Wenn Sumaya Farhat-Naser über ihre Heimat Palästina referiert, zeigt sie drei Karten: Eine von 1948, dem Gründungsjahr von Israel, eine von 1990 als der Friedensprozess nach Camp David einsetzte und eine von heute. Nüchtern dokumentieren sie die Tragödie der Palästinenser. Ihre Gebiete schwinden massiv, sodass sie einem Fleckenteppich gleichen. Letzte Woche reiste Sumaya Farhat-Naser auf einer Vortragsreise durch die Schweiz.

Sumaya Farhat-Naser lässt sich von der politischen Situation nicht entmutigen. In Schulen und Frauengruppen lehrt sie seit Jahren gewaltfreie Kommunikation und engagiert sich in der Friedensbewegung.

Zahlreiche Auszeichnungen
Sumaya Farhat-Naser hat Biologie, Geografie und Erziehungswissenschaften in Hamburg studiert. Berühmt wurde sie durch ihre Bücher, in denen sie das Schicksal und den Alltag unter israelischer Besatzung schildert. Seit 1982 arbeitete sie als Dozentin für Botanik und Ökologie an der Universität Birzeit in Palästina.

Für ihr Engagement wurde die 68-Jährige mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Trotz dieser Ehrungen bleibt sie auf dem Boden. Sie misstraut jeglicher Ideologie, die die Menschen fanatisiere, ihre Seelen vergifte und die Religionen missbrauche. Ihre Ratschläge sind hemdsärmlig. Ab und zu blitzt der Schalk der Grossmutter auf. Ohne Pathos sagt sie, «alle Menschen sind gleich», «Gott hat uns das Land verheissen und will, dass wir dort alle leben – Juden, Christen und Muslime» oder «man hasst nicht von Geburt an».

Solche Aussagen sind in Europa normal. In einer Region, in der seit über 80 Jahre Krieg herrscht, hört man sie selten. Doch Sumaya Farhat-Naser wiederholt sie wie ein Mantra, als müsste sie die Hoffnung ins Hirn der Menschen brennen. Sie ist davon überzeugt: «In diesem Land hat es genug Platz für alle.» In dieser Situation hätten viele Palästinenser die Hoffnung verloren, sagt sie, während die Israelis wegschauten. Die israelische Friedensbewegung befinde sich im Koma angesichts des Fanatismus und der sozialen Probleme im eigenen Land. Viele Israelis wanderten ins Ausland aus. Der Westen wage nicht einzugreifen. Niemand empöre sich darüber, denn der Krieg in Syrien und die Flüchtlingskrise beherrschten die Politik.

Verzweiflung und Angst
Für Sumaya Farhat-Naser sind die Messerattacken der Palästinenser auf Israelis Ausdruck der Verzweiflung. 33 Israelis wurden erstochen, 230 Palästinenser wurden erschossen. Da sei jedes Menschenleben zu viel. Farhat-Naser will nicht in der Hoffnungslosigkeit verharren. Vor kurzem wurde das zweite Kulturzentrum fertiggestellt, das sie initiiert hatte. Trotz Erschwernissen durch Mauern und Kontaktverbot ruft sie beide Lager auf, den Kontakt und das Gespräch zu suchen. So könne man auch den Standpunkt des anderen kennenlernen.

Man sehe beispielsweise die Angst der jungen israelischen Soldaten, die überfordert den Finger allzu leicht am Abzug hätten. Gerade Frauen erlebten oft, wie ein Lächeln den Kern aufweicht. Und Sumaya Farhat-Naser kennt etliche Israelis, welche die palästinensische Friedensaktivistin unterstützen. Das gebe ihr Kraft und den Mut, weiterzukämpfen.

4,5 Millionen Palästinenser auf engstem Raum
In ihrem Vortrag schilderte Sumaya Farhat-Naser die heutige schwierige Situation der Palästinenser. Seit dem Scheitern des Friedensprozesses in den 90er-Jahren drängt Israel die Palästinenser zurück und annektiert ihr Land. Systematisch werden ihre Rechte durch das Militärgesetz beschnitten. Heute leben 4,5 Millionen Palästinenser auf engstem Raum, der durch die Siedlungen immer kleiner wird. Aus Gründen der Sicherheit baut Israel Mauern um die palästinensischen Städte und riegelt sie ab. Nur stundenweise können die Einheimischen die Checkpoints und Eisengates passieren. Palästina gleiche drei ummauerten Inseln, die schlecht miteinander verbunden seien, sagt Fahrhat-Naser. «Human Deportation» nenne sich diese Politik mit dem Ziel, die Palästinenser aus ihrem Land zu vertreiben.

Tilmann Zuber / 28. April 2016


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