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«Wunder eine Aufforderung»

01.01.2016
Wunder muten in einer aufgeklärten Welt, in der das Messbare und wissenschaftlich Belegbare das Mass aller Dinge zu sein scheinen, wie ein Relikt aus vergangenen Tagen an. Und doch fasziniert das Thema die Menschen nach wie vor.

So verwundert es nicht, dass demnächst ein Buch erscheint, das sich dem Phänomen Wunder aus verschiedenen Blickwinkeln anzunähern versucht: «Wunder. Variationen von Zsuzsa Bánk bis Feridun Zaimoglu». Denn um ein Phänomen, eine Erscheinung oder die Wahrnehmung eines Ereignisses handelt es sich ja bei einem Wunder.
Der Zürcher Schriftsteller Urs Faes hat einen Beitrag zu diesem Buch beigesteuert. Zwei Bibelstellen wurden ihm vorgegeben: Der Durchzug der Israeliten durch das geteilte Meer auf der Flucht vor den sie verfolgenden Ägyptern und die Wiedererweckung des Jünglings von Nain. Letztere Wundererzählung aus dem Neuen Testament ist Ausgangsmotiv für den Beitrag von Urs Faes. Inhaltlich wird eine Spontanheilung geschildert, Krebszellen, die plötzlich nicht mehr unbändig wachsen, sondern überraschend absterben, entgegen den wissenschaftlich-medizinischen Gesetzen.
Gerade bei einem solchen Ereignis geschieht jenes Wunder, das wir heute noch zulassen können: Ein Vorgang, der wissenschaftlich nicht erklärt werden kann. Noch nicht, denn vieles, was früher als Wunder gewertet wurde, ist heute erklärbar. Sind deshalb Wunder heute so selten?
Urs Faes ist nicht die Definition des Wunders wichtig, sondern die Haltung der Menschen, die am Wunder beteiligt sind. Im Dreigespann von Definition, Wahrnehnung, Interpretation geht es Urs Faes um die Wahrnehung. Sie bildet den zentralen Punkt. Weil wir im rasanten Alltag unbeirrt unsere Ziele verfolgen und uns geistig immer schon am nächsten Ort befinden, obwohl wir physisch noch nicht dort sind, fehlt uns der Blick und die Offenheit für die Fülle an anderen Wegen und Möglichkeiten, die, entgegen der alltäglichen Realität, eintreten könnten.
Urs Faes vermeidet es, Interpretationen zu geben. Er gibt den Lesenden lieber Leerräume, die sie aus ihren Erfahrungen heraus füllen können. Wunder sind, so Urs Faes, eine Aufforderung, uns den Möglichkeiten des Lebens zu öffen.



Wunder. Variationen von Zsuzsa Bánk bis Feridun Zaimoglu, edition chrismon. ISBN 978-3-86921-097-1

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