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«Wer den Karfreitag zum Partytag macht, tut mir leid»

01.01.2016
«Wer den Karfreitag zum Partytag macht, tut mir leid» Die Kirchen sollen sich für ihre Feiertage stark machen, fordert Thomas Schlag, Professor für Praktische Theologie. Denn es gehe dabei um nicht weniger als die «eigene geschenkte Lebenszeit».

Herr Schlag, heute stehen die christlichen Feiertage unter Druck. In verschiedenen Kantonen gibt es politische Vorstösse, die Ruhetage für Sportveranstaltungen oder Verkaufs-Messen zu öffnen.
Diese Ruhetage sind längst schon für viele Menschen Arbeitstage und die christlichen Feiertage bestimmen oft nur noch in formalem Sinn den Jahresrhythmus. Insofern sollte man deren Bedeutung nicht verklären. Gleichwohl ist aus meiner Sicht der weiteren Kommerzialisierung der freien und bewusst ruhigeren Zeiten kritisch zu begegnen.

Sollen sich die Kirchen dagegen wehren?
Unbedingt. Die Kirchen sollten sich dabei nicht als Spielverderber darstellen lassen, sondern selbst­bewusst erklären, weshalb der jeweilige Feiertag theologisch und kulturell guten Sinn macht. Dieser tiefere Sinn wird aber nur deutlich, wenn die Kirchen diese Feiertage mit eigenen attraktiven Angeboten und Informationen füllen, beispielsweise spezielle Gottesdienste, Gemeindeanlässe und auch eigene alternative Veranstaltungen anbieten.

Geben solche Feiern nicht dem Leben die Würze? Gehören sie nicht zu einem erfüllten Leben? Ermöglichen sie uns schlussendlich nicht unsere Auseinandersetzung mit Leben und Tod?
Das genau kann man als einen wesentlichen Kern bezeichnen. Diese Tage bringen die Frage nach dem Sinn des Lebens auf einen bestimmten Zeit-Punkt. Sie dienen auch dazu, Dank und Lob für das zu artikulieren, was wir auf oftmals wundersame Weise an Positivem empfangen. Insofern geht es bei diesem Thema vor allem um unseren eigenen Umgang mit der eigenen geschenkten Lebenszeit.

Bei der älteren Generation gehören die Festtage noch zur gelebten Tradition. Doch wie sieht es bei Jugendlichen aus?
Jugendliche haben durchaus einen Sinn für tiefgründiges Feiern. Man sollte deren Erleben nicht unterschätzen. Erfahrungen etwa mit Jugendkreuzwegen in der Passionszeit zeigen dies sehr deutlich. Aber auch hier gilt: Weihnachten und Ostern werden nur bedeutsam bleiben, wenn die Kirchgemeinden erkennbar deutlich machen, was dieses Feiern ihnen selbst bedeutet. Zum Glück haben die Kirchen inzwischen eigene Bildungsangebote entwickelt, in denen Kindern und Jugendlichen der Sinn und die Schönheit dieser Feste deutlich wird.

Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn sie den Sinn ihrer Rituale und Feste vergisst?
Das ist problematisch. Zum einen, weil man sich damit einen wesentlichen Teil der eigenen Kultur abschneidet, sowohl was musikalische, bildliche oder textliche Erinnerungen angeht. Zum anderen ist es bedenklich, wenn man dann als Ersatz auf Fun und oberflächliche Unterhaltung setzt. Der Verzicht auf christliche Jahresfeste ist auch ein Verzicht auf das gewachsene und immer noch spezielle kulturelle Profil unserer Gesellschaft. Wir verlieren damit unsere Wurzeln.

Für viele bedeuten Ostern und Weihnachten Geschenke, Schoggiosterhasen oder Familienfeiern. Braucht unsere Gesellschaft noch den christlichen Bezug zu ihren Feiertagen?
Blickt man auf andere Regionen der Welt und sieht dort, wie ein lebendiges Christentum diese Feiern als Ausdruck des eigenen Glaubens begeht, so sollte man sich für diesen Verlust an geistlicher Erinnerungskultur schämen. Das schliesst ja nicht aus, dass diese Feste auch besondere Familienzeit und Freizeit eröffnen. Aber es sollte gleichwohl geschützte Zeiten geben wer auch noch den Karfreitag zum Partytag machen will, tut mir erst einmal vor allem leid. Ein unterschiedsloses Alltags- und Sonntagsgefühl ist dem eigenen körperlichen wie geistigen und geistlichen Wohl auf Dauer abträglich.

Warum tut er Ihnen leid? Was verpasst er?
Gerade in der immer atemloseren Gesellschaft sollten wir die wenigen verbleibenden Möglichkeiten nutzen, um im wahrsten Sinn des Wortes zur Besinnung zu kommen und auch Beziehungen zu pflegen, die es wert sind, gepflegt zu werden. Ich bin mir nicht sicher, ob man dafür dauerverfügbare Party-Angebote braucht.

In Deutschland fordern Politiker neben den christlichen Festen noch muslimische Feiern in das Festjahr einzufügen. Statt Weihnachten könnten Muslime dann ihren eigenen Festtag einziehen. Macht das Sinn?
Natürlich sollten Angehörige anderer Religionen ihre Feiertage im Rahmen des Möglichen feiern können. Die feste gleichberechtigte Etablierung eigener Feiertage erscheint mir als ein etwas künstliches Zeichen politischer Korrektheit, aber kaum als angemessen. Das hätte zur Folge, dass Muslime an den Weihnachtstagen arbeiten müssten und Atheisten überhaupt keinen Feiertagsschutz beanspruchen dürften beides mag man sich kaum vorstellen. Die schweizerische Gesellschaft hat ein geprägtes Ensemble von christlich geprägten Feiertagen, die nun auf eigene Weise nach wie vor bedeutsam sind. Eine Angleichung mit Feiertagen anderer Religionen entspricht weder der Geschichte noch der faktischen Religionsverteilung in der Schweiz.

Wie sieht die Zukunft der kirchlichen Feiertage aus?
Ob sie beibehalten werden, hängt vom öffentlichen und politischen Willen ab und davon, ob sich ihr Sinn erschliesst. Da sind die Christen und Kirchgemeinden gefragt, für sich selbst ihre Form des Gedenkens und Feierns bewusst und öffentlich und mutig zu pflegen.

Interview: Tilmann Zuber

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