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Wie wenig ist genug?

01.01.2016
Die Mindestlohn-Initiative ­fordert einen Ansatz von 4000 Franken, um den Lebensunterhalt zu sichern. Bei der Frage, ob dies gerecht sei, hält sich der Schweizerische Evangelische Kirchenbund zurück. Flagge zeigen hingegen die reformierten Frauen.

Initiativen wie «1:12», «für eine Erbschaftssteuer», oder «für ein bedingungsloses Grundeinkommen» zeigen, die Schweiz diskutiert intensiv über die soziale Zukunft des Landes. Am 18. Mai befindet das Stimmvolk über die Mindestlohn-Initiative. Wie bei all diesen Vorlagen übt sich die Reformierte Kirche im Gegensatz zur Katholischen in Zurückhaltung. Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund SEK gibt zu dieser Initiative kein Communiqué heraus, erklärt SEK-Mediensprecherin Anne Durrer. Noch im März hatte die Abgeordnetenversammlung des SEK beschlossen, sich zur dieser Abstimmung zu äussern.

«Ein Ja zur Vorlage sorgt für mehr Lohngerechtigkeit der Geschlechter»
Mobil jedoch machen die reformierten Frauen: Der Zentralvorstand der Evangelischen Frauen Schweiz EFS befürwortet die Mindestlohn-Initiative. Der EFS vertritt als Dachverband die Interessen von 40 000 Frauen. «Ein Ja zur Vorlage sorgt für mehr Lohngerechtigkeit der Geschlechter», erklären die Präsidentinnen Liselotte Fueter und Dorothea Forster. Mindestlöhne seien ein effizientes Instrument gegen die Lohndiskriminierung der Frauen. Vor allem Frauen seien von Tieflöhnen betroffen. Sieben von zehn Personen, die für einen vollzeitlichen Monatslohn unter 4000 Franken arbeiten, sind weiblich. Trotz Lehrabschluss erhielten im Jahr 2010 dreimal mehr Frauen (15,7 Prozent) als Männer (5,6 Prozent) nur einen Tiefstlohn, stellt der EFS fest.
Die sozialen Folgen dieser Tieflöhne treffen vor allem Familien und Frauen im Alter. Junge Frauen könnten es sich nicht leisten, eine Familie zu gründen, so der EFS. Später droht den Kindern, in «relativer Armut» aufwachsen zu müssen. Die fehlenden Mindestlöhne führten im Alter zu Armutsrenten. Der Verband EFS hält fest: «Wer im Erwerbsleben einen anständigen Lohn erhält, hat im Alter eine Existenz sichernde Altersvorsorge.»

Was ist ein gerechter Lohn?
Mit der Frage nach Lohngerechtigkeit und Mindestlohn beschäftigte sich ein Podium in Liestal, auf dem namhafte Vertreter der Wirtschaft, Ökonomie und Kirche sassen. «Was ist ein gerechter Lohn?», fragte Moderator Georg Pfleiderer das Podium. Mit seiner Frage stach der Theologieprofessor im Liestaler Kirchgemeindehaus Martinshof in ein Wespennest. Organisiert hatte das Podium vor kurzem das Pfarramt für Industrie und Wirtschaft beider Basel und die Fachstelle Gender und Bildung Baselland.
Auch wenn sich alle Teilnehmenden auf dem Podium einig waren, dass der Lohn ein Leben in Würde ermöglichen sollte, gingen die Meinungen bald auseinander. Für Franz Saladin, Direktor der Handelskammer beider Basel, hat Lohngerechtigkeit mit Freiheit, Verantwortung und Leistungsbereitschaft zu tun. Recht auf Lohn stände manchmal im Widerspruch zum Recht auf Arbeit . «Was nützt es, wenn die Arbeit aufgrund der hohen Löhne ins Ausland verlegt wird?», argumentierte Franz Saladin. Zu hohe Löhne gefährdeten die Arbeitsplätze. Mit einem Mindestlohn von 4000 Franken hätte ein Hotelier in Poschiavo keine Chance gegenüber der Konkurrenz auf der italienischen Seite. «Die Frage der sozialen Gerechtigkeit sollte man über die Sozialpolitik lösen.»
«Ungerechte Lohnpolitik kann man spüren», erklärte Unia-Gewerkschaftssekretär Roman Künzler. Ihm sträubten sich sämtliche Haare, wenn er sehe, wie in der Schweiz 330'000 Personen hart arbeiten und trotzdem weniger als 4000 Franken im Monat verdienen Nur mit staatlichen Zuschüssen kommen sie über die Runde.
Béatrice Bowald forderte, es müsste möglich sein, mit der Arbeit seine Existenz zu bestreiten, ohne staatliche Hilfe zu benötigen. Störend findet die Co-Leiterin des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft, dass vorwiegend Frauen und Migranten im Tieflohnbereich arbeiteten, sei es im Detailhandel, in der Gastronomie, der Hotellerie, der Gebäudereinigung oder im Gartenbau. Ein Fragezeichen setzte Bowald bei der Limite von 4000 Franken. Eine Einzelperson im Tessin oder im Wallis könne damit ihr Leben bestreiten. Für einen Familienvater in Zürich sei dies schlicht zu wenig. In ihrem Votum unterschied Béatrice Bowald zwischen Leistungs- und Bedarfslohn. Es sei fraglich, ob die Leistungen der Topmanager analog ihrer Gehälter so viel grösser seien als jene der unteren Einkommen.

«Gerade Jobs, die niemand gerne erledigt, sind zu schlecht bezahlt»
Carlo Knöpfel findet die Lohngestaltung alles andere als fair. «Gerade Jobs, die niemand gerne erledigt, sind zu schlecht bezahlt.» Der Dozent der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz warf den Gewerkschaften vor, sie hätten in den letzten Jahren verpasst, die Anliegen der Frauen aus den Tieflohnsektoren aufzugreifen. In diesen Branchen stosse die Unia auf geschlossene Türen, erklärte Roman Künzler. Die Arbeitgeber drängten die Gewerkschaften aus den Betrieben. Inzwischen, so Künzler hätten gerade im Detailhandel Firmen wie Lidl, Bata oder H&M ihren Mindestlohn auf 4000 Franken angehoben.
Carlo Knöpfel forderte die Politik auf, die Frage nach der gerechten Gestaltung der Gesellschaft grundsätzlich anzugehen. Die Schere zwischen Arm und Reich drifte auseinander. Die Volksinitiativen seien Alarmzeichen, dass die Sozialpartnerschaft in der Schweiz ins Wanken geraten sei, gerade bei den Tieflohnstellen. Die Wirtschaft baue auf stabilen und fairen Verhältnissen. Im Moment sei man daran, diese Stabilität und damit den Erfolg der Schweiz zu verspielen. «Für den Erfolg der Schweizer Wirtschaft sind nicht die tiefen Löhne ausschlaggebend, sondern, dass qualifizierte Arbeit geleistet wird. Wir befinden uns deshalb auf dem Holzweg», so der Ökonom.

Tilmann Zuber, Text und Bild

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