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«In Beziehungen kann man nicht alles mit Verstand erklären»

01.01.2016
Väter haben Kinder. Doch ändern sich die Gefühle, wenn das Kind nicht das eigene ist? Rainer Fust darüber, wie ein «fremdes» Kind sein eigenes wurde.

Rainer Fust* glättet die Kinderzeichnung. Sie zeigt zwei Berggipfel, die sich im blauen Wasser des Sees spiegeln. Am Horizont geht die Sonne blutrot unter. Das Bild hat seine Tochter gemalt. Es strahle so viel Ruhe und Zuversicht aus, meint der Siebzigjährige. Seine Stimme zittert. Das Gespräch geht ihm nahe. An der nahen Uferpromenade des Luzerner Beckens, das man vom Fenster aus sieht, promenieren junge Familien.
Die Zeichnung entstand im Moment, als sich seine Frau von ihm trennte. Man will einwenden, ob Fust nicht das brennende Rot und Gelb der Sonne sehe, das brodelt wie in einem Vulkan. Doch Rainer Fusts Vertrauen ist entwaffnend. Man könne ihn als naiv oder gar blöd bezeichnen, räumt er später ein. «Doch Naivität kann auch ein Schutz sein.» Vielleicht hat Rainer Fust einfach ein grosses Herz, in dem viele Platz haben: Seine Frau und seine vier Töchter, von denen eines nicht sein Kind ist und doch sein Kind wurde.

Kann ich die Tochter lieben?
Doch der Reihe nach: Im Alter von 40 Jahren wurde Fusts Frau plötzlich schwanger. Die Familie zählte schon drei Töchter. Rainer hegte anfänglich Bedenken, ein Kind in diesem Alter? Doch die Ängste zerstreuten sich bald. Der 49-Jährige freute sich auf die Geburt und das Kind. Denn er liebte seine Kinder. Rainer Fust war trotz seiner Kaderstelle in der Wirtschaft, die ihn stark beanspruchte, ein Familienmensch. Er wollte den Seinen etwas bieten und konnte sich dies auch leisten: Regelmässig fuhr die Familie in den Ferien nach Frankreich, Italien, Schweden, Israel und Thailand.
Kurz vor der Geburt teilte ihm seine Frau mit, dass das Kind nicht von ihm sei. Auf einer Chorreise habe sie bei einem gemeinsamen Bekannten übernachtet. Da sei es dazu gekommen. Rainer Fust kannte den Mann. Er wusste, dass seine Frau ihn mochte, doch das sei nur platonisch, habe sie ihm versichert.
Für Rainer Fust brach eine Welt zusammen. Er sollte ein Kind bekommen, das nicht das seine war. Er befürchtete, dass er es nicht so lieben könnte wie die anderen. Dann kam die Tochter zur Welt. Die Geburt war unproblematisch, erzählt Rainer Fust. Die Hebamme forderte ihn auf, das Mädchen zu baden. Als es dann auf dem Tisch lag und mit seiner kleinen Hand seinen Finger ergriff und drückte, da wusste er, er würde dieses Kind lieb haben. Auch wenn er schon damals an ihm einen Gesichtszug des Nebenbuhlers entdeckte. «Ich hatte die Kleine auch gerne, denn sie war die Tochter der Frau, die ich liebe», blickt er heute zurück.
Rainer Fust war klar, er wollte der Vater sein und die finanzielle Verantwortung übernehmen. «Ich war nicht bereit, diese Rolle mit ihrem leiblichen Vater zu teilen», so Fust. Das Geheimnis dieser Vaterschaft behielten die Fusts für sich.
Rainer Fust hatte gehofft, dass sich nach der Geburt die Ehe verbessere. Seine Frau jedoch brach die Beziehung zu ihrem Liebhaber nicht ab. Im Gegenteil: Nach sechs Jahren teilte sie ihrem Ehemann mit, sie wolle sich von ihm trennen. Sie beabsichtige auszuziehen. Rainer Fust geriet in Panik, nun nicht nur seine Frau, sondern auch sein viertes Kind zu verlieren. Er suchte einen Anwalt auf, der ihm versicherte, er bleibe der Vater. Man könne die stillschweigende Adoption nach fünf Jahren nicht mehr rückgängig machen. Fürs Erste war er erleichtert.
Es folgte die schwierige Zeit der Trennung. Rainer Fust war traurig, verletzt und wütend auf den Nebenbuhler. Doch die Kinder sollten unter der Situation nicht leiden. Alle zwei Wochen sah Fust seine Tochter an den ihm zustehenden Wochenenden. Auch die Ferien verbrachten sie gemeinsam.

Geborgenheit und Sicherheit
Als sie neun Jahre alt war, beschlossen die Eltern, ihrer Tochter mit Hilfe einer psychologischen Beratung zu sagen, dass Rainer Fust nicht ihr leiblicher Vater ist. Fust hatte den Verdacht, dass die Tochter es ahnte, als sie ihn fragte: «Gell, man kann nicht Vater sein, wenn man nicht verheiratet ist?»
Das Mädchen nahm es gut auf. Auch weil ihr Rainer Fust zu verstehen gab, dass er sie nach wie vor liebe. Daran würde sich nie etwas ändern. Er setzte seine Kinder nie unter Druck, sich für einen der Elternteile entscheiden zu müssen. Er wollte ihnen trotz chaotischer Beziehung ein Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit vermitteln. In den Ferien auf Korsika etwa brachte er seine Tochter zur Mutter und dem anderen Mann, die in der Nähe weilten, als er merkte, dass das Mädchen bei ihm unglücklich war. «Ich wollte nicht auf Kosten der Kinder einen Kampf mit dem Rivalen austragen», erklärt er.
Heute sind seine Töchter erwachsen und verheiratet. Rainer Fust hat sechs Enkel, die ihn regelmässig besuchen. Jeden Freitag kocht er für sie oder begleitet sie manchmal ins Fussball-Training. Zu seinen Töchtern pflegt er ein enges Verhältnis. Selbst seine Frau, von der er getrennt, aber nicht geschieden ist, trifft er ab und zu. Er sei bereit gewesen seine Interessen zurückzustellen und habe seine Kinder spüren lassen, dass er sie mag und ihnen vertraut. Er stelle an sie keine Ansprüche und sei sich bewusst, dass er nichts zurückerwarten dürfe. Man müsse seinem Kind jedoch auch zubilligen, dass es zu seiner biologischen Wurzel stehen darf, auch wenn ihm dies selbst schwer gefallen sei. Besonders gefreut habe es ihn, dass seine jüngste Tochter bei der Heirat ihren Familiennamen behalten hat. Für Rainer Fust war dies eine Bestätigung. Er ist ihr Vater.
An der Uferpromenade stellen sich Liebespaare zum Foto auf. Sie lachen, herzen und drücken einander. In Beziehungen und der Liebe könne man nicht alles mit Verstand erklären, meint Rainer Fust. «Dem, der gibt, wird auch gegeben.» Das habe er immer wieder erlebt.

*Name der Redaktion bekannt

Tilmann Zuber


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