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«Diese Reduktion der Wahrheit auf den naturwissenschaftlichen Aspekt ist sehr oberflächlich»

01.01.2016
Wie verhält sich die biblische Geschichte von der Erschaffung der Welt zu den Naturwissenschaften? Haben die Astrophysiker Gott aus dem All vertrieben? Keineswegs, meint der Basler Alttestamentler Hans-Peter Mathys.

Herr Mathys, stehen die Schöpfungsberichte aus dem Alten Testament in einer Konkurrenz zu den Erkennt- nissen der Naturwissenschaften?
Es gibt eine Art Konkurrenz, da Genesis 1 teils naturwissenschaftliche Aussagen macht. Aber Genesis antwortet auf ganz andere Fragen: Die Erzählung will in erster Linie nicht erklären, wie die Welt entstand, sondern zu welchem Zweck. Die Schöpfungsgeschichte berichtet, dass die Erde gut geschaffen wurde und der Mensch deshalb sicher auf ihr leben kann. Die Geschichte der Sintflut bildet dazu den Gegenpol. Sie zeigt, wie gefährdet die Erde ist.

Die Erde als gute Schöpfung?
Man muss zwischen den drei Arten von Schöpfung unterscheiden. Genesis 1 behandelt die Erschaffung der Welt, Genesis 2 jene des Menschen. Daneben finden sich im Alten Testament auch Aussagen, wonach Gott jeden einzelnen Menschen geschaffen hat. Deshalb heisst es in Psalmen und im Buch Hiob auch, Gott, du hast mich geschaffen, so rette mich auch.

Die Naturwissenschaften erklären die Entstehung der Erde und des Lebens teils mit dem Zufall.
Den Zufall gibt es für die biblischen Autoren nicht. Im ganzen alten Orient war es klar, dass Gott oder die Götter die Welt geschaffen haben.

Verstanden die biblischen Autoren diese Berichte symbolisch?
Diese Frage setzt voraus, dass es Wissenschaft im heutigen Sinn schon damals gab. Zwar waren im Orient gewisse Wissenschaften schon weit entwickelt, so etwa wie Astronomie in Babylon, aber Israel war zivilisatorisch nicht auf dessen Höhe.

Welche Bedeutung haben die Texte für uns heute?
Das ist eine gefährliche Frage, denn sie meint ja, was nützen uns die Texte. Die alttestamentlichen Geschichten ziehen seit Jahrhunderten Menschen in ihren Bann. Man ahnt instinktiv, dass hier über die Welt und die Menschen Grundlegendes, immer Gültiges, gesagt wird. Genesis 2 macht deutlich, dass der Mensch ohne Gegenüber kein vollkommenes Wesen ist; er ist auf ein Gegenüber angewiesen. Und Genesis 1 erteilt dem Menschen den Auftrag, als Stellvertreter Gottes über die Erde zu herrschen.

Heute werden die Geschichten über die Entstehung der Erde oftmals als Märchen belächelt.
Märchen ist der falsche Ausdruck, denn Märchen erzählen von wundersamen Dingen. Beim Märchen denken wir immer, sie seien nicht wahr. Diese Reduktion der Wahrheit auf den naturwissenschaftlichen Aspekt ist sehr oberflächlich. Mit diesem Ansatz setzen wir voraus, dass die Autoren der Genesis nur einen naturwissenschaftlichen Wahrheitsanspruch kennen. Das scheint mir gefährlich. In diesem Zusammenhang passt zur Schöpfung, was Salutius, ein Freund von Kaiser Julian, über die Götterwelt sagte: «Das alles ist niemals geschehen, aber es bleibt für immer wahr.»

Erzählen die Geschichten eine Glaubenswahrheit?
Nein, das ist keine Glaubenswahrheit. Denn die Menschen des Alten Testamentes glaubten nicht an Gott in dem Sinne, wie wir das tun. Für sie war es selbstverständlich, dass es einen Gott gibt; Atheismus war keine Alternative. Vom Glauben an einen Gott kann man nur reden, wenn die Existenz Gottes auch bestritten werden kann. Wenn eine Zivilisation davon ausgeht, dass Gott oder Götter die Welt geschaffen haben, braucht man nicht zu bekennen: Ich glaube an Gott den Schöpfer.

Zum Schluss: Ist die naturwissenschaftliche Sicht der Welt nicht zu begrenzt, um Aussagen zur Bibel zu machen?
Naturwissenschaften haben eine andere Ausrichtung. Meistens äussern sich Naturwissenschafter nicht zu biblischen Geschichten, denn sie wissen, dass diese andere Fragen stellen und deshalb auch andere Antworten geben.


Zum Bild: Gottes Stellvertreter auf Erden: Erschaffung des Adam von Michelangelo.

Interview Tilmann Zuber

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