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Grüss Gott in Stuttgart!

01.01.2016
Der 35. Deutsche Kirchentag mit 2500 Veranstaltungen ein Marathon zum Klügerwerden - ist in Stuttgart eröffnet. Der protestantische Event ist nicht nur theologisch und künstlerisch bereichernd, sondern auch ein «Festival der Freiwilligenarbeit», wie Bundespräsident Joachim Gauck in seiner Eröffnungsansprache betont.

Auf den ausklappbaren Tischen des IC von Zürich nach Stuttgart liegen die rot-weissen Programmhefte des Stuttgarter Kirchentags. «Damit wir klug werden» - heisst das Motto. Aber wohin soll man seinen Kopf zum klug werden hintragen? Das wird von der Zürcher Gruppe rund um den Hittnauer Pfarrer Markus Maitland heftig diskutiert.
2500 Veranstaltungen sind in dem dicken Wälzer verzeichnet. Prominente Namen wirbeln durch die Luft, um auszuloten, welche Promi-Veranstaltungen wirklich den Besuch lohnen. Kofi Annan - sollen wir da hin? Angela Merkel oder doch besser Melinda Gates besuchen? Margot Käßmann? «Das war in Hamburg schwierig, da einen Platz zu bekommen», wendet eine erfahrene Kirchentags-Besucherin ein und ergänzt: «Schliesslich wurde das Ganze auf einer Grossleinwand übertragen.»
Manche haben ihre Entscheidungen für den Veranstaltungsmarathon bereits getroffen. Bunte Leuchtstreifen markieren im Programmheft die Favoriten. «Du musst dir auch immer eine Alternative überlegen, wenn der Saal schon voll ist», sagt jemand. Gut vorbereitet sind Margrit Pfister aus Andelfingen und Elisabeth Ritter aus Dachsen. Sie haben sich bereits vor einigen Tagen abends zusammengesetzt und sich auf zwei Programmschwerpunkte geeinigt: Kabarett und Musik.

Kirchentagsvirus grassiert
Es sind viele Kirchentags-Profis in der Reisegruppe. «Das ist ein Virus», erklärt Sandra Abegg-Koch, Pfarrerin aus Winterthur-Wülflingen. Das stimmt mit der Statistik überein, die bei der Pressekonferenz am Eröffnungstag von den Veranstaltern des Kirchentags verteilt wurden: 80 Prozent nehmen zum zweiten Mal oder bereits mehrere Male an einem Kirchentag teil. Und in den beeindruckenden Zahlenkolonnen findet sich auch die erstaunliche Ziffer, dass von den Chören über die Bläser bis hin zu den Helfern 30.000 Menschen mitwirken.
Später dann bei der Eröffnungsveranstaltung unter knutschblauem Himmel auf dem Stuttgarter Schlossplatz wird der Bundespräsident Joachim Gauck vom «Festival des Ehrenamtes» sprechen.

Nach Zürcher Bibel gepredigt
Hunderte von Pfadfinder und Cevi-Helfern mit den blauen Schals mussten die drängende Masse Mensch in der Königstrasse abhalten auf den Schlossplatz zu drängen. Eine Hüne mit Bart streckte das Schild hoch mit den Lettern: «Schlossplatz überfüllt.»
Dann setzten die Fanfaren an, wurde die Kirchentagshymne eingeübt und schliesslich predigte der Landesbischof Württembergs, Frank Otfried July, zum Motto des Kirchentags. Immer wieder bediente er sich der Übersetzung der Zürcher Bibel, die dem Psalm 90.12 so übersetzt: «Unsere Tage zu zählen, lehre uns, damit wir ein weises Herz gewinnen.»
Herzensweisheit zu erlangen und im Bewusstsein der Endlichkeit der eigenen Person zu leben, könnten zu Demut und Weitsicht führen. Und jetzt brauche es Klugheitsregeln, um herauszufinden, wie wir besser zusammenleben können, wie wir ein Miteinander mit Behinderten, Langzeitarbeitslosen und Flüchtlingen finden können.
Die Bilder der Bootsflüchtlinge vom Mittelmeer bestimmte auch die Rede des Pharmamanagers und Kirchentagspräsidenten Andreas Barner, der zum verstärkten Engagement für Flüchtlinge aufrief: «Wir sollten mit weitem Herzen denen helfen, die vor Krieg, Diktatur und Gewalt fliehen.»

«Liebe Brüder und Schwestern»
Aus Schweizer Sicht auffällig war, dass der Bundespräsident sein Grusswort ganz selbstverständlich mit «liebe Brüder und Schwestern» einleitete.
Nach dem Präsidenten und ehemaligen Pfarrer aus der DDR sprach Ministerpräsident Winfried Kretschmann das Publikum mit der gleichen Grussformel an - ein Zeichen, wie selbstverständlich und ohne Berührungsängste die deutschen Spitzenpolitiker den religiös geprägten Kirchentag als Plattform nutzen.

2017 mit Schweizer Präsidium

Bei ihrem Rundgang machten Gauck und Kretschmann einen Halt beim Zelt der Schweizer Reformierten, zu dem Zwingli und Calvin auf aufgeblasenen Luftkissen die Leute lockten.
Hier parlierte auch Christina Aus der Au. Die Theologin am universitären Zentrum für Kirchenentwicklung in Zürich ist als einzige Schweizerin im Kirchentags-Präsidium vertreten. Und sie verriet im Gespräch mit dem Zürcher Theologieprofessor Thomas Schlag, warum sie ausgerechnet 2017 beim grossen Reformations-Kirchentag in Berlin und Wittenberg als Präsidentin dem Megaevent vorstehen wird.
Gerade weil Luther 1517 die Thesen an die Schlosskirche von Wittenberg geschlagen habe, waren sich die Mitglieder des Kirchentagspräsidiums einig: «Wir wollen kein reines Lutherfestival.» So wird in Berlin also eine Schweizerin den Kirchentag in zwei Jahren eröffnen.


Zum Bild: Euphorische Eröffnung des Stuttgarter Kirchentags.
Delf Bucher

Delf Bucher / reformiert.info / 4. Juni 2015


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