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Eid gegen die Ökonomisierung des Gesundheitswesens

01.01.2016
Der wirtschaftliche Druck auf die Medizin hat zugenommen, besonders in Spitälern. Um Ärzte und Ärztinnen in ihrem Berufsethos zu stärken, schlägt die Stiftung Dialog Ethik einen neuen, verpflichtenden Eid vor.

«Die Grenzen zwischen ökonomisch und ärztlich motiviertem Handeln verschwimmen laufend», so die Diagnose von Dialog Ethik. Das Gesundheitswesen sei zunehmend von ökonomischen Interessen geleitet und habe entsprechende Anreizsysteme für Ärzte geschaffen. Um dem entgegenzuwirken hat die Stiftung eine Arbeitsgruppe einberufen, die nun einen Ärzteeid mit achtzehn Punkten vorlegt.
Darin heisst es etwa: «Ich instrumentalisiere meine Patienten weder zu Karriere-noch zu anderen Zwecken.» «Ich betreibe eine Medizin mit Augenmass und empfehle oder ergreife keine Massnahmen, die nicht medizinisch indiziert sind.» «Ich setze die mir zur Verfügung stehenden Ressourcen wirtschaftlich transparent und gerecht ein.»

Es geht um den Kern des Arztseins
Einen Berufseid legen Ärzte in der Schweiz schon lange nicht mehr ab. Der hippokratische Eid aus der Antike und das Genfer Gelöbnis aus dem Jahr 1948 haben zwar noch eine gewisse Bekanntheit, doch niemand wird darauf verpflichtet.
Für Bernhard Egger, Chefarzt des Freiburger Kantonsspitals und Mitglied in der Arbeitsgruppe, kommt hinzu: «Beide Gelöbnisse tragen den heutigen marktwirtschaftlichen Anforderungen, die dem ethischen ärztlichen Handeln oft diametral entgegenlaufen, nicht Rechnung.» Dies sei mit dem neuen Eid gegeben. Darin gehe es «um den Kern des Arztseins». Das wichtigste der formulierten Gebote ist für Egger: «Ich mute meinen Patienten nichts zu, was ich auch meinen liebsten Nächsten oder mir selbst nicht zumuten würde.» In der fünfköpfigen Arbeitsgruppe sassen nebst ihm auch die Direktorin seines Spitals sowie Fachleute aus Theologie, Philosophie und Psychologie.

Weniger Marktwirtschaft.
Auch der Winterthurer Arzt Max Giger wirkte im Gremium mit. Er war zwanzig Jahre lang Mitglied im Vorstand der ärztlichen Standesorganisation FMH und ist heute Präsident der FMH Services, die praktizierende Ärztinnen und Ärzte in betriebswirtschaftlichen Belangen unterstützen. Giger ist überzeugt: Immer grössere Bereiche der Medizin würden heute den Normen der Marktwirtschaft unterstellt. Zudem seien es oft nicht mehr nur Ärzte, die über medizinische Leistungen bestimmten. «Die gerechte Erbringung von Gesundheitsleistungen ist zum Problem geworden.»

Der neue Eid soll nun in den ärztlichen Fachgesellschaften und anderen Institutionen des Gesundheitswesens diskutiert werden. Ob und wie gut er dort aufgenommen wird, ist unklar. Erste Leserbriefe in der Schweizerischen Ärztezeitung sind eher ablehnend. Unbestrittene ethische Anliegen, aber das falsche Mittel, lautet der Tenor. Ein Eid sei nicht zeitgemäss, und die Ärzteschaft werde sowieso schon von vielen Seiten kontrolliert. Zudem fragt man sich, was Dialog Ethik dazu legitimiere, einen solchen Eid vorzulegen, wo doch die Standesordnung und die Schweizerisch Akademie der medizinischen Wissenschaften (SAMW) über differenziertere, breiter abgestützte Richtlinien verfüge.

Verpflichtende Grundsätze. «Es gibt ausgezeichnete Papiere, aber sie sind nicht verpflichtend», hält Max Giger dem entgegen. Es brauche ein Instrument mit dem Verstösse auch wirklich geahndet würden. Wenn sich zum Beispiel ein ganzes Spital hinter die Richtlinien stelle, könne einem schwarzen Schaf die Entlassung drohen. Doch Giger sieht den Eid vor allem als Mittel zur Stärkung und zum Schutz der Ärzte. «Sie können sich dann auf die Grundsätze berufen, zu denen sie sich verpflichtet haben». Je geschlossener die Ärzteschaft an ihrem Berufsethos festhalte, desto mehr Gewicht erhielten ihre Anliegen auch in der Politik.

Weitere Informationen: Den Vorschlag für einen neuen Ärzteeid finden Sie auf der Website von Dialog Ethik: www.dialog-ethik.ch/files/TIF121_Eid.pdf. Das Magazin «Thema im Fokus», Ausgabe 121, widmet sich ausführlich dem Eid und dem ärztlichen Berufsethos und kann für Fr. 25.- bestellt werden bei: www.dialog-ethik.ch, 044 252 42 01

Zum Bild: Wenn die Grenzen zwischen Ökonomie und Medizin unscharf werden: Der Dialog Ethik schlägt einen neue Ärzteeid vor.
Bild: Fotolia

Christa Amstutz, reformiert.info


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