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Kirche

«Keine Helden, Heilige oder Perfektionisten»

Keine Wohnpflicht im Pfarrhaus mehr, keine Einzelkämpfer, keine Alleskönner: Das neue Modell zur Pfarrausbildung, das kürzlich vorgestellt wurde, zeigt, wie massiv sich das reformierte Pfarramt in der nahen Zukunft verändern wird.

Der Titel «Perspektiven für das Pfarramt» ist nicht spektakulär. Trotzdem formuliert das Buch ein neues Modell, dass das Pfarramt und damit die reformierte Kirche in der Schweiz in den nächsten zwanzig Jahren massiv prägen wird. Der Veränderungen in der Gesellschaft erforderten eine neue Ausrichtung in der Pfarrausbildung, erklärte Michel Müller anlässlich der Vernissage. Der Präsident des Konkordats und der Zürcher Landeskirche bezeichnete das Modell als «Meilenstein».

18 Deutschweizer Kantonalkirchen legen nun gemeinsam das neue Ausbildungsmodell vor. Das «Kompetenzstrukturmodell» definiert zwölf Standards aus den fünf Handlungsfeldern «Glaubwürdig leben», «Einfluss nehmen», «Lösungen entwickeln», «Ergebnisse einbringen» und «Beziehungen gestalten». Was reichlich theoretisch klingt, basiert auf der Praxis. 200 Behördenmitglieder sowie Pfarrerinnen und Pfarrer wurden gefragt, was «muss jemand tun, um ein schlechter oder guter Pfarrer» zu sein? Die Antworten flossen ins Konzept ein.

Gegen die Gefahr, auszubrennen
Für Michel Müller zeigt das Modell «wie ein Kompass» die Entwicklung des künftigen Pfarramts. In den letzten Jahren habe dessen Bedeutung abgenommen. Auf der anderen Seite sei der Anspruch an die Pfarrschaft nach wie vor hoch. «Heute trägt das Amt nicht mehr die Person, sondern die Person das Amt». Da bestehe die Gefahr, in die Rolle des Alleskönners zu schlüpfen und auszubrennen. Das neue Modell weise den Weg vom Einzelkämpfer zum Teamplayer. «Denn», so Müller, «der Dienst am Wort geschieht in einer Gemeinschaft. Der Dienst an der Gemeinde ist grösser als man selbst.»

Das skizzierte Profil sei überfrachtet, lautete einer der Einwände. Thomas Schaufelberger, Leiter der Arbeitsstelle A+W (Aus- und Weiterbildung der reformierten Pfarrerinnen und Pfarrer), ist sich dessen bewusst. «Das Modell taugt nicht für Helden, Heilige oder Perfektionisten. Es ist für Menschen, die bereit sind, Fehler zu machen und sich dem gesellschaftlichen Wandel zu stellen.» Die Standards zeigten Entwicklungslinien, nach denen man sich in «seinem lebenslangen Lernen orientieren kann» und die bei einer Standortbestimmung helfe, so Schaufelberger.

Das Modell eigne sich ebenso für Pfarrwahlkommissionen. Sie könnten sich so klar werden, welche Kompetenzen der Bewerber für die ausgeschriebene Stelle mitbringen sollte. Inzwischen hat die Arbeitsstelle A+W die Kompetenzanalyse «Step» für die Standortbestimmung geschaffen, die man online-basiert absolvieren kann.

Kein Mittel gegen Mitgliederschwund
Zur Vernissage von «Perspektiven für das Pfarramt» kamen mehr als 120 Interessierte. Die Referenten warnten davor, zu glauben, eine «professionellere Pfarrschaft» halte den Mitgliederschwund auf. Diese Entwicklung habe mit der Aufklärung im 17. Jahrhundert unter den Intellektuellen begonnen und sich im 20. Jahrhundert demokratisiert, pluralisiert und medialisiert, sagte die Religionspädagogin Uta Pohl-Patalong. «Die Kirche steht noch im Dorf, das Pfarramt hingegen schon längst nicht mehr». Vielerorts wolle die Kirche dies jedoch nicht wahrhaben.

Entsprechend sei der Pfarrberuf heute ein «Beruf auf der Schwelle zwischen Kerngemeinde und Kirchenfernen, zwischen Tradition und religionskritischer Moderne und zwischen Christentum und anderen Religionen», so Pohl-Patalong. Die Pfarrer und Pfarrerinnen müssten diese Spannung aushalten, sie sollten rasche und simple Antworten vermeiden und zu ihrem Nichtwissen und Nichtkönnen stehen. «Der Pfarrer muss kompetent in seiner Inkompetenz sein.»

«Mitglieder sind keine Kunden»
Ralph Kunz, Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät Zürich, warnte, dass auch die beste Ausbildung wenig an der Situation der Kirchen ändern werde. Er forderte, stattdessen die Kompetenzen der Kirchgemeinden zu stärken, denn die Gemeinde sei keine Frage der Animation. «Die Kirche ist keine Dienstleistung, sondern eine Dienstgemeinschaft. Die Mitglieder sind keine Kunden und Patienten.» Man sollte den Kirchgemeinden etwas zutrauen, nur so könne etwas wachsen.

Zum Programm der Standortbestimmung

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Tilmann Zuber / Kirchenbote / 7. Juli 2016


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