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Die erste Volksinitiative

130 Jahre Schächtverbot: Zwischen Tierschutz und Judenhass

von Delf Bucher / reformiert.info
min
08.09.2023
Seit 1893 besteht das Schächtverbot und sorgt bis heute für antisemitisch vergiftete Debatten. Aus tierethischer Sicht ist aber das Schächtfleisch vergleichsweise ein kleines Problem.

Mit geheuchelter Tierliebe und antisemitischen Parolen mobilisiert die allererste eidgenössische Volksinitiative im August 1893 und verankerte das SchÀchtverbot in der Verfassung (siehe Infotext). Aber die Debatte ist auch in der Gegenwart nie verstummt.

Die Politik reagierte durchwegs eingeschĂŒchtert und defensiv auf die antisemitischen Reflexe, welche die Debatte ums SchĂ€chten begleitete. Beispielhaft steht dafĂŒr das Votum des BGB-Nationalrats und VeterinĂ€rmediziners Walter Degen im Jahr 1973: «So, wie wir die Volksseele kennen, glauben wir niemals an die Aufhebung des jetzigen SchĂ€chtverbotes.»

SchÀchtartikel verschwand 1973 aus der Verfassung

Wie schon so oft beugten sich damals die Bundesparlamentarier ĂŒber das SchĂ€chtverbot. Eigentlich sollte die Zeit fĂŒr eine Ausnahmebestimmung fĂŒr rituelles Schlachten gĂŒnstig sein. Denn 1973 wurde ĂŒber die bereits 1848 in die Verfassung gelangten Ausnahmegesetze fĂŒr die Katholiken – Verbot der Niederlassung von Jesuiten in der Schweiz und Unterbindung neuer Orden – diskutiert und schliesslich in einer Abstimmung konstitutionell getilgt.

Wenn die Volksseele aber aus dem Bauch entscheidet und es um jĂŒdische Ritualgesetze geht, war es mit der religiösen Toleranz nicht weit her. Wie bereits bei AnlĂ€ufen zuvor wurde der Vorstoss, das SchĂ€chtverbot aufzuheben, mit dem Hinweis auf die negative Stimmung im Volk verworfen. Der merkwĂŒrdig anmutende SchĂ€chtartikel verschwand 1973 aus der Verfassung, wurde aber auf dem Verordnungswege weiterhin aufrechterhalten.

Karikatur: Der riesige Hofmetzger zerstückelt mit dem Messer, auf dem Darlehen steht, einen Bauernhof. Die Familie verlässt den Hof.

Der Hofmetzger – sprich: der jüdische Viehhändler – stürzt die Bauern in die Krise. Nebelspalter-Karikatur aus dem Sommer 1893. | Bild: Nebelspalter

Karikatur: David schlitzt Goliath mit einem Messer die Kehle auf.

Zur ewigen Erinnerung soll am 20. August ein anderer Goliath geschächtet werden, überschreibt der Nebelspalter seine Hetzkarikatur. Das Mehrheitsvolk sieht sich plötzlich in der Rolle des David und die jüdische Minderheit verwandelt sich zum Goliath.

Anfangs des 21. Jahrhunderts dachte Bundesrat Pascal Couchepin, die Zeit sei nun reif, um eine Ausnahmebestimmung des betĂ€ubungslosen Schlachtens aus rituellen GrĂŒnden zuzulassen. Er scheiterte am Widerstand der Tierschutzorganisationen, des Bauernverbands und vieler Parlamentarier. SpĂ€ter gestand er gegenĂŒber der jĂŒdischen Zeitung «Tachles» ein, wie Â«ĂŒberrascht von der Heftigkeit der Reaktion» er war.

Es war der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) selbst, der um die Sistierung der GesetzesĂ€nderung gebeten hatte, um eine antisemitisch gefĂ€rbte Abstimmungskampagne zu vermeiden. Immer wieder hat der SIG versucht, im Namen der religiösen Toleranz und Kultusfreiheit rituelles SchĂ€chten zuzulassen. Die SchĂ€chtfrage war eines der wichtigen Anliegen, die zu seiner GrĂŒndung fĂŒhrte.

Verbotsaufhebung ist heute kein Thema mehr

Hat der SIG heute einen neuen Vorstoss in der Pipeline? GeneralsekretĂ€r Jonathan Kreutner winkt ab: «Von der Aufhebung des SchĂ€chtverbotes redet heute niemand mehr. Der SIG hat unter den neuen gesellschaftspolitischen UmstĂ€nden nur ein Ziel: den Import von geschĂ€chtetem Fleisch in die Schweiz weiterhin zu erlauben.» Kreutner erinnert sich an das Jahr 2017, als der Berner SP-Nationalrat Matthias Aebischer eine Motion einreichte, um den Importstopp fĂŒr alle «tierquĂ€lerisch erzeugte Produkte» zu erlassen.

 

Titelseite des Tagesanzeiger. Titel des Hauptartikels: Halal- und Koscher-Fleisch sollen in der Schweiz verboten werden.

Die Schächtdebatte: Selbst in der Gegenwart virulent. Frontaufmacher des Tagesanzeigers am 15. August 2017.

 

Damals machte Katharina BĂŒttiker, GrĂŒnderin von Animal Trust, die zusammen mit Aebischer die Motion erarbeitete, gegenĂŒber dem «Tages-Anzeiger» klar, dass nicht nur gestopfte GĂ€nseleber und Froschschenkel im Visier des Vorstosses stĂŒnden, sondern auch das Fleisch von geschĂ€chteten Tieren. WĂ€hrend der Nationalrat der Motion zustimmte, versagte der StĂ€nderat ihr die Zustimmung.

Kreutner befĂŒrchtet, dass jederzeit wieder Vorstösse in diese Richtung gemacht werden könnten. «WĂ€hrend Probleme bei der konventionellen Schlachtung geflissentlich ĂŒbersehen werden, könnten dann tierethisch begrĂŒndete Verbote 18‘000 Schweizer Juden das Leben schwer machen.»

Da werden höhere Ansprüche an die jüdische Minderheit gestellt als für die konventionell industrielle Schlachtung.

Pfarrer und Ethiker sieht doppelte Standards

Der ZĂŒrcher Pfarrer und Ethiker Christoph Ammann sieht in der Debatte um geschĂ€chtetes Fleisch ebenfalls doppelte Standards: «Da werden höhere AnsprĂŒche an die jĂŒdische Minderheit gestellt als fĂŒr die konventionell industrielle Schlachtung.» Es gebe belastbare Untersuchungen, die erhebliche MĂ€ngel bei der BetĂ€ubung von Schlachttieren nachweisen.

Als PrĂ€sident des Vereins Arbeitskreises Kirche und Tiere (AKUT) ist Ammann selbst in enger TuchfĂŒhlung mit vielen TierschĂŒtzerinnen und -schĂŒtzern. Dass sich diese beim Konflikt von Religionsfreiheit und Tierwohl fĂŒr Letzteres entscheiden, versteht er. Aber der Tierethiker gibt zu bedenken: «In der Gesamtbetrachtung mĂŒssen immer die Minderheitensituation der jĂŒdischen Bevölkerung und ihr Recht auf Religionsfreiheit mitbedacht werden.»

Verglichen mit den grossen Massen von unter problematischen UmstĂ€nden geschlachteten Tieren sei das SchĂ€chtfleisch vergleichsweise ein kleines Problem. Ammanns Fazit: «Dass seit ĂŒber 130 Jahren der Fokus auf das SchĂ€chten gelegt wird, zeigt: Diese Debatte ist bis heute antisemitisch vergiftet.»

 

Antisemitische Tierfreunde und das Schächtverbot

Sommer 1893: Der ewige Jude geht im Schweizer Land um – mit lĂŒsternem Blick, mit lang gebogener Nase und mit einem Gegenstand, mit dem er den helvetischen Volkskörper aufschlitzen kann: dem SchĂ€chtmesser. Nun soll ihm dieses Ritualmordinstrument entrissen werden. Schweizweit mobilisieren Tierschutzvereine und Antisemiten, um das SchĂ€chten aus allen Schlachthöfen zu verbannen. So beginnt die Premiere des 1891 verankerten Volksrechts der Verfassungsinitiative mit dem Verbot des jĂŒdischen SchĂ€chtritus. Sechzig Prozent der Bevölkerung stimmen der Vorlage zu.

Den Juden Mores lehren

Endlich soll gezeigt werden, wer hier Herr im Haus ist. Zeitungsverleger Ulrich DĂŒrrenmatt, Grossvater des berĂŒhmten Schriftstellers, reimt es sich in der Buchsi-Zeitung so zusammen: «Wenn wir ihm nicht Meister werden / Wird der Jude unser Meister.» Vor allem die protestantisch geprĂ€gten Kantone Aargau (90 %), Bern (80 %) und ZĂŒrich (86 %) verhelfen dem SchĂ€chtverbot zum Durchbruch. Katholische Kantone dagegen sammelten weder Unterschriften noch beteiligten sich viele an der Abstimmung. Das ĂŒberrascht. Denn 1866, als es um die Niederlassungsfreiheit der Juden ging, polemisierte die katholische Presse ĂŒber «jĂŒdische Landplage».

Der Grund fĂŒr die Kehrtwende: Die Schweizer Bischöfe und die katholisch-konservative Presse wollten nach ĂŒberstandenem Kulturkampf nicht die TĂŒr fĂŒr weitere Ausnahmegesetze öffnen, die die Glaubensfreiheit hĂ€tten aushebeln können.

Die ZĂŒrcher «Freitagszeitung» entgegnete den Katholiken in rassistischer Manier: Man könne doch nicht so weit gehen, «dass wir auch die Kultusfreiheit der Fetisch-Neger mit ihren Gottesgerichten und die alten BegrĂ€bnissitten der Hindus mit ihrer Witwenverbrennung schĂŒtzen mĂŒssten.»

Hingegen argumentierte der reformierte Pfarrer Philipp Heinrich Wolff aus dem ZĂŒrcher Weiningen theologisch. Wolff, PrĂ€sident des «Schweizerischen Zentralvereins zum Schutz der Thiere», deklarierte: Bei genauer PrĂŒfung des Alten Testaments bestehe keine Pflicht fĂŒr die Juden zum SchĂ€chten.

Umstrittene Stichmaske

Aber war das SchĂ€chten, also der rasche Schnitt durch die Halsschlagader eines Tieres, wirklich grausamer als die konventionelle Schlachtmethode? Damals war die Stichmaske im Schwange, die von den TierschĂŒtzern als Fortschritt gefeiert wurde.

Mit einem Hammerschlag wurde ein Nagel in die SchĂ€deldecke eines Rindes gerammt. HĂ€ufig brauchte es mehrere SchlĂ€ge, bis die erwĂŒnschte vorhergehende BetĂ€ubung des Tieres eintrat.

Deshalb waren sich tiermedizinische Experten bis auf eine kleine Minderheit in einem einig, wie das «Zuger Volksblatt» am Vortag der Abstimmung schrieb: «Dass das SchÀchten eine besonders qualvolle Tötungsart sei, ist nicht bewiesen. Im Gegenteil wird von ersten AutoritÀten auf dem Gebiete dargethan, dass beim SchÀchten das Tier viel weniger gequÀlt wird, als bei den meisten zur Zeit gebrÀuchlichen Schlachtarten.»

Zeichnerische Darstellung eines Rinderkopfs mit Maske. In der Mitte der Stirn ragt der Stichbolzen aus der Maske.
Die BetĂ€ubungsmaske fĂŒrs Rind – ein Fortschritt fĂŒrs Tierwohl? | Illustration aus: L. Baillet, TraitĂ© de l'inspection des viandes de boucherie, 1876

 

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