News aus Basel-Stadt, Baselland, Solothurn, Zentralschweiz, Schaffhausen
Jesus verstehen

2000 Jahre später: Was wollte Jesus eigentlich?

von Hans Herrmann / reformiert.info
min
07.08.2023
Was Jesus mit seinen Gleichnissen und Reden wollte, erschliesst sich heutigen Menschen schwer. Der Unternehmensberater Jürgen Wiegand schlägt vor, seine Ziele zu analysieren.

Jesus von Nazaret war ein galil├Ąischer Wanderprediger, der um das Jahr 30 herum zu einfachen Menschen aus seiner Region sprach ÔÇô zu Bauern, Fischern, Handwerkern ÔÇô und das Reich Gottes ank├╝ndigte, das nahe herbeigekommen sei. Nach seiner Hinrichtung durch die R├Âmer berichteten seine Nachfolger, die Apostel, dass Jesus von den Toten auferstanden sei. So entstand der christliche Glaube.

Zeugnisse dieses Glaubens sind die vier Evangelien in der Bibel. Sie berichten vom Leben, Reden und Wirken Jesu. Was Jesus sagte, vorlebte und forderte, ist f├╝r viele Christinnen und Christen bis heute inspirierend und f├╝r das eigene Leben wegweisend.

Und hier beginnen die Probleme. L├Ąsst sich das, was Jesus zum Beispiel in der Bergpredigt sagte, im ganz gew├Âhnlichen Alltag wirklich umsetzen? Im Wirtschaftsleben? In der Justiz? In der Politik? So vieles geht weit ├╝ber das Menschenm├Âgliche hinaus, die bedingungslose Feindesliebe, das (scheinbare) Verbot der Ehescheidung, die ├ächtung materiellen Reichtums und anderes mehr.

Der dritte Weg

Um zu verstehen, was Jesus mit seinen Aussagen und Gleichnissen gemeint haben k├Ânnte, m├╝ssen die biblischen Texte ausgelegt und in die heutige Zeit ├╝bertragen werden. Hierzu stehen zwei akademisch anerkannte Methoden zur Verf├╝gung: Die Hermeneutik und die Exegese.

Erstere befasst sich mit den Voraussetzungen, unter denen ein Text zu betrachten ist, zum Beispiel: Soll ein biblischer Text als w├Ârtlich von Gott inspiriert gelten, oder ist er das Erzeugnis eines Menschen, der pers├Ânliche Erfahrungen mit Gott gemacht und diese dann aufgeschrieben hat? Ist der Autor unvoreingenommen oder m├Âchte er sich mit seinem Text gegen├╝ber dem damaligen Judentum abgrenzen? Und vieles andere mehr.

Die Exegese dagegen befasst sich konkret mit dem Text und versucht unter Ber├╝cksichtigung historischer und sprachwissenschaftlicher Erkenntnisse zu ergr├╝nden, was er damals und heute zu sagen hat.

Hier hakt der pensionierte Basler Architekt, Unternehmensberater und Hochschullehrer J├╝rgen Wiegand ein. Er besch├Ąftigt sich seit Langem mit theologischen Fragen und ist Autor des Buches ┬źChristentum neu ÔÇô entschlackt und offen┬╗. Nun arbeitet er an einem weiteren Buch, bei dem es darum geht, einen neuen Weg zum Verst├Ąndnis dessen zu erschliessen, was Jesus eigentlich bezweckte, anstrebte und wollte. Das Schl├╝sselwort lautet dabei ┬źZielanalyse┬╗.

 

Jürgen Wiegand

Der 83-J├Ąhrige J├╝rgen Wiegand ist Architekt und ├ľkonom; die von ihm gegr├╝ndete Firma Planconsult in Basel feierte heuer ihren 50. Geburtstag. J├╝rgen Wiegand, wohnhaft in Oberwil, besch├Ąftigt sich schon seit L├Ąngerem intensiv mit theologischen Fragen. In Freiwilligenarbeit engagiert er sich zudem in Projekten f├╝r Migrantinnen und Migranten, weiter organisiert er die ┬ź├ľkumenischen Religions-Gespr├Ąche Leimental┬╗. Im Jahr 2022 erschien im LIT-Verlag M├╝nster sein Buch ┬źChristentum neu ÔÇô entschlackt und offen┬╗. Derzeit arbeitet er am Thema ┬źJesu Ziele im blinden Fleck der Kirchen┬╗.

 

┬źDie Definition und Analyse von Zielen spielt in vielen Bereichen eine Rolle, in der Psychologie, der P├Ądagogik, Soziologie, Bauplanung, Betriebswirtschaft; in der Theologie hingegen scheinen die Ziele noch kein grosses Thema zu sein┬╗, sagt Wiegand im Gespr├Ąch mit ┬źreformiert.┬╗. Seiner Ansicht nach w├Ąre aber die Zielanalyse eine taugliche Erg├Ąnzung zu Hermeneutik und Exegese ÔÇô und k├Ânnte viel zum besseren Verst├Ąndnis der Gleichnisse und Ausspr├╝che Jesu beitragen.

Würde man diese Aussagen wörtlich nehmen, käme dabei ein absolutes Scheidungsverbot heraus.

┬źDie Frage lautet ganz einfach: Was wollte Jesus eigentlich? W├╝rde man vermehrt Jesu Ziele und Zielsetzungen herausarbeiten, darstellen und diskutieren, liesse sich leichter und direkter eine Br├╝cke zum Verstehen seiner Aussagen in unserer heutigen Welt schlagen, k├Ânnte man gezielter das erkennen und umsetzen, was er vor 2000 Jahren bewirken wollte┬╗, ist Wiegand ├╝berzeugt.

Ein absolutes Verbot?

Jesu Ziele umreisst Wiegand im Wesentlichen so: Die Schaffung von Gottvertrauen; nicht in Gesetzen zu denken, sondern in l├Âsungsoffenen Zielen; mit Klugheit die N├Ąchstenliebe zu praktizieren, auch gegen├╝ber Feinden; sich selber zu lieben und sich auch nicht zu ├╝berfordern.

Wiegand verdeutlicht seine Gedanken am konkreten Beispiel der Aussagen Jesu ├╝ber die Ehescheidung in den Evangelien. W├╝rde man diese Aussagen w├Ârtlich nehmen, k├Ąme dabei ein absolutes Scheidungsverbot heraus. Interpretiert man die Textstellen exegetisch, l├Ąsst sich ableiten, dass Jesus die damals akzeptierte Praxis verurteilte, Frauen aus der Ehe und somit in die materielle Not zu entlassen. F├╝r heutige Menschen bleibt diese Erkenntnis aber ohne Anweisungswert, denn l├Ąngst sind die meisten Frauen in den westlichen Gesellschaften ├Âkonomisch unabh├Ąngig. Bezieht man bei der Interpretation des biblischen Textes aber die Zielanalyse mit ein, erschliessen sich Dimensionen, die auch heute noch von Bedeutung sind.

Welche dies sind und wie biblische Texte zielanalytisch befragt werden k├Ânnen, f├╝hrt J├╝rgen Wiegand im angef├╝gten Aufsatz n├Ąher aus.

 

Jesus verstehen – die Analyse von Jürgen Wiegand

Unsere Empfehlungen

Der Weltbürger kehrt heim

Der Weltbürger kehrt heim

Haiko Behrens, Pfarrer in Dornach und Synodalrat, ist zurückgetreten. Nach zwanzig Jahren in den USA und der Schweiz kehrt er in die Stadt seiner Jugend zurück: nach Düsseldorf. Im Interview blickt Behrens auf seine Zeit in der Fremde zurück.