Logo
Religionen

Telefonanruf aus dem zerbombten Qamishli

Der syrische Pastor Firas Farah hält in der kleinen protestantischen Kirchgemeinde von Qamishli die Stellung. Sein Bericht von den ersten Tagen in der Grenzstadt nach der türkischen Invasion.

Die Glocken läuten Sturm in Qamishli am Abend des 8. Oktober, damit sich die Menschen vor den Luftangriffen der türkischen Luftwaffe rechtzeitig in Bunker verkriechen können. Am Tag danach liegen die Häuser rund um die aramäische Kirche St. Jakob in Trümmern. Die Kirche selbst ist noch glimpflich davongekommen. Die Druckwelle der Bomben hat nur die Fenster eingedrückt.

Tags darauf inspiziert der presbyterianische Pastor Firas Farah die Ruinenlandschaft. Wie alle Christen hier beschäftigt ihn ein Gedanke: «Nun sind wir nach dem Genozid von 1915 wieder im Visier einer türkischen Aggression.» Der evangelische Pfarrer, dessen Kirchgemeinde mit den kirchlichen Zusammenarbeitsprojekten von Heks verbunden ist, denkt dennoch keine Minute daran die Koffer zu packen: «Als Pfarrer bin ich hier der Hirte und muss meiner Gemeinde ein Vorbild sein», sagt er am Telefon und setzt hinzu: «Die Hälfte meiner Gemeindeglieder sind nach Schweden und in andere europäische Länder geflüchtet.»

Freudenschüsse in der Nacht
Eine Woche später hat sich die Lage beruhigt, bis dann in der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober auch Pastor Farah leise Angst befällt. Nur einige hundert Meter von seinem Haus weg hört er Schüsse. Bald stellt sich aber heraus: «Da feierten einige Menschen von Qamishli die Nachricht, dass die Türken mit den Amerikanern eine fünftägige Waffenruhe vereinbart haben.»

Die Menschen in Qamishli freuen sich, dass in ihrer Stadt die Kurden bald abziehen müssen? Sind die Kurden nicht die Beschützer der Christen? Farah versucht eine vorsichtige Antwort: «Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe viele kurdische Freunde.» Aber die autonome Regierung hätte viele Fehler gemacht, und so hofften viele Christen auf den Einzug der Truppen von Assad.

Andererseits betont der Pfarrer, dass die Kurden ihm weit lieber seien als die Türken. Auch wenn sie sich, an dem Völkermord beteiligt hätten, der im kollektiven Gedächtnis der Menschen hier unauslöschlich verankert ist. In Qamishli gibt es nicht wie in anderen Orten aramäische und armenische Brigaden, die in der Syrisch-Demokratischen Armee (SDF) unter dem Oberbefehl der Kurden kämpfen. Hier ist das Verhältnis der Christen zur kurdischen Autonomieregierung gespannt. Farah erzählt, dass viele Geschäftsleute durch die hohe Steuerlast der kurdischen Autonomiebehörde in den Bankrott getrieben worden seien. Seine Gemeinde musste lange kämpfen, damit ihre christliche Schule nicht geschlossen wurde. «Sie wollen alles kontrollieren, die Lehrpläne und Bücher unserer Schule. Sie wollen in unserer multiethnischen und multireligiösen Stadt den Minderheiten keine Rechte zugestehen, um ihre Sprache und Kultur zu leben», sagt Farah.

Nicht nur die kurdische Schulbehörde machte der Kirchgemeinde das Leben schwer. Auch der Andrang von Schülern ist kaum mehr zu bewältigen. Obwohl die Gemeinde geschrumpft ist, sind die Schülerzahlen in die Höhe geschossen. Vor dem Krieg besuchten 300 Kinder und Jugendliche die Schule. Jetzt sind es 800. Immer mehr arabische, kurdische und jesidische Kinder sitzen hier neben immer weniger christlichen Schülern.

Unterstützt wird die Schule vom Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz (Heks). Sollten die Projekte der kirchlichen Zusammenarbeit nicht exklusiv den bedrängten Christen zukommen? Die Projektleitern und Pfarrerin Tabea Stalder verneint: «Wir unterstützen unsere reformierten Partnerkirchen auch, damit sie Sinnvolles in der ganzen Gesellschaft bewirken können.» Gerade der Betrieb einer christlichen Schule böte die Chance, in einer multireligiösen Stadt die friedliche Koexistenz zwischen Muslimen, Jesiden und Christen in den Schulbänken einzuüben. 1900 Schulstipendien an zehn kirchlichen Schulen werden von Heks im kriegsversehrten Syrien finanziert und kommen den bedürftigsten Kindern zu Gute. Stalder erinnert auch an das Kinderprogramm, das einmal in der Woche stattfindet mit Spielen, Basteln, Singen, biblischen Geschichten und einem Mittagessen. Das Angebot in 13 syrischen Kirchgemeinden wird wöchentlich von rund 2000 Kindern besucht, auch Muslime oder Jesiden nehmen daran teil. Der Erfolg des Programms hat nun zur Folge, dass die Mittel knapp werden. Schon vor dem neuen Krieg im Norden Syriens fehlte das Geld für die Lebensmittel. «Für manche Kinder aus armen Familien ist das gemeinsame Mittagessen in der Schule die einzige warme Mahlzeit in der Woche», sagt Tabea Stalder.

Angst vor dem Wintereinbruch
Die neue Notlage und die Knappheit der Mittel bereiten Rosangela Jarjour, der Generalsekretärin des Fellowship of the Middle East Evangelical Churches (FMEEC), Sorgen. «Diese Krise trifft uns besonders schwer. Denn bald kommt der Winter», sagt Jarjour, die für Heks die Hilfe mit den verschiedenen Partnern von Beirut aus koordiniert. Gleichzeitig würden immer mehr syrische Kirchgemeinden anklopfen, um in das Schul- und Kinderprogramm aufgenommen zu werden. Die Generalsekretärin hofft auf mehr diakonische Hilfe aus dem Westen.

Von der angeblichen Solidarität, mit Soldaten Syrien zu stabilisieren, ob sie nun aus Russland oder den USA kommen, will die aus Syrien stammende Jarjour nichts wissen: «Wir sind nur die Bauernopfer auf dem Schachbrett der Supermächte.» Auch die Sichtweise der Christen aus Qamishli dürfte westliche Beobachter irritieren. «Wir sind froh, dass die Amerikaner abgezogen sind», sagt Pfarrer Farah. Wie viele syrische Christen erinnert er sich an Zeiten, als unter Assad die Christen ihre Religion frei ausüben konnten.

Delf Bucher, reformiert.info, 21. Oktober 2019