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Religionen

«Wir machen keine Buddhisten»

Er sitzt im Lotossitz auf dem Stuhl, überall: «Auch im Restaurant,» sagt er – und demonstriert, wie unbequem für ihn das «normale» westliche Sitzen geworden ist. Marcel Geisser, ist ein Zen-Meister; er gründete 1986 in Wolfhalden das buddhistische Meditationszentrum Haus Tao.

WOLFHALDEN AR. – Das «Haus Tao» liegt am Waldrand, an einem Bächlein inmitten eines traumhaft schönen Zen-Gartens – die ideale Idylle für meditative Praxis.

Institutionsmüde
Buddhismus übt auf westliche Menschen eine romantische Faszination aus: Stars wie Richard Gere sind bekennende Buddhisten. Allerdings, so Marcel Geisser: «Relativ wenige Christen treten zum Buddhismus über.» Vielmehr basteln sie sich einen Mix aus verschiedenen Religionen.

«Viele Menschen sind institutionsmüde», analysiert Marcel Geisser. Es herrsche eine Riesensehnsucht nach einer Universalreligion, in der man alles finde. Aber: «Wir machen keine Buddhisten», lacht er. «Wir missionieren nicht, das wäre ohnehin ein sehr harter Boden. Aber viele sagen, seit sie mit dem Buddhismus vertrauter seien, verstünden sie das Christentum besser.»

Das grosse Hindernis: «Keine Zeit»
Marcel Geisser sieht den Zustrom zum Buddhismus, die Begeisterung der Massen für den Dalai Lama, als Teil einer Welle. Schon in den 1920-er Jahren sei Buddhismus für Europäer ein Faszinosum gewesen. Die Menschen fühlten sich heute oft nicht mehr vertreten von christlichen Institutionen, die nicht ausführten, was sie predigten. Dazu komme die Begeisterung für etwas Neues.

In der Meditation habe man jedoch nie ausgelernt, sagt Marcel Geisser. Jeder Mensch könne meditieren, ausser bei schweren psychischen Störungen, wie beispielsweise Schizophrenie; psychische Stabilität sei eine Voraussetzung. Meditation sei auch nicht altersabhängig.
«Das grosse Hindernis für viele Menschen ist ihr Lebensmuster – vermeintlich ‹keine Zeit› zu haben.» Es gehe nicht darum, den Gedankenfluss ganz auszuschalten: «Wir wollen den Gedankenstrom nicht als Feind betrachten, sondern einfach als nicht mehr so wichtig nehmen. Ausschlaggebend ist die Überwindung der Egozentrik. Es geht nicht, darum, zu verdrängen. Es ist wie bei Turbulenzen in einem Teich: Wenn nichts aufgewühlt wird, setzen sich die trübenden Partikel von selber.» Den Fortschritt misst man, wenn überhaupt, im Gleichmut; das Auf und Ab ist nicht so ausschlaggebend.

«Stille im Kopf»
Man lasse nicht die Welt hinter sich, sondern erziele mitten im Trubel «Stille im Kopf». Eine Aktion aus der Stille heraus hat mehr Qualität als eine aus Hektik entstandene.

Menschen fällten oft kurzsichtige Entscheide und korrigierten dann ständig die Fehler von einst; es fehle die Fähigkeit, grosse Zusammenhänge zu erfassen. «Stille gibt diese nicht fragmentierte Weite,» sagt Marcel Geisser. Das habe Auswirkungen aufs Setzen von Prioritäten.

Weniger Egozentrik
Ziel sei weniger Egozentrik, Freiheit von Egomanie. Marcel Geisser vergleicht die Jagd nach Schnäppchen, Gier und Geiz mit egozentrischer Ellbogenmentalität. Die Vision sei, so zu leben wie Buddha – oder wie Christus. Oft hapere es an der persönlichen Umsetzung. Es gehe keineswegs darum, spartanisch in einer Höhle zu leben. Die Limite sei dort, wo persönliches Wohlergehen auf Kosten anderer gehe.

Für die Lehrtätigkeit von Marcel Geisser gibt es keinen «Tarif»; seinen Lebensunterhalt verdient er sich durch Spenden der Kursteilnehmer: «Wenn wir Kurse organisieren, habe ich keine Ahnung, ob ich etwas dafür erhalte oder nicht. Die Idee, es müsse ‚rentieren‘, ist mir fremd geworden. Es geht um Vertrauen und es funktioniert wunderbar.» 

Text: Margrith Widmer, Teufen i Foto: zVg – Kirchenbote SG, Juli / August 2015

Ein einziges Buch über Meditation

Kibo: Wie wird man Buddhist?
Marcel Geisser: Mit 16 hatte ich die Idee, ich wolle meditieren. Es war wohl im Karma angelegt, schicksalshaft. Ich kaufte in der Fehr’schen Buchhandlung das einzige Buch über chinesische Meditation – das war 1968. Zuerst versuchte ich, selber zu meditieren; einen Winter verbrachte ich als Eremit im Alp­stein – nur Schnee und Lawinen. Im Frühling habe ich mir dann einen Lehrer gesucht. Ich reiste vier Jahre durch Asien – die Stationen waren Indien, China, Korea, Japan.

Wie eignet man sich das Grundwissen als Meditationslehrer an?
Es war eine lange Schulung in allen bereisten Ländern, auch in den USA. 1984 wurde ich vom vietnamesischen buddhistischen Zen-Meister Thich Nhat Hanh autorisiert. Thich Nhat Hanh ist im Buddhismus, neben dem Dalai Lama, wohl die zweitwichtigste Figur. So wurde ich vollamtlicher Zen-Lehrer

Wie viele bekennende Buddhisten leben in der Schweiz?
Es werden rund 40 000 sein, vor allem Asiaten –Thailänderinnen, Tibeter, Singhalesen. Es gibt eine Art Taufe, ein Bekenntnis, die «dreifache Zuflucht» mit der Verpflichtung zu fünf ethischen Grundlagen. Sie sind den christlichen Geboten ähnlich: Leben schützen, also nicht willentlich töten, nicht lügen, nicht stehlen, korrekter Umgang mit Sexualität, also keine Pädophilie und so weiter, Verzicht auf Drogen und richtiger Umgang mit Alkohol, keine Exzesse – um den Geist nicht zu trüben. Der Geist muss frei und wach sein können.

Was unterscheidet Buddhismus von anderen Religionen?
Man spricht im Buddhismus nicht von «Glauben» – man sagt von sich, man sei ein «praktizierender Buddhist».

Sind Buddhisten Vegetarier?
Im Haus Tao leben wir vegetarisch. Und wir achten auf fairen Handel.

Sind Buddhisten glücklicher?
Es ist nichts dagegen einzuwenden, dass alle glücklich sind. Aber das Glücklich-Sein darf nicht auf Kosten anderer gehen. Egoismus geht immer auf Kosten anderer. Wenn sich ein Vater oder eine Mutter eine Stunde «Stille» organi­siert und die Kinder sich selber überlässt, sollte dies nicht egoistisch motiviert sein. Aber: Das Bedürfnis nach Rückzug und Stille ist natürlich legitim und wir brauchen Inseln der Stille! 

Wie kann man mitten im Radau meditieren?
Üben, üben, üben und nochmals üben. Wer nur ein Mal im Jahr Klavier spielt, wird nie ein grossartiger Pianist. Die Fähigkeit, zu meditieren, lässt sich nur durch Übung erlangen. Irgendwann fällt aber die Idee des Übens weg, weil es ganz natürlich wird.