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Religionen

«Wir Christen stehen in jeder Hinsicht in der jüdischen Tradition!»

01.01.2016
Juden und Christen ­verbindet eine ­enge Geschichte. Beide lesen aus dem Alten Testament. Beide beten zum gleichen Gott. Und ­ohne Judentum gäbe es kein Christentum. Trotzdem war die abendländische Geschichte geprägt von Antisemitismus. Der Neutestamentler Ekkehard Stegemann zeigte in seiner Forschung die starke Nähe der christlichen Botschaft und der paulinischen Theologie zum Judentum. Vehement nimmt er Stellung, wenn er alte Muster des Antisemitismus ausmacht.

Herr Stegemann, in einem Interview haben Sie einmal gesagt, auf Ihrem Grabstein sollte stehen: «Er ist dagegen gewesen.» Gehört das zu Ihrem Charakter?
Das war in einer Situation, die für mich bitter war. Aber es stimmt auch, dass ich besonders sensibel reagiere, wenn man sich über Regeln und Anstand hinwegsetzt, nicht wenige dabei einfach aus Feigheit mitmachen. Dann bin ich lieber dagegen. Aber sicher hat das auch mit meiner Herkunft und mit der Generation zu tun, zu der ich zähle. Dietrich Bonhoeffer und Sophie Scholl sind eben heilige Vorbilder für mich.

Sie sind auch dagegen, dass das Christentum seine jüdischen Wurzeln vergisst. Wie erklären Sie sich diese Tendenz im Christentum?
Das Christentum leidet unter der «Schwäche des messianischen Glaubens». Nach Christus ist die Welt nicht friedlicher geworden. Das Alte-Welt-Theater geht weiter. Die christliche Tradition hat den Juden dafür die Schuld gegeben. Das ist Irrtum und Sünde zugleich. Es stimmt zwar, dass unsere Hoffnung noch nicht erfüllt ist. Das ist jedoch kein Grund, unsere Hoffnung auf das Reich Gottes aufzugeben. Die Schwäche des messianischen Glaubens ist eigentlich seine Stärke. Die positive Einstellung dazu wird uns weiter bringen als Schuldzuweisungen.

Erklärt das die spätere feindselige Haltung des Christentums?
Für die Verbrechen an den Juden gibt es keine rationale Erklärung. Doch diese Verwerfung des Judentums könnte damit zusammenhängen. Die Problematik des Christentums ist vergleichbar mit Hemingways «Der Alte Mann und das Meer». Die Haie der Wirklichkeit haben uns unseren messianischen Fisch abgejagt. Wie der alte Mann seinen Traum vom Fisch nicht aufgibt, so sollten auch wir unseren Traum von einer gerechteren Welt weiterträumen, aber wissen, dass wir träumen. Ich persönlich glaube fest daran, dass dies Kraft gibt, Gewalt- und Unrechtsverhältnisse zu kritisieren und zu bekämpfen.

Wie wichtig ist es für das Christentum, dass es sich seiner jüdischen Herkunft bewusst wird?
Sehr wichtig. Das Christentum stammt vom Judentum ab. Die Heilige Schrift der Juden ist Teil ihrer heiligen Schriften. Würde man das Alte Testament aus dem biblischen Kanon streichen, ginge Entscheidendes verloren. Wir stehen in jeder Hinsicht in der jüdischen Tradition. Von ihr haben wir die gesamte Weltanschauung übernommen. Die jüdische Tradition hat unsere Ethik massgeblich geprägt. Deshalb sollten wir in einer biblischen Freundschaft mit dem Judentum uns verbinden. Angefangen haben wir damit schon.

Dennoch wiederholen sich die alten Antijudaismen bis heute. Was kann die Kirche dagegen tun?
Sie tut bereits einiges: Es hat viel Busse gegeben. Der Antijudaismus dauert jedoch noch immer fort. Aber das Entscheidende ist, dass wir ihn kritisieren dürfen. Wir haben uns und unseren jüdischen Dialogpartnern nach 1945 versprochen, nicht mehr antijüdisch zu sein. Darauf kann man sich berufen. Antisemitische Äusserungen von Mitchristen oder unseren Pfarrern und Pfarrerinnen dürfen wir nicht mehr hinnehmen, judenfeindliche Christen in unserer Gemeinschaft nicht mehr tolerieren. Damit sollte nun endgültig Schluss sein. Wir dürfen als Christen die Gewalt an Juden, sei es in Gedanken, Worten oder Taten, nicht mehr zulassen.

In Ihrer Forschung weisen Sie nach, dass schon Paulus gegen Antijudaismus gekämpft hat. An welchen Stellen zeigt sich das besonders?
Vor allem im Römerbrief. Paulus hat den heidenchristlichen Hochmut gegenüber Juden getadelt: «Erhebt euch nicht über die Wurzel!» Leider ist die Geschichte des Christentums eine Geschichte des Ungehorsams gegenüber dieser Ermahnung. Es ist traurig, dass sich die christliche Theologie erst durch die Schoah an diese Ermahnung erinnert hat. Aber immerhin. Manche jedoch haben sie wieder vergessen.

In Ihrem Buch kommen Sie besonders auf Römer 3,21 zu sprechen. Sie deuten diese Stelle anders als Luther betonte, dass man «allein durch den Glauben» erlöst werde.
Paulus stellt dem Menschen ein schlechtes Zeugnis aus. Mit den Worten von Immanuel Kant: «Der Mensch ist aus krummem Holz geschnitzt.» Selbst wenn er das Gute will, hindert ihn das Fleisch daran, es zu tun. Aber es gibt eine transzendente Instanz für ihn, die zur Erneuerung und zur Verwandlung wirkt. Die Gnade besteht darin, dass dem Menschen verziehen wird. Er wird befreit von dem, was war, und von sich selbst. Und Glaube meint, in Treue zu Gott und seinem befreienden Handeln zu leben und das Gute und Gerechte zu tun. Paulus spielt nicht den Glauben gegen die Werke oder das Gesetz aus. Es liegt für ihn an der Sünde, am «krummen Holz», aus dem der Mensch geschnitzt ist. Die reformatorische Paulusrezeption hat den anthropologischen Pessimismus des Apostels geteilt, aber seinen Optimismus hinsichtlich der Verwandelbarkeit des Menschen eher nicht.

Wie schätzen Sie die Beziehungen zwischen Juden und Christen heute in der Schweiz ein?
Viele fürchten, dass wir in alte Muster zurückfallen. Gesellschaftlich haben Anfeindungen gegen Juden zugenommen, besonders im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt. Als ich 1985 nach Basel kam, brauchte die Synagoge noch keine aufwendigen Sicherheitsvorkehrungen. Es gab einen Grundanstand im Umgang mit Juden. Es schmerzt mich, zu sehen, dass nun auch in der Schweiz Antisemitismus, insbesondere in der Maske der Feindschaft gegen Israel, wieder Nahrung erhält.

Als das Heks der Migros öffentlich gratulierte, dass es die Produkte aus den besetzten palästinensischen Gebieten deklarierte, haben Sie protestiert.
Richtig. Heks hat aber noch mehr gefordert, nämlich dass die Migros diese Waren aus den umstrittenen Gebieten aus dem Regal nimmt, also boykottiert. Das ist ein weitgehender politischer Schritt über den karitativen Auftrag und den Auftrag zur inner- und zwischenkirchlichen Hilfe hinaus. Das halte ich für eine einseitig antiisraelische Politisierung und übrigens auch für eine Torheit, weil ein solcher Boykott in der Konsequenz viele und gut bezahlte Arbeitsstellen für Palästinenserinnen und Palästinenser vernichten würde. Es gibt auch wesentlich dringendere Probleme, nämlich die schweren Repressalien und geradezu Verfolgungen und Vertreibungen, die Christen und Christinnen im Nahen Osten erleiden. Nur in Israel dürfen Christen und Christinnen sich der Freiheit und Bürgerrechte erfreuen, ihre Kirchen blühen geradezu. Aber was etwa in Syrien, in Ägypten, auch in Gaza ihnen angetan wurde und wird, schreit eigentlich nach der zwischenkirchlichen Hilfe, zu der das Heks einen Auftrag hat. Gerade in den Gebieten unter der Kontrolle der palästinensischen Autonomiebehörde, wie etwa in Bethlehem, haben Christen keine Zukunft, und zwar nicht wegen Israel, sondern wegen der Hamas und der Fatah. Dazu wünsche ich mir vom Heks eine Stellungnahme.

Sehen Sie in nächster Zukunft eine Lösung des Nahost-Konflikts?
Für eine friedliche Lösung braucht es den Einsatz beider Seiten und Dritter als Vermittler. Doch wenn der Revanchismus und Revisionismus auf palästinensischer Seite weiterhin überwiegt und schon Kinder im Antisemitismus und im Hass erzogen werden, sehe ich wenig Chancen. Vielleicht sollte man nicht von Lösung, sondern von einem «Management» des Konflikts reden. Das findet mit einigem befriedenden Erfolg auf Zypern statt.

Von Israel wieder in die Schweiz: Jüngst hat Ihre Nachfolgeregelung Schlagzeilen gemacht. Was wünschen Sie sich für die Theologie in der Schweiz?
Erst kürzlich habe ich mir wieder einmal eine Aufsatzsammlung von Karl Barth angesehen, mit dem Titel «Eine Schweizer Stimme». Genau das wünsche ich mir.

Interview: Delphine Conzelmann, Tilmann Zuber

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