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«Elend, Jammer und Not brechen mit Urgewalt über die Menschen herein»

01.01.2016
Von anfänglichen Durchhalteparolen zum sehnlichen Wunsch nach Frieden: Die Katastrophe des Ersten Weltkriegs spiegelt sich auch in den Predigten des reformierten Pfarrers Max Luschka aus Luzern wider.

Als im August 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht, strömen die Menschen in Scharen in die Kirchen. Auch in Luzern nimmt die Arbeit für die drei reformierten Pfarrer der noch jungen Diasporagemeinde zu. Die Menschen sind verunsichert, was der Krieg für Folgen für sie hat. Ein Pfarrkollege fällt schon bald aus er muss als Feldprediger zur Truppe.
Keine Woche ist nach der allgemeinen Mobilmachung der Schweizer Armee vergangen, als Max Luschka am 9. August 1914 auf die Kanzel der Matthäuskirche steigt. Die Aufgabe der Kirche sieht der Pfarrer zu diesem Zeitpunkt vor allem darin, «zu helfen, zu trösten und aufzurichten». Unter dem Eindruck der Bedrohung appelliert er an «Schweizersinn, echte Schweizertreue und echte Schweizertapferkeit» und an eine geeinte Schweiz: «Die parteipolitischen und konfessionellen Gegensätze scheinen auf einmal wie verschwunden zu sein.» Für die einberufenen Soldaten erbittet er Gottes Segen: «O, so stärke sie denn, dass sie Kraft haben, die höchsten Güter unseres Volkes zu wahren.»
Die Daheimgebliebenen warnt er hingegen vor Drückebergerei: «Aber ein Feigling ist, wer sich darüber freut, dass er wohlgeborgen hinterm heimischen Ofen sitzen darf, während die anderen ihrer ernsten ­vaterländischen Pflicht genügen.» Trotz nationaler Töne und Mutmach-Parolen sieht er das Grauen des Krieges aber bereits nahen: «Elend, Jammer, Not und Tod brechen mit Urgewalt über das Menschengeschlecht herein.»

Kritik an der Doppelmoral
Bereits ein Jahr später sind die Auswirkungen des Krieges auch in Luzern spürbar. Bei den Kirchen häufen sich die Fürsorgegesuche von Familien, deren Väter im Feld sind. Ein Soldat leistete im Durchschnitt etwa 500 Diensttage und erhielt keine Verdienstausfallentschädigung.
Unter dem Titel «Warum? Allerlei Kriegsfragen und Antworten» veröffentlicht Max Luschka 1915 einen schmalen Aufsatzband, in dem er hart mit dem «Doppelspiel» einer Schweiz ins Gericht geht, die sich Frieden und Neutralität auf die Fahnen schreibt und in der gleichzeitig bestimmte Kreise wirtschaftlich vom Krieg profitieren. «Wenn aber nun die Schweiz unter staatlicher Genehmigung durch ihre Fabrikanten Bomben- und Granatenhülsen, also Kriegsmaterialien, an das Ausland liefert, dann verlieren unsere Taten und Entschlüsse viel von ihrem sittlichen Wert und das schmückende Beiwort edel will gar nicht mehr so recht auf sie passen.»
Von der Kirche verlangt er, dazu eine aufklärende Haltung einzunehmen: Ohne Angst vor «Unannehmlichkeiten» soll sie «wahrhaftig» sein.

«Schweizervolk, lass das Nörgeln!»
1916, nach zwei Jahren Krieg, ist die Hoffnung auf ein rasches Kriegsende bereits verflogen. Max Luschka stellt seine Predigt vom 13. Februar unter das Pauluswort «Tut alles ohne Murren und ohne Zweifel», denn vor allem «Murren, Zweifeln und Nörgeln» nimmt er unter seinen Landsleuten wahr. Ein unangemessener Zustand, wie er im Hinblick auf die ungleich mehr unter dem Krieg leidenden Nachbarländer findet. Die Luzerner bekommen durch den Anblick der verwundeten deutschen Kriegsgefangenen, die in diesen Tagen auch in Luzern untergebracht werden, einen Eindruck von den Gräueln des Krieges: «Und doch ist dieses Elend, das an unseren Augen vorüberzog, nur ein winziger, verschwindender Bruchteil des millionenfachen Elendes aller kriegsführenden Staaten.» Während des Krieges steigt die Zahl der Protestanten in Luzern stark an. In den aufgrund des Krieges verwaisten Hotels rund um den Vierwaldstättersee erhielten viele Internierte ab 1916 Unterkunft, darunter zahlreiche Deutsche evangelischen Bekenntnisses.
Weitsichtig analysiert Max Luschka das Kriegsgeschehen nicht als Folge «englisch-französischer oder deutsch-österreichischer Grausamkeit» sondern meint: «Das alles ist das Schlussresultat unserer europäischen Scheinkultur, unserer Scheinzivilisation, die Folge des allherrschenden Materialismus und Mammonismus, die Folge unseres rein äusserlichen Religionsbetriebes katholischer und protestantischer Façon.» Und folgert: «Wir sind alle mitschuldig an dem schauderhaften Völkerunglück.»

Sehnsucht nach Frieden
Ein halbes Jahr vor Kriegsende 1918 lebt ein Sechstel der Schweizer Bevölkerung infolge der militärischen Dienstzeit, Arbeitslosigkeit und Armut unter dem Existenzminimum. Das Alltagsleben, auch das kirchliche, geht aber weiter. Am Palmsonntag 1918 spricht Max Luschka vor Konfirmandinnen. Die Anfangseuphorie ist längst verflogen, die Enttäuschung über die fehlende Haltung seiner Landsleute ist jetzt dem dringenden Wunsch nach Frieden gewichen. «Wir alle aber wissen jetzt, was Hass und Streit, Missgunst und Neid hervorbringen vermögen in der Welt an Elend und Not. O, machet um Gotteswillen einmal Frieden!»
Unter den Konfirmandinnen sind neben Schweizerinnen auch mehrere Ausländerinnen, sogar solche mit «feindlicher Staatszugehörigkeit», wie Max Luschka in seiner Predigt extra erwähnt. Der Theologe lobt das «Solidaritätsgefühl» und «das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit» unter den Mädchen und hofft, dieser «Friedensgeist» möge sich auf «die Völker» übertragen. Den Konfirmandinnen legt er darum inbrünstig ans Herz «O werdet Friedensmenschen.»
Als im November 1918 die Waffen endlich schweigen, hat der Krieg weltweit 17 Millionen Tote gefordert. Die so herbeigesehnte Friedenszeit konnte Max Luschka allerdings nicht lang geniessen. Er starb mit nur 46 Jahren Weihnachten 1919 wohl an den Folgen der Spanischen Grippe.


Zum Bild oben: Alltag der Schweizer Grenztruppen im Ersten Weltkrieg: Kinder stehen für die Suppe an. | Fotostiftung winterthur

Zum Bild unten: Predigte während des Ersten Weltkriegs in Luzern: Pfarrer Max Luschka. | ZVG

Annette Meyer zu Bargholz


Max Luschka.


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