Anselm Grün: «Aus dem Grab der Resignation hinein in die Lebendigkeit des Lebens»
Pater Anselm Grün, wenn man den Begriff Ostern im Internet sucht, stösst man schnell auf Ihre Bücher. Warum ist Ostern für Sie so wichtig?
Ostern ist eigentlich das Urfest der Christenheit – Weihnachten kam erst später. In den Tagen von Karfreitag bis Ostern zeigt sich das Zentrum des christlichen Glaubens und der Hoffnung. In der Auferstehung des Gekreuzigten verbindet sich die Hoffnung, dass Dunkelheit in Licht verwandelt werden kann: unser Scheitern in einen neuen Anfang mündet, unsere Schwäche in Kraft und unsere Angst in Vertrauen.
Wenn Sie die Osterbotschaft in einem einzigen Satz zusammenfassen müssten – wie würde er lauten?
Aus dem Grab der Resignation hinein in die Lebendigkeit des Lebens.
Ist die Auferstehung für Sie eher ein historisches Ereignis oder eine innere Erfahrung?
Auf jeden Fall ist sie eine Erfahrung. Die Jünger haben den Auferstandenen gesehen. Sie haben diese Erfahrung gemacht. Wie das genau geschah, lässt sich nicht sagen. Aber es war nicht nur eine innere Erfahrung. Sie haben etwas gemeinsam erlebt, sie haben den Auferstandenen gemeinsam wahrgenommen. Das gab ihnen den Mut, wieder hinauszugehen. Vorher hatten sie sich aus Angst vor Verfolgung und Tod zurückgezogen. Wir können den Erfahrungen der Jünger vertrauen.
In den Evangelien gibt es unterschiedliche Osterberichte – die Frauen am Grab, die Jünger auf dem Weg nach Emmaus oder den ungläubigen Thomas. Gibt es einen Satz daraus, der Sie besonders begleitet?
Mich berührt eine Szene im 21. Kapitel des Johannesevangeliums. Die Jünger haben die ganze Nacht hindurch gefischt und nichts gefangen. Sie sind frustriert. Dann fordert Jesus sie auf, noch einmal hinauszufahren – und plötzlich gelingt der Fang. Da sagt Johannes: «Es ist der Herr.» Dieser Satz begleitet mich. Wenn ich mitten in der Arbeit stehe, dann ist er der Herr, der Auferstandene, der mich begleitet. Er ist nicht nur damals auferstanden, sondern ist auch heute mitten unter uns.
In der Ostergeschichte wird der Stein vor dem Grab weggewälzt. Was bedeutet dieses Bild heute?
Der Stein steht für all das, was uns blockiert – Angst, Hemmungen, Resignation. Ostern bedeutet: Der Stein, der auf meiner Seele liegt, wird weggewälzt. Der Engel setzt sich darauf und sagt: «Das Grab ist leer, er ist auferstanden.» Vielleicht kann sich jeder fragen: Welcher Stein soll an Ostern von mir weggewälzt werden?

Anselm Grün, Jahrgang 1945, ist Benediktinermönch, Theologe – und so etwas wie der Bestsellerautor der deutschen Spiritualität. Seit Jahrzehnten lebt und arbeitet er in der fränkischen Abtei Münsterschwarzach, doch seine Gedanken reichen weit über die Klostermauern hinaus. In Dutzenden Büchern verbindet Grün christliche Tradition mit moderner Lebenshilfe – eine Mischung, die Millionen Leserinnen und Leser anspricht. Seine Themen: Achtsamkeit, Spiritualität, innere Balance. Statt theologischer Fachsprache setzt Grün auf klare Worte und Beispiele aus dem Alltag. Genau das macht seine Texte so zugänglich. (Foto: epd)
Buchtipps:
• Frohe Ostern, Anselm Grün, Vier-Türme-Verlag
• Die Osterfreude auskosten, 50 Impulse von Ostern bis Pfingsten, Anselm Grün, Herder
Sie sagen, Auferstehung ereigne sich im Alltag. Wie sieht das aus?
Viele Menschen fühlen sich heute resigniert und ohnmächtig. In der Bibel ist nicht nur von Auferstehung, sondern auch von Auferweckung die Rede. Wir sind oft eingelullt, gewissermassen im Schlaf unserer Illusionen über die Welt. Auferstehen heisst auch: aufwachen. Natürlich sehen wir die Auferstehung nicht nur im Diesseitigen, sondern wir glauben auch an die Auferstehung im Tod. Das ist keine Flucht aus der Realität. Es hilft uns vielmehr, gelassen und hoffnungsvoll zu leben. Und es nimmt uns Druck: Im Tod wird vollendet, was wir hier nicht vollenden können. Und wenn ich zu meinem wahren Selbst auferstehe, wird alles Neurotische und andere wegfallen, was mein Selbstbild verzerrt hat – das ursprüngliche Bild Gottes von mir wird zum Vorschein kommen.
Können Sie sich an ein Ostererlebnis erinnern, das Sie besonders geprägt hat?
Ich habe 25 Jahre lang Jugendarbeit gemacht und mit rund 250 Jugendlichen Ostern gefeiert. Die Osternacht dauerte bis halb zwei Uhr in der Nacht. Das waren sehr intensive Feiern. Wenn die Jugendlichen in dieser Nacht musizierten, brach eine unglaubliche Lebendigkeit auf.
Gibt es auch in Ihrem eigenen Leben ein Auferstehungserlebnis?
Ja. Wenn ich an unserer Bachallee spazieren gehe, gerade an Ostern, spüre ich manchmal: Ich bin nicht allein. Er ist bei mir. In solchen Momenten wandelt sich etwas.
Was raten Sie Menschen, die sich nach einem inneren Neubeginn sehnen?
Ihrer Sehnsucht zu trauen. Viele sagen: Ich möchte glauben, aber ich kann nicht. Ich zweifle. Dann sage ich: In der Sehnsucht nach Glauben ist schon Glaube. In dieser Sehnsucht spüre ich bereits eine Spur Gottes. Wenn ich die Hand aufs Herz lege, spüre ich oft eine tiefe Sehnsucht nach wirklichem Leben und nach einer Liebe, die stärker ist als der Tod. Für mich sind das Auferstehungserfahrungen.
Was unterscheidet christliche Hoffnung von blossem Optimismus?
Der Optimismus legt Erwartungen fest. Die Hoffnung lässt offen. Der französische Philosoph Gabriel Marcel hat zwischen Erwartung und Hoffnung unterschieden. Erwartungen können enttäuscht werden – etwa, wenn ich erwarte, gesund zu werden. Hoffnung geht tiefer. Auch wenn ich nicht gesund werde, kann ich ein hoffender Mensch bleiben. Ich vertraue darauf, dass es gut wird, auch wenn es anders kommt, als ich es mir vorgestellt habe.
Wie kann die Osterbotschaft Menschen erreichen, die mit Kirche wenig anfangen können?
Indem wir ihre Sehnsucht ansprechen. Gerade in einer resignierten gesellschaftlichen Situation sehnen sich viele nach Hoffnung. In der frühen Kirche waren Menschen neugierig auf die Christen. Im ersten Petrusbrief heisst es: «Legt Zeugnis ab über die Hoffnung, die euch erfüllt.» Offensichtlich strahlte diese Hoffnung in die Gesellschaft aus. Die Menschen haben eine Sehnsucht nach dem Leben. Wer mit Glauben fremdelt, kann auf die Natur schauen. In ihr wird jedes Jahr aufs Neue Auferstehung sichtbar: Neues Leben bricht hervor. Die Natur erinnert uns daran, dass auch in uns neues Leben aufblühen kann und wir nicht auf das Erstarrte festgelegt sind.
Warum fällt es vielen Menschen schwer, die Osterfreude zu spüren?
Freude lässt sich nicht befehlen. Man muss sich auf das Geheimnis einlassen, das braucht Zeit. Und dazu gehört auch die Vorbereitung der stillen Tage der Karwoche mit Karfreitag und Karsamstag, die sich dem Leid stellen. Das Leid ist nicht das letzte Wort. Neues Leben bricht auf.
Liegt es auch an unserer zurückhaltenden Mentalität?
Vielleicht. Viele Menschen tun sich heute auch schwer damit, Gefühle zu zeigen. Sie wollen cool bleiben, selbst an Ostern. Aber Ostern braucht Lebendigkeit. Wir haben einmal mit Jugendlichen auf dem Kirchplatz getanzt und die Besuchenden eingeladen mitzumachen. Plötzlich war da eine grosse Lebendigkeit.
Sind wir zu sehr in Karfreitag verhaftet und zu wenig in Ostern?
Oft nicht einmal in Karfreitag. Wir sind eher von schlechten Nachrichten umgeben und auf das Negative fixiert. Das hindert uns daran, zu sehen, dass es auch eine andere Wirklichkeit gibt. Auch in einer Welt, die so ist, wie sie ist, darf ich Ostern feiern und in eine andere Welt hinübergehen. In der Liturgie gehen wir bewusst in eine andere Welt hinüber. Das ist keine Flucht, sondern eine Kraftquelle, um diese Welt besser zu bewältigen.
Anselm Grün: «Aus dem Grab der Resignation hinein in die Lebendigkeit des Lebens»