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Auch der Koran braucht Interpretation

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01.01.2016
Der islamistische Terror habe nichts mit dem Islam zu tun, so hört man oft. Wie kann das sein, wenn die Attentäter das Töten mit Zitaten aus dem Koran legitimieren? Die Islamwissenschaftlerin Rifaat Lenzin erklärt, dass man die islamischen Schriften vor dem Hintergrund ihrer zeitlichen Entstehung interpretieren müsse. Sie begrüsst die Ausbildung von Imamen.

Nach den Anschlägen in Paris distanzieren sich Muslime in der ganzen Welt von den Terroristen. Immer wieder heisst es wie beim türkischen Aussenministerium oder beim Islamischen Zentralrat Schweiz, das habe nichts mit dem Islam zu tun.

Inzwischen regen sich auch Stimmen, die zeigen, dass der islamistische Terror mit dem Islam zu tun hat, nämlich damit, wie man ihn interpretiert. Das zeigt etwa die Stellungnahme der Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz. Die Terroristen handelten «fälschlicherweise im Namen einer Religion», heisst es da. Und Mahmoud El Guindi, der Präsident der Zürcher Muslime, sagte gegenüber dem Tagesanzeiger, man müsse die Koranstellen, die zu Gewalt gegen Ungläubige aufrufen, im geschichtlichen Zusammenhang sehen. «Diese Suren beziehen sich auf kriegerische Zeiten, wie sie der Prophet erlebt hat nicht auf heute.» Das würde bedeuten, dass man vieles, was im Koran steht, heute nicht mehr wörtlich nehmen darf.

Religiöse Bildung fördern
«In den Schriften finden Sie alles und man kann immer Stellen aus dem Zusammenhang reissen», betont Rifaat Lenzin. Die Islamwissenschaftlerin ist Dozentin am Zürcher Lehrhaus und Präsidentin der Interreligiösen Arbeitsgemeinschaft Iras Cotis. Sie vertritt den gleichen Ansatz wie El Guindi. Das Lehrhaus beschäftigt sich bereits seit 20 Jahren mit der Interpretation der jüdischen, christlichen und islamischen Schriften. Aufgrund des gemeinsamen Studiums fördert die Bildungsinstitution das Verständnis und den Dialog zwischen den drei abrahamitischen Religionen.

Dass man den Koran im historischen Kontext auslegt, sei keine neue Erkenntnis, sagt Rifaat Lenzin. Die islamischen Gelehrten hätten das bereits lange vor dem Westen praktiziert. Da der Koran viel jünger ist als die Bibel, lasse er sich zeitlich gut einordnen. «Das nimmt dem Ganzen die Schärfe», meint Lenzin. Als Beispiel nennt sie die Rolle der Frau. Niemand habe die patriarchale Gesellschaft zu Zeiten des Propheten Mohammed in Frage gestellt. Heute sei man gezwungen, sich damit auseinanderzusetzen. Allerdings werde dieses Interpretations-Potenzial des Korans durch fundamentalistische Lesarten wahabitischer Herkunft in den Hintergrund gedrängt, bedauert die Islamwissenschaftlerin.

Lenzin weist darauf hin, dass die Interpretation der Schriften, egal ob Koran oder Bibel, vor dem historischen Hintergrund eine akademische Angelegenheit sei. «Wer weiss wirklich, welche Lebenswelt die Bibel spiegelt?» Sie hat darum Verständnis dafür, wenn Muslime sich vom Terror distanzieren, indem sie sagen, er habe nichts mit dem Islam zu tun. «Sie meinen damit, die Gewalt habe nichts mit der Religion zu tun, wie sie sie verstehen und leben.»

Islamische Theologie studieren

Eine staatliche Ausbildung von Imamen würde Rifaat Lenzin begrüssen. Das Schweizer Zentrum für Islam und Gesellschaft an der Universität Freiburg sei ein guter Anfang. In ihren Augen wäre es für den interreligiösen Dialog wichtig, sowohl Theologen auszubilden, die sich der Auslegung des Korans annehmen und ihn für europäische Verhältnisse übersetzen, wie auch Imame, die ähnlich wie «Gemeindepfarrer» für die Seelsorge und die religiöse Bildung in den muslimischen Gemeinden zuständig sind.

Wie wichtig die religiöse Erziehung bei der Prävention gegen radikale Entwicklungen ist, betont auch Georg Schmid immer wieder. Denn Jugendliche, die sich den Salafisten anschliessen, zeigten oft enorme Defizite in der Glaubensbildung, so die Erfahrung des Leiters der Evangelischen Informationsstelle Kirchen-Sekten-Religionen.


Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».


Zum Bild: Die Islamwissenschaftlerin Rifaat Lenzin am Podium «Gibt es eine islamistische Bedrohung Europas?» vom 5. November in Basel.
Foto: Claude Giger

Karin Müller / Kirchenbote / 19. November 2015

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