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Mission und Kolonialismus

Auf den Spuren des Kolonialismus in Basel

von Nicole Noelle
min
13.12.2023
Obwohl die Schweiz nie Kolonien besass, wurde sie nicht zuletzt durch den Kolonialhandel zu einer der grössten Transithandelsnationen der Welt. Und die Schweiz ist berühmt für eine typische «Kolonialware»: die Schokolade. Was das mit der Basler Mission zu tun hat, erklärt ein Stadtrundgang in Basel.

Das Novemberwetter ist fast so dĂŒster wie das Thema des Stadtrundgangs, den Mission 21 an diesem verregneten Sonntag zum ersten Mal anbietet: «Mission und Kolonialismus in Basel». Den meisten der vor dem Missionshaus stehenden Teilnehmenden der FĂŒhrung dĂŒrfte der Begriff «Kolonialwarenladen» gelĂ€ufig sein, der in der Schweiz noch in den 1970er Jahren fĂŒr Tante-Emma-LĂ€den verwendet wurde. Ansonsten wurde Kolonialismus hierzulande lange mit LĂ€ndern wie Grossbritannien, Frankreich, Spanien oder Portugal in Verbindung gebracht. Dass auch die Schweiz erfolgreich Kolonialismus ohne Kolonien betrieb, klingt zunĂ€chst ungewohnt. «Basel und die Basler Mission hatten ihren Anteil an dieser Entwicklung», sagt Claudia Buess, Historikerin bei Mission 21, die mit dem Kirchenhistoriker Christian Weber, ebenfalls Mitarbeiter von Mission 21, durch die Stadt fĂŒhrt. Die Tour fĂŒhrt ĂŒber sieben Stationen vom Hauptsitz von Mission 21 an der Missionsstrasse ĂŒber den Marktplatz bis zum Basler MĂŒnster.

Entsetzen ĂŒber den Sklavenhandel

Der VorlĂ€ufer von Mission 21, die Basler Mission, wurde 1815 nicht zuletzt aus der Ablehnung des Sklavenhandels gegrĂŒndet. Die Briten hatten bereits 1807 den transatlantischen Sklavenhandel in ihren Kolonialgebieten verboten, aber es dauerte noch Jahrzehnte, bis auch die anderen KolonialmĂ€chte den Menschenhandel unterbanden. In der Zwischenzeit blĂŒhte der Sklavenschwarzmarkt weiter.

Im Gegensatz zur katholischen Mission war die protestantische eine Laienbewegung, die aus dem Pietismus hervorging, der im Basler GrossbĂŒrgertum AnhĂ€nger fand. Wohlhabende Basler Familien unterstĂŒtzten die GrĂŒndung der Mission ideell und finanziell.

Profitable GeschÀfte auch ohne eigene Kolonie

Gleichzeitig profitierten sie von den VerhĂ€ltnissen in den Kolonien. Die Familie Burckhardt beispielsweise betrieb bereits im 18. Jahrhundert in Basel Kolonialwarenhandel, erklĂ€rt Claudia Buess auf dem Basler Marktplatz. Dort befand sich der damalige Firmensitz des Handelshauses Burckhardt, das Haus zur Goldenen MĂŒntz. Christoph Burckhardt, einer der Söhne, grĂŒndete mit dem Kapital seines Vaters und der GebrĂŒder Merian in Nantes eine Tochterfirma, die eng mit französischen SklavenhĂ€ndlern zusammenarbeitete. Nantes in Frankreich und Liverpool in England gehörten damals zu den wichtigsten HĂ€fen des transatlantischen Dreieckshandels. Insgesamt seien drei Generationen der Familie Burckhardt an 21 Sklavenexpeditionen beteiligt gewesen, mit denen ĂŒber 7000 Westafrikaner in die Karibik verschleppt worden seien, so Claudia Buess. Allein auf der Überfahrt seien rund 1300 Menschen gestorben.

In der Wahrnehmung eine deutsche Mission

Es war Christoph Merian-Burckhardt, der mit seinem umfangreichen Legat 1860 den Bau des Missionshauses vor den Toren der Stadt finanzierte. In den folgenden Jahrzehnten wurden hier mehrere tausend Missionare und Missionarinnen fĂŒr ihren Einsatz in den Kolonien Ghana, Indien und Kamerun ausgebildet. Siebzig Prozent der Kandidaten kamen aus SĂŒddeutschland. «Schwabenkaserne» wurde das imposante Missionshaus deshalb bald von der Basler Bevölkerung genannt. Die Identifikation der Basler Mission als deutsche Mission war auch der Grund dafĂŒr, dass die alliierten MĂ€chte im Ersten Weltkrieg die Arbeit der Basler Mission jĂ€h unterbanden. Viele Missionare wurden aufgrund ihrer deutschen NationalitĂ€t ausgewiesen oder sogar interniert.

Das VerhĂ€ltnis zu den KolonialmĂ€chten sei schon zu Beginn der Basler Mission komplex gewesen, sagt Buess. Als die Missionare in der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts Stationen errichteten, taten sie dies oft in kolonisierten Gebieten. Die Basler Mission scheute sich damals vor der Konfrontation mit den KolonialmĂ€chten, allzu aufrĂŒhrerisches Verhalten hĂ€tte in vielen FĂ€llen das Ende der MissionstĂ€tigkeit bedeutet.

Vermischung von Mission und Handel

Dies hĂ€tte auch das Ende des Handels der Basler Missionshandelsgesellschaft bedeutet. Die 1859 vom Vorstand der Basler Mission als eine der ersten Aktiengesellschaften der Schweiz gegrĂŒndete Missionshandelsgesellschaft sicherte die Finanzierung der Basler Missionsarbeit und beschĂ€ftigte um 1916 weltweit 6500 Personen. «Nach dem Ersten Weltkrieg wurde auch innerhalb der Mission die Kritik an der Vermischung von Missionsarbeit und HandelsgeschĂ€ft lauter», erklĂ€rt Claudia Buess vor dem Haus zum Wolf, dem damaligen Sitz der Basler Missionshandelsgesellschaft am Spalenberg. Dies fĂŒhrte 1928 zur endgĂŒltigen rechtlichen Trennung der Basler Mission von der Missionshandelsgesellschaft, die fortan unter dem Namen Basler Handelsgesellschaft lief.

Die Frage nach der Ethik taucht wĂ€hrend des Stadtrundgangs immer wieder auf. «Die Missionare waren doch von Liebe getrieben, sie haben sich gegen die Sklaverei ausgesprochen!», wirft eine Frau ein, als es auf dem Petersplatz um die Völkerschauen geht. «Die Diskussion ĂŒber Nutzen und Schaden der Mission wird schon lĂ€nger gefĂŒhrt», erklĂ€rt Christian Weber, «es gibt keine einfache Antwort». Die Mission erschloss und kartographierte neue Gebiete. Missionare erforschten Sprachen, die durch ihre BibelĂŒbersetzungen bis heute erhalten geblieben sind. Oft hĂ€tten sich die Missionare fĂŒr die einheimische Bevölkerung gegen das Regime der Kolonialregierung eingesetzt, sagt Weber. Andererseits untergrub die Mission durch die Abgrenzung der christlichen Dorfgemeinschaft in Afrika traditionelle Werte wie die SolidaritĂ€t unter den Einheimischen. Die neuen Christinnen und Christen mussten europĂ€ische Namen annehmen.

 

Bis 1935 fanden im Zoo Basel 22 Völkerschauen statt. Die Zurschaustellung von Menschen aus Kolonialgebieten konstruierte ein europäisches Bild des «Wilden». | Foto: Nicole Noelle

Bis 1935 fanden im Zoo Basel 22 Völkerschauen statt. Die Zurschaustellung von Menschen aus Kolonialgebieten konstruierte ein europäisches Bild des «Wilden». | Foto: Nicole Noelle

 

UnterstĂŒtzung fĂŒr das Schoggiland Schweiz

Claudia Buess nennt als weiteres Beispiel den Kakaohandel in der Kolonie GoldkĂŒste, dem heutigen Ghana. WĂ€hrend des Zweiten Weltkrieges beauftragte die britische Kolonialregierung europĂ€ische Kartellunternehmen, den in Ghana produzierten Kakao nach Europa zu verschiffen. Die Missionare kritisierten das Kartell, aber sie setzten sich nicht aktiv fĂŒr die afrikanischen HĂ€ndler ein. Schliesslich sah das pietistische Missionskonzept nur Bauern und Handwerker als Partner vor, nicht aber afrikanische Kaufleute und Financiers, wie es im JubilĂ€umsmagazin der Basler Mission heisst.

Auch die UTC (Union Trading Company), ehemals Basler Handelsgesellschaft, gehörte diesem Kartell an und wurde deshalb von der britischen Regierung zur EinkĂ€uferin fĂŒr die Schweiz bestimmt. So konnte die UTC wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs Kakao an die Schweizer Schokoladenindustrie liefern, die ihre Produktion sonst hĂ€tte einstellen mĂŒssen. Ohne das langjĂ€hrig aufgebaute Netzwerk der Basler Missionshandelsgesellschaft wĂ€re das Schoggiland Schweiz heute möglicherweise Geschichte.

Transparente Aufarbeitung der Geschichte

Mission 21, die 2001 gegrĂŒndete Nachfolgeorganisation der Basler Mission, engagiere sich nicht mehr fĂŒr den Aufbau von Kirchen in Missionsgebieten. Vielmehr konzentriere sie sich heute gemeinsam mit ihren Partnerkirchen auf die Entwicklungszusammenarbeit und den Aufbau einer internationalen Lerngemeinschaft, sagt Claudia Buess. «Wir wollen aus der Vergangenheit fĂŒr die Gegenwart lernen.» Dazu gehöre auch, bei StadtfĂŒhrungen die Geschichte der Basler Mission ungeschminkt zu erzĂ€hlen.

 

Mission und Kolonialismus

Welche Rolle spielten christliche Missionsgesellschaften im Kontext des Kolonialismus? In loser Abfolge rĂŒckt Mission 21 die vielschichtige Geschichte von Mission und Kolonialismus ins Blickfeld. Informationen unter: www.mission-21.org/mission-revisited

Die nĂ€chste StadtfĂŒhrung «Mission und Kolonialismus in Basel» findet statt am 14. Januar 2024 um 15.30 Uhr. Zwei weitere FĂŒhrungen sind fĂŒr Samstag, 16. MĂ€rz, 10 und 14 Uhr geplant. Informationen und Anmeldung unter: www.mission-21.org/veranstaltung

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