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Beten und Schweigen

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14.01.2019
Bald finden sich in Davos wieder die Reichen und Mächtigen der Welt ein. Am Rande des WEF trifft sich eine kleine Gruppe von Christen zum allabendlichen Beten und Schweigen – und das seit 20 Jahren.

Frau Wehrli, provokativ gefragt: Was bringt Beten und Schweigen?
Unser Motto ist es, f√ľr Gerechtigkeit und Frieden in der Welt zu beten. Wenn man die Welt anschaut, k√∂nnte das einem schon pessimistisch stimmen und die Frage aufwerfen, ob wir tats√§chlich weitergekommen sind. Aber Erfolg ist nun mal kein Name Gottes. Als Kirchenleute wollen wir an der Verheissung vom Reich Gottes festhalten. ¬ęDein Reich komme¬Ľ bedeutet, dass Gott eine andere Welt will und f√ľr diese leisten wir einen Beitrag, so klein er auch sein mag.

Angesichts der Probleme der Welt: versp√ľren Sie keine Resignation?
Im Schweigen und Beten bringen wir unsere Ohnmacht vor Gott. Wir hoffen darauf, dass wir durch die Einkehr verwandelt wieder rausgehen. Albert Schweitzer hat gesagt: Beten ändert nicht die Welt, aber beten verändert Menschen und Menschen verändern die Welt. Das ist unsere Motivation.

Sie beten explizit f√ľr die Opfer des Neoliberalismus. Ist die √∂kumenische Gebetswache eine Protestbewegung zum WEF?
Nein. Das WEF ist ein Konzentrat von den Problemen, aber auch den Chancen der Welt. Es werden nicht nur Deals abgeschlossen, sondern die Teilnehmer probieren ernsthaft, L√∂sungen zu finden. Wir verstehen uns nicht als Protestbewegung, sondern betonen einen ¬†Kontrapunkt zu Wirtschaft und Wachstum. Gott hat uns ein Leben in F√ľlle verheissen, was jedoch nicht bedeutet, dass wir in der westlichen Welt verschwenderisch leben und andere ausbeuten sollen.

Am diesjährigen WEF wird auch der ultrarechte brasilianische Präsident Jair Bolsonaro teilnehmen, US-Präsident Donald Trump war letztes Jahr mit dabei. Schliessen Sie auch diese streitbaren Machthaber in ihre Gebete ein?
Auf jeden Fall. Nach wie vor verstehen wir uns alle als Teil der Probleme und hoffentlich auch der L√∂sungen. Dem WEF-Gr√ľnder Klaus Schwab billigen wir wie anderen Wirtschaftskapit√§nen und Politikern zu, dass er beabsichtigt, die Probleme der Welt anzugehen. Das Motto des diesj√§hrigen WEF ist die Globalisierung und Digitalisierung ‚Äď diese bringt Gewinner hervor, fordert aber durch den Verlust von Arbeitspl√§tzen auch viele Opfer. Ihnen wollen wir uns in den Gebeten intensiv zuwenden, denn das ist die Aufgabe der Kirche: Sich der Verlierer anzunehmen.

Findet die Gebetswache eigentlich Anklang? Bei winterlichen Temperaturen drei Stunden in einer Kirche ausharren …
Es sind jeweils ein bis drei Dutzend Christen aus Landeskirchen und Freikirchen, die sich am Abend von 18 bis 21 Uhr in der reformierten Kirche St. Johann einfinden. Es zählt aber nicht der Anlass allein: Die Kirche ist während des WEF den ganzen Tag offen. An einem Lichterbaum kann man persönliche Anliegen anbringen. Neben Einheimischen kommen auch viele Besucher aus dem Umfeld des WEF in die Kirche, die sie als Ort der Ruhe und der Besinnung schätzen.

Was sind Ihre ganz pers√∂nlichen Hoffnungen f√ľr die Welt?
Ich w√ľnsche mir, dass wir uns nicht entmutigen lassen. Dass wir uns ‚Äď gerade im Zeitalter der Digitalisierung ‚Äď pers√∂nlich um einen mitmenschlichen Umgang bem√ľhen. Und die F√§higkeit bewahren, in die Haut des anderen zu schl√ľpfen.

Interview: Sandra Hohendahl-Tesch, reformiert.info, 11. Januar 2019

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