Carlos Greull wird 80
Bevor Carlos Greull auf die Bühne geht, ist die Angst da. Lampenfieber begleitet ihn seit seinem ganzen Künstlerleben – auch mit 80 Jahren. Doch sobald er vor dem Publikum sitzt, meist am Klavier, geschieht etwas: Die Anspannung weicht, und selbst die Krankheit tritt für einen Moment zurück. «Dann vergesse ich sie», sagt er. Greull lebt mit Parkinson. Dennoch tritt er weiterhin auf, etwa einmal im Monat. «Ich mache einfach, was noch möglich ist.»
Ein Leben für die Kunst
Kunst hat sein Leben von Anfang an begleitet. Geboren wurde Greull 1946 in Bogotá als Sohn europäischer Emigranten – die Mutter aus der Schweiz, der Vater aus der damaligen Tschechoslowakei. Als Kind kam er in die Schweiz. Seine künstlerischen Wege führten ihn in viele Richtungen: Greull ist Pianist, Komponist, Kabarettist, Dichter, Schauspieler und Regisseur. Kaum meint man, ihn einordnen zu können, zeigt er eine neue Facette. Er sei immer ein Suchender gewesen, einer, der sich nie lange auf bekannten Pfaden bewegt.
Selbst nennt er sich mit einem leisen Lächeln einen «Vollblutkünstler». Einer, der nicht lange darüber nachdenkt, was er dem Publikum geben will. «Man gibt einfach», sagt er. «Wenn es von Herzen kommt, spricht es auch zu Herzen.»
Dieses Bedürfnis zu gestalten, hat ihn nie verlassen. Schon als Kind habe er ständig etwas gemacht: musiziert, Theater gespielt, geschrieben. «Es liegt mir im Blut», sagt er. «Ich habe nie aufgehört, aktiv zu sein – und so soll es auch bleiben.»
Einschnitte und neue Perspektiven
Die letzten Jahre haben sein Leben dennoch stark verändert. 2018 kamen mehrere Diagnosen gleichzeitig: Diabetes, Parkinson – und kurz darauf die Pandemie. Das kulturelle Leben kam abrupt zum Stillstand. «Das Letzte, was ich gemacht habe, war eine Mani-Matter-Tournee in Tschechien und in der Schweiz zusammen mit einem tschechischen Liedermacher», erinnert er sich. «Und dann war plötzlich alles vorbei.»
Dieser erzwungene Stillstand hat ihn verändert. Früher lebte er im ständigen Schaffensrausch, immer unterwegs, immer am Arbeiten. Heute hört er viel Musik, entdeckt Werke anderer Künstler neu und kann sie anders geniessen. «Früher habe ich beim Hören sofort analysiert, wie ein Stück aufgebaut ist. Heute kann ich es mir einfach anhören und mich daran erfreuen.»
Ein wichtiger Ort für seine Musik war immer auch die Kirche. Greull spielte Orgel, komponierte Kirchenmusik und gestaltete Aufführungen mit biblischen Themen. Kirchliche Räume boten ihm die Möglichkeit, eigene Werke zu verwirklichen – dafür ist er dankbar.
Eine persönliche Spiritualität
Seine Beziehung zum Glauben ist dabei sehr persönlich. Schon als Kind verspürte er eine starke religiöse Sehnsucht. «Ich habe mich immer gefragt, ob Christus nicht auch in mir selbst sei.» Für Greull ist Christus keine ferne Gestalt der Geschichte, sondern eine lebendige Kraft im Menschen selbst. Besonders die Bergpredigt im Neuen Testament habe ihn geprägt – als Einladung zu einem inneren Weg, der weit über äussere Regeln hinausgeht.
Zu seiner Spiritualität gehört auch eine tiefe Verbundenheit mit den Tieren. Schon als Kind in Südamerika wuchs Carlos Greull mit ihnen auf. Bis heute begegnet er ihnen mit grosser Aufmerksamkeit. Hunde, die im selben Haus leben, besuchen ihn oft – und Gespräche mit ihnen seien keine Seltenheit, sagt er mit einem Schmunzeln. Tiere versteht er als Mitgeschöpfe. Ihnen gebühre derselbe Respekt und dasselbe Wohlwollen wie den Menschen. Deshalb hat er auch immer wieder bei Tiersegnungen in Kirchen mitgewirkt – musikalisch oder gestaltend.
Was wirklich trägt
Mit kirchlichen Autoritäten tat er sich allerdings nicht immer leicht. Als junger Mensch stellte er viele Fragen, wollte biblische Texte ernst nehmen und tiefer verstehen. Vage theologische und psychologische Antworten, die alles relativierten, konnten ihn nicht überzeugen. Also suchte er weiter.
Auch Krankheit und Alter betrachtet er aus einer inneren Perspektive. Die Diagnose Parkinson hat ihn nicht in Verzweiflung gestürzt. «Ich bin ein Mensch, der ziemlich schicksalsergeben ist», sagt er. Vielleicht klinge das altmodisch, doch für ihn bedeutet es, das Leben anzunehmen und sich stärker auf das Wesentliche zu konzentrieren, auch wenn es Dinge gibt, die durchaus schmerzen: Reisen etwa, die früher zu seinem Leben gehörten und heute nicht mehr möglich sind.
Mit 80 Jahren blickt Carlos Greull auf ein reiches und vielgestaltiges Künstlerleben zurück. Ein runder Geburtstag, den er dieses Jahr bewusst feiern wollte – mit Freunden, Familie und Menschen, die ihn auf seinem Weg begleitet haben.
Musik wird Raum der Begegnung
Alt habe er sich lange nie gefühlt, sagt er. Heute manchmal schon – aber nicht im negativen Sinn. Das Leben sei langsamer geworden. Vieles gehe nicht mehr. Doch gleichzeitig sei etwas anderes gewachsen: die Fähigkeit, genauer hinzuhören und sich an dem zu freuen, was da ist.
Wenn Carlos Greull heute am Klavier sitzt und ein Lied begleitet, geschieht etwas Magisches: Musik wird zum Raum der Begegnung – zwischen Künstler und Publikum, zwischen Klang und Stille.
Vielleicht ist es genau das, was seine Auftritte bis heute ausmacht: dass hier einer nicht einfach Musik macht, sondern etwas weitergibt, das ihn selbst trägt. Solange diese Kraft ihn trägt, wird Carlos Greull wohl weiter auf die Bühne gehen.
Oder, wie er es selbst sagt: «Ich mache einfach weiter.»
Der Musiker und Schauspieler Carlos Greull wurde am 14. März 1946 im kolumbianischen Bogotá geboren. 1953 kam er in die Schweiz, seit 1998 lebt er in Schaffhausen. Neben Auftritten in der Schweiz und im Ausland gestaltete er musikalisch viele kirchliche Anlässe mit und wirkte in verschiedenen Kirchgemeinden im Kanton Schaffhausen als Organist. Als Autor und Regisseur schuf er verschiedene Bühnenwerke zu biblischen Geschichten. Aktuell gestaltet er die künstlerischen Programme für das monatliche Kafi Intermezzo im HofAckerZentrum Schaffhausen mit.
Nächster Auftritt: Kafi Intermezzo zum Thema «Aufblühen», Mittwoch, 29. April, 15 Uhr, HofAckerZentrum Schaffhausen
Carlos Greull wird 80