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Liegestühle in der Kirche

«Chille i de Chile»: Wenn die Kirche zur Ruheoase wird

von Carmen Schirm-Gasser
min
28.01.2026
Liegestühle, sanftes Licht und viel Zeit zum Innehalten: «Chille i de Chile» in Neuhausen ist ein Gottesdienst, der bewusst mit klassischen Formen bricht und Raum für Ruhe, Musik und persönliche Gedanken schafft.

Liegestühle in der Kirche sind kein alltäglicher Anblick. Bei «Chille i de Chile» gehören sie jedoch fest zum Konzept. Rund 30 Menschen nahmen am jüngsten Gottesdienst dieses besonderen Formats in Neuhausen teil – Jugendliche, Erwachsene und ältere Personen. Gemeinsam erlebten sie einen Abend, der die Kirche in ein ungewohntes Licht rückte.

Schon beim Betreten des Raumes wird deutlich: Dieser Gottesdienst folgt anderen Regeln. Der Altarraum ist freigeräumt, die Liegestühle stehen im Kreis. LED-Lichter tauchen die Kirche in wechselnde Farben, Projektionen gleiten über die weisse Kuppel im Chorraum. «Als Resultat ist es immer erstaunlich, wie die Kirche plötzlich ganz anders wirkt», sagt Pfarrer Matthias Koch. «Die Atmosphäre springt sofort auf die Menschen über.»

Zur Ruhe kommen dürfen

Ziel von «Chille i de Chile» ist es, einen Raum zu schaffen, in dem Menschen zur Ruhe kommen können. «Die Leute sollen sich fallen lassen können», erklärt Koch. «Sie dürfen eintauchen, die Seele baumeln lassen oder einfach nur sein.» Die besondere Raumgestaltung ist dafür zentral – ebenso wie der bewusst reduzierte Ablauf.

Zwar gibt es eine Begrüssung, einen inhaltlichen Teil sowie Gebet und Segen am Schluss, doch dazwischen prägen Musik, Stille und Bilder den Abend. Gesungen wird nicht, niemand muss aktiv mitmachen. Die Teilnehmenden bleiben während des gesamten Gottesdienstes im Liegestuhl.

Man kann einfach daliegen und nach oben schauen. Dort sieht man einen projizierten Sternenhimmel. Man spürt richtig, wie sich die Zeit entschleunigt.

Der thematische rote Faden zieht sich jeweils durch den ganzen Abend. Dieses Mal stand alles unter dem Titel «Zeit rennt – hat alles seine Zeit? Oder rennen wir der Zeit hinterher?» Texte, Musik und visuelle Elemente griffen diese Fragen auf. Ergänzt wurde der Input des Pfarrers durch persönliche Statements.

Viele Stimmen, ein gemeinsamer Gedanke

Besonders wichtig ist Matthias Koch die Beteiligung unterschiedlicher Stimmen. Jugendliche formulierten eigene Texte und Gedanken zum Thema Zeit, ebenso kamen Aussagen von Erwachsenen zum Einsatz. «Die Jugendlichen lassen sich sehr gut darauf ein», sagt er. «Sie haben diese Hemmschwelle oft noch nicht.» Bei Erwachsenen sei es anspruchsvoller, sie zu ermutigen, eigene Texte vor anderen zu teilen. Umso erfreulicher sei es gewesen, dass beim jüngsten «Chille i de Chile» auch Beiträge aus dieser Altersgruppe eingebunden werden konnten.

Entstanden ist das Format im Jahr 2020. Anlass war das 300-Jahr-Jubiläum der Neuhauser Kirche, die 1720 erbaut wurde. In Zusammenarbeit mit Urs Ammann vom Stadttheater Schaffhausen wurde damals eine aufwendige Lichtinstallation realisiert. «Das war die Geburtsidee», erinnert sich Matthias Koch. «Viele Menschen sagten danach: Das müsste es öfter geben.» Aus dem einmaligen Projekt entwickelte sich ein wiederkehrendes Angebot – heute technisch einfacher, aber atmosphärisch wirkungsvoll.

Es ist fern von professioneller Technik, aber ich staune jedes Jahr, wie viel Atmosphäre man mit einfachen LED-Lichtern erzeugen kann.

Einfache Mittel, grosse Wirkung

Die Rückmeldungen der Teilnehmenden fallen überwiegend positiv aus. Viele beschreiben den Abend als wohltuend, berührend und inspirierend. «Chille i de Chile» findet inzwischen in der Regel einmal pro Jahr statt und hat sich als besonderes spirituelles Angebot etabliert. Für Pfarrer Koch ist es Teil einer grösseren Vision: «Ich wünsche mir Gottesdienste, die meditativ sind, die zum Nachdenken einladen und offen experimentieren.» Langfristig sollen noch mehr Gedanken aus den Köpfen der Teilnehmenden selbst kommen. «Nicht nur aus meiner Feder», betont er.

So wird die Kirche für einen Abend zu einem Ort der Ruhe – und vielleicht auch zu einem Impuls, den eigenen Umgang mit Zeit neu zu überdenken.

 

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