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Alte Lektüre online diskutiert

Das Christentum war schon von Anfang an bunt

von Tilmann Zuber
min
05.05.2023
Seit der Coronapandemie trifft sich eine Gruppe rund um Pfarrer Sascha Thiel im ­digitalen Netz. Sie beschäftigt sich mit der christlichen Literatur der ersten beiden Jahrhunderte. Und fragt sich: Was kann man von den ersten Christen lernen?


Die lakonische Ankündigung der einzelnen Abende klingt sachlich: 1. Thessalonicherbrief, Buch des Thomas, Origenes zur Hexe von Endor und so weiter. Trotzdem scheint dies so reizvoll, dass sich ein Lesekreis regelmässig online trifft und die christliche Literatur der ersten beiden Jahrhunderte in den Blick nimmt. «Die Online-Veranstaltung ist eine Frucht der Coronapandemie», erklärt Sascha Thiel, Pfarrer in Dulliken. «Die Teilnehmenden kommen auch aus anderen Regionen, so dass man sich nicht jedes Mal live sehen kann.»

Das Thema der Treffen ist das Christentum der ersten zwei Jahrhunderte und seine Literatur. Die Schriften des Neuen Testaments spiegelten nur einen kleinen Ausschnitt des Glaubens der frühen Christenheit wider, sagt Thiel. Jesus hatte in Gleichnissen und Symbolen gepredigt, seine Botschaft und seine Handlungen waren viel­deutig. Dementsprechend verschieden inter­pretierten die ersten Christen die Ereignisse, und es entwickelten sich die unterschiedlichsten Gemeinden. Sascha Thiel: «Das sieht man schon, wenn man den Römer- mit dem Kolosserbrief vergleicht. Diese beiden Schriften enthalten ein völlig anderes Evangelium.»

Das Martyrium von Petrus und Paulus

Heute kennt man vor allem die Entwicklung des Christentums, wie sie die Apostelgeschichte und Eusebius später in seiner Geschichtsstilisierung überliefert haben: Nach dem Tod und der Auferstehung Jesu Christi sammeln sich seine Jünger in der Gemeinde in Jerusalem. Von dort aus verbreiten Missionare wie der Paulus den Glauben in der hellenistischen Welt. Schliesslich werden Paulus und Petrus in Rom hingerichtet. Ihr Martyrium begründet die Vormachtstellung des Bischofs von Rom über alle anderen Christen.

Das entspreche jedoch nicht der Realität, so Sascha Thiel. Das Christentum sei breiter und vielfältiger gewesen. Gerade was die Spiritua­lität, die sozialen Lebensformen und das Glaubens­verständnis betraf. In der Nachfolge Jesu zogen Wanderprediger und Charismatiker, die von einer unmittelbaren Spiritualität geprägt waren, durch den Nahen Osten. Daneben gab es eine breite Strömung im Judenchristentum, dem ältesten Christentum, das später marginalisiert und ausgerottet wurde.

Die Missionare stiessen auf Probleme, die auch heute bestehen, so Sascha Thiel. Das Christentum entstand in Palästina in einem jüdisch-bäuerlichen Umfeld. Als es sich in der hellenistischen Welt ausbreitete, musste das Evangelium in andere Kulturen und Denkweisen übersetzt werden. So griffen sie auf den Platonismus und die griechische Philosophie zurück. «Das war eine riesige Herausforderung», so Thiel.

Als sich die Wiederkunft Christi verzögerte, mussten die Gemeinden neue, lebensnahe Antworten finden.

Schwierig wurde es auch, als Christus nicht wiederkam. Sascha Thiel: «Viele der ersten Christen lebten in der Erwartung der Wiederkunft Christi, auch Paulus rechnete damit.» Als diese sich verzögerte, mussten die Gemeinden neue, lebensnahe Antworten finden. Was passiert, wenn Christen wieder sündigen? Erhalten sie eine neue Chance? Oder wie weit geht die Nachfolge Jesu? Werden wohlhabende Christen gerettet? Clemens Alexandria antwortete darauf mit der Gesinnungsethik. Es komme nicht darauf an, wie reich man sei, sondern auf die richtige Einstellung zum Besitz. Oder auf die Frage: Dürfen Christen zu den Waffen greifen? «Können Kriegsleute seligen Standes sein?», fragte Luther 1500 Jahre später. Schon die frühchristlichen Autoren waren sich da nicht einig.

Amt anstelle der Wanderprediger

Als Christus nicht wiederkam, manifestierten sich die ersten Kirchen. An die Stelle von Predigern, die sich auf ihre unmittelbare Beziehung zu Gott beriefen, traten kirchliche Ämter. Das Leben in der christlichen Gemeinde musste geregelt werden. Das Amt des Bischofs und das Priesterkollegium verdrängten die Charismatiker und Wanderprediger. Als sich die Kirche im 4. Jahrhundert unter Kaiser Konstantin mit der Staatsmacht verbrüderte, setzte sich das Modell des römischen Katholizismus durch. Andersgläubige wurden verketzert und verfolgt, Bücher verbrannt.

Für Sabine Roth Düringer ist der Kurs eine Bereicherung. Die erste Begegnung mit ausser­biblischen Texten habe zur Entstehung des Kurses geführt. Sie fand «Perlen für das eigene Glaubensleben, wie etwa die Oden Salomos oder die Lehrschriften des Origenes mit seinem hoffnungsvollen Blick auf die Schöpfung.

Die Texte berichten davon, wie Jesus die Frauen wertschätzte, und bezeugen, dass Frauen tauften, lehrten und Gemeinden ­leiteten.

Für Sabine Roth Düringer ist manches klarer geworden. Die Erkenntnis, dass religiöse Lehrer und Bewegungen die biblische Botschaft mit­geprägt und zensuriert haben, oder die Verwandtschaft zwischen Christentum und Islam. «Und natürlich die Stellung der Frauen bei Jesus», sagt Roth Düringer. «Die Texte berichten davon, wie Jesus die Frauen wertschätzte, und bezeugen, dass Frauen tauften, lehrten und Gemeinden leiteten. Da ist es unbegreiflich, dass die Frauen Jahrtausende lang unterdrückt wurden.» Ernüchtert hat sie die Entdeckung, wie früh schon heftig über den rechten Glauben gestritten wurde, manchmal mit Gewalt.

«Beeindruckend war», so Sabine Roth Düringer, «dass wir an den gleichen Fragen arbeiteten wie die Menschen vor 2000 Jahren und uns von ihnen beschenken liessen. Jeder hat seine eigene Sicht und seinen eigenen Hintergrund eingebracht. Das zeigt: Jesus beschäftigte die Menschen damals und beschäftigt sie auch heute noch.»

Der Austausch mit den anderen habe auch ihre Haltung verändert, und die ändere sich ständig, erzählt Sabine Roth Düringer. «Mir ist aufgefallen, dass die Bibel nicht im Glaubensbekenntnis verankert ist. Was für eine Befreiung!» Sie selbst stammt aus einem christlichen Umfeld, das die Bibel zur absoluten Wahrheit erklärte, jeglicher Zweifel an der Schrift bedeutete, Gott und Jesus in Frage zu ­stellen. Inzwischen hat sie zu einem freieren, aber nicht respektlosen Umgang mit der Bibel gefunden.

 

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