Das Gebetsheilen lebt weiter – trotz Kritik der Kirchen
Nicht nur die Schulmedizin nahm sich der Opfer des Brandes in der Bar «Le Constellation» in Crans-Montana in der Silvesternacht für die Heilung ihrer Wunden an. Sogenannte «Faiseurs des secrets», Gebetsheiler und -heilerinnen, erhielten nach dem Ereignis zahlreiche Hilfeanfragen von Opfern und Angehörigen, wie mehrere Westschweizer Medien berichten. Es formierte sich sogar eine Gruppe der normalerweise unabhängig tätigen Heiler und Heilerinnen, um durch gemeinsame Gebete zu festgelegten Zeiten die Verbrennungen der Opfer zu lindern.
Heilen aus der Ferne
Diese Gebetsheiler und -heilerinnen behaupten die Gabe zu haben, mittels geheimer Heilssprüche und Segensformeln meist mit religiösem Gehalt, eine Vielzahl von Leiden, darunter Verbrennungen, heilen zu können. Die Gebete werden auch mit Gesten kombiniert, etwa dem Bekreuzigen einer schmerzenden Stelle.
Die Patienten und Patientinnen kontaktieren die Heiler und Heilerinnen zunächst telefonisch, über Dritte, per SMS oder E-Mail. Die Heiler und Heilerinnen sprechen danach leise oder still ihre Gebete, oft in Abwesenheit der zu behandelnden Person. Dafür brauchen sie lediglich den Namen, den Grund des Hilferufs und manchmal das Geburtsdatum, um die kranke oder verletzte Person aus der Ferne zu behandeln.
Westschweizer Spitäler führen Telefonlisten
Die Praxis des Gesundbetens, die in ganz Europa zu finden ist, wird in der Schweiz zwar in vielen, vorwiegend katholischen Kantonen praktiziert, ist aber besonders in der Westschweiz weit verbreitet. Häufig liegen in dortigen Heimen und Spitälern, etwa den Universitätsspitälern in Genf und Lausanne, Telefonlisten auf, die den Kontakt zu Gebetsheilern und -heilerinnen vermitteln.
Bereits in der Antike gab es Praktiken zu Abwehr des Bösen und zur Abwendung von Unheil.
Beim Gesundbeten handelt es sich um einen alten volksmedizinischen Brauch. Es erscheint auch auf der Liste der «lebendigen Traditionen» des Schweizerischen Bundesamtes für Kultur. Die Wurzeln des Brauchs liegen in vorchristlicher Zeit. Bereits in der Antike gab es Praktiken zu Abwehr des Bösen und zur Abwendung von Unheil, wie der jurassische Historiker Nicolas Barré in einem Beitrag des reformierten Westschweizer News-Mediums «réformes.ch» erklärt. Er bezeichnet die Tradition der Gebetsheiler und -heilerinnen als «europäische Facette des Schamanismus».
Die Reformierte Kirche kritisiert die Geheimhaltung
Die Kirche hatte seit jeher ein generell distanziertes Verhältnis zum Gesundbeten. Zwar gibt es auf reformierter wie katholischer Seite befürwortende Stimmen, jedoch kritisieren besonders die Reformierten den Brauch. Die protestantische Kritik beziehe sich speziell auf die Geheimhaltung der Praxis, sagt der reformierte Theologe und Autor Gilles Bourquin gegenüber «réformés.ch».
«Das steht im Widerspruch zum Evangelium. Dieses hat sich immer als exoterische Lehre dargestellt, das heisst als nach aussen gerichtete Lehre und nicht als eine esoterische Lehre, die einen Teil des Geheimnisses bewahrt», sagt Bourquin. Und die Anthropologin Magali Jenny, die sich intensiv mit dem Phänomen der Heiler und Heilerinnen auseinandergesetzt hat, sagt: «Die Geheimhaltung wird als Beweis dafür gesehen, dass etwas nicht stimmt. Man kann sich nie sicher sein, ob Gott oder der Teufel diese Bitten beantwortet.»
Opfer der Hexenverfolgung
Diese Nähe zum Okkulten war es auch, die die Gebetsheiler und -heilerinnen im 16. Jahrhundert während der Hexenverfolgung zu Zielen der Kirche machte, wie Nicolas Barré sagt. Das führte dazu, dass die Formeln und Sprüche angepasst und mit christlichen Bezügen versehen wurden.
Heute sind die Verhältnisse entspannter. Der Vatikan überlässt die Entscheidung in der Angelegenheit den diözesanen Behörden. Bei den Reformierten ist es die Sache der Gemeindemitglieder, ob sie die Praxis akzeptieren oder ablehnen.
Ein Akt der Nächstenliebe
Aus Sicht der Praktizierenden funktionieren die Gebete aber unabhängig vom Glauben der Heilerinnen wie auch der Patienten. Auch müssen letztere nicht an die Wirksamkeit der Gebete glauben. Es wird sogar berichtet, dass die Gebete am besten bei Tieren und Bébés funktionierten. Wichtig sei lediglich, dass die praktizierende Person das aufrichtige Bedürfnis habe, anderen zu helfen. Der Dienst wird als ein reiner Akt der Nächstenliebe gesehen. Insofern und auch, weil sie ihre Gabe als Geschenk betrachten, verlangen die Heiler und Heilerinnen kein Geld. Es ist gar äusserst verpönt, dies zu tun.
Wie es funktioniert ist für die Heiler und Heilerinnen nicht wichtig, nur dass es funktioniert.
Dass ihre Gebete nützen, versprechen die Heiler und Heilerinnen nicht. Dafür, dass sie es tun, gibt es aber zahlreiche Berichte sowohl von den Heilern selbst wie auch von den Patientinnen. Wissenschaftlich belegt ist die Wirksamkeit allerdings nicht, weshalb die Schulmedizin die Methode grundsätzlich ablehnt.
Allerdings werden überraschende Resultate anerkannt. Als mögliche Erklärungen werden der Placeboeffekt oder eine Stressreduktion durch die symbolische Wirkung der Heilerinnen gegenüber den Patienten genannt.
Für die Praktizierenden spiele die Erklärung auch keine Rolle, sagt Magali Jenny. «Wie es funktioniert ist nicht wichtig, nur dass es funktioniert», sagt sie.
Der Glaube an die Praxis und ihre Wirksamkeit mag der Grund sein, wieso das Gebetsheilen die Jahrtausende bis heute überdauert hat. Dazu half auch die Anpassung der Gebete an den christlichen Glauben, auch wenn die Reformation den Brauch in manchen Gebieten ausgelöscht hat.
Das Gebetsheilen lebt weiter – trotz Kritik der Kirchen