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Kommentar zur Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz»

Das Schweigen der Hirten

von Tilmann Zuber
min
30.05.2026
Am 14. Juni stimmt die Schweiz über die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» ab. Die Kirchen schweigen – und werden dafür kritisiert. Doch hinter diesem Schweigen steckt keine Ängstlichkeit, sondern Integrität. Ein Kommentar von Tilmann Zuber.

Am 14. Juni stimmt die Schweiz über die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» ab, die verlangt, die ständige Wohnbevölkerung vor 2050 unter 10 Millionen zu halten. Die Debatte ist laut, emotional und tief politisch. Auffallend still geblieben sind bisher die Schweizer Landeskirchen. Für manche ist dieses Schweigen ein Skandal, sie werfen den Kirchen Ängstlichkeit vor. Tatsächlich aber ist es ein Zeichen von Integrität – und von theologischer Ehrlichkeit.

Wer erwartet, dass die Kirchen klar für ein Nein zur Initiative eintreten, argumentiert mit dem Gebot der Nächstenliebe, der biblischen Tradition der Gastfreundschaft gegenüber Fremden, dem prophetischen Erbe, das sich stets auf die Seite der Schwachen stellt. Das sind keine schlechten Argumente. Und doch wäre ein kirchliches Ja zur Nein-Parole ebenso verfehlt wie ein Ja zur Initiative selbst – denn weder die Initiative noch die aktuelle Migrationspolitik der Schweiz verkörpern christliche Werte. Beide verdienen kirchliche Kritik. Keine verdient kirchlichen Segen.

Schauen wir auf die Initiative: Würde die 9,5-Millionen-Grenze überschritten, müssten Bundesrat und Parlament insbesondere im Asylbereich und beim Familiennachzug einschneidende Massnahmen ergreifen. Das Christentum kennt keine Obergrenze für Mitgefühl. Eine Verfassung, die Menschen nach Zahlen sortiert und Schutz­suchende zur Verhandlungsmasse erklärt, widerspricht dem Geist des Evangeliums. Eine Kirche, die das gutheisst, würde sich selbst verleugnen.

Doch wer nun glaubt, die Alternative – die heutige Migrationspolitik – sei ein Ausdruck christlicher Werte, irrt ebenso. In gewissen Regionen der Schweiz bedroht der Dichtestress Existenzen: Menschen verlieren ihre Wohnungen, da der Boden und die Liegenschaften zu Spekulationsobjekten geworden sind. Und die Migration von Expats, medizinischem und sonstigem Personal hat wenig mit christlicher Willkommenskultur zu tun, sondern mit Einsparungen bei Löhnen und Ausbildung.

 

Zum Artikel > Kirchen zur «10-Millionen»-Initiative: lautes Schweigen

Vor der Volksabstimmung vom 14. Juni halten sich die Landeskirchen auffällig bedeckt. Hinter dem Schweigen formiert sich gleichwohl Widerstand – vor allem aus dem reformierten Lager.

 

Die Kirchen befinden sich also in einer ehrlichen Klemme: Die Initiative instrumentalisiert die Fremdenangst. Die bestehende Politik instrumentalisiert die Sorge vor dem wirtschaftlichen Niedergang und dem Verlust der Arbeitsplätze. Solche Angstmacherei lässt sich kaum mit dem christlichen Menschenbild vereinbaren, das die unantastbare Würde jedes Menschen – unabhängig von Herkunft, Status und Nutzen – ins Zentrum stellt.

Vor diesem Hintergrund ist das Schweigen der Kirchen kein Versagen, sondern eine Form von prophetischer Nüchternheit. Es wäre billig, sich hinter einem einfachen Nein zu verstecken und so zu tun, als ob die heutige Politik die Werte des Evangeliums bereits lebe. Es wäre ebenso falsch, die Initiative zu unterstützen, die auf die Angst vor Überfremdung setzt. Die Kirchen schweigen, weil sie wissen: Wer hier Partei ergreift, macht sich mitschuldig an einer Debatte, die den Menschen aus den Augen verloren hat.

Was die Kirchen stattdessen tun könnten – und müssten –, ist nicht schweigen im Sinne von Gleichgültigkeit, sondern sprechen im Sinne von prophetischer Klarheit jenseits der Abstimmungslogik: Es braucht eine Migrationspolitik, die weder Zahlen noch Parteistrategie, noch die Angst vor den Asylbewerbern, noch den Gewinn an der Börse zum Mass aller Dinge macht, sondern den Menschen. Das ist die christliche Botschaft.

 

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