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Gastbeitrag von Natasha Hausammann

Das Sofa kann nicht bleiben

von Natasha Hausammann
min
03.02.2024
Oder: Umwege erweitern die Ortskenntnis. Was ein Fehlkauf mit dem Kurt-Tucholsky-Zitat zu tun hat. Ein Gastbeitrag von Natasha Hausammann.

Ich sitze im Wohnzimmer auf einer mit einem d√ľnn gewordenen Leintuch bedeckten alten Matratze. Vor wenigen Stunden stand hier noch ein elegantes Zweisitzer-Sofa mit noblem graugr√ľnem Stoffbezug. Feste Sitzqualit√§t, klassischer Look, einladende Form und Farbe. Gerade mal 4 Tage alt. Es erwies sich bald als unpraktisch. Mir wurde erst durch den Fehlkauf klar, was wir eigentlich brauchen.

H√§tte ich nicht voraussehen k√∂nnen, dass es f√ľr unsere Bed√ľrfnisse ungeeignet ist? H√§tte ich nicht besser entscheiden k√∂nnen? Ich musste einen Umweg gehen. Das Sofa zur√ľckbringen, ein neues bestellen, wieder warten. Doch meine pers√∂nliche Bed√ľrfnis-Landkarte hat sich erweitert. Ich habe eine Erkenntnis gewonnen.

Ratgeberb√ľcher mit Titeln wie ¬ęWie Sie Fehlentscheidungen vermeiden¬Ľ waren mir immer schon suspekt. Nein, ich bin ganz einverstanden mit Kurt Tucholsky. Ich kann best√§tigen, dass mir oft erst auf einem guten St√ľck Seitenstrasse eine wichtige Einsicht geschenkt wurde. Zugegeben, der Sofa-Umtausch-Umweg ist ein eher bescheidenes Beispiel, um darzustellen, was Lebensumwege mit uns anstellen k√∂nnen. Er kostete mich nur etwas Nerven und Zeit. Wieviel anspruchsvoller sind Fehlentscheidungen, die uns an den Rand unserer Kr√§fte bringen; uns in einen Abgrund schauen lassen. Fehlk√§ufe im Leben k√∂nnen √§usserst schmerzvoll sein. Ich kenne auch diese.

Nicht alles, was sich als falsch erwiesen hat, war auch ein Fehler.

Auf dem weitläufigen Markt der Möglichkeiten, Meinungen und Angebote kaufen wir dem Leben, anderen oder uns selbst, immer mal wieder etwas ab, was sich als ungeeignet oder sinnwidrig herausstellt. Die Art und Weise, wie wir die Fehlentscheidung bewerten und uns zu ihr verhalten, ist entscheidend.

Nicht alles, was sich als falsch erwiesen hat, war auch ein Fehler. Fehlentscheidungen f√ľhren zu Umwegen und Umwege statten uns mit neuen Erkenntnissen aus. Fehl-Entscheidungen haben grosses Potential, denn sie machen auf das Fehlende aufmerksam, das Defizit√§re. Das, was ich √ľbersehen habe, weil es mir selbst noch nicht bewusst war. Ein Bed√ľrfnis zum Beispiel. Oder einen Wert. Das innere Land erweitert sich.

Wir sind in Entwicklung begriffen. Ein Anti-Fehler-Programm hat uns der Schöpfer jedenfalls nicht eingebaut.

K√ľrzlich stiess ich auf den Mitschnitt eines eindr√ľcklichen Vortrages der Gehirn-Trainerin Vera F. Birkenbihl. Sie meint: ¬ęWir haben ein Anti-Fehler-Programm laufen: Man hat keine Fehler zu machen! Wir wollen Erfolge und Leistungen. Doch ich sage Ihnen: Ein Leben ohne Fehler, Pannen oder Misserfolge ist wie Tage ohne N√§chte, wie Berge ohne T√§ler.¬Ľ Der Gesundheitspsychologe und Fehlerforscher Prof. Olaf Morgenroth erg√§nzt: ¬ęOhne Fehler, ohne Scheitern, sind Lernprozesse nicht m√∂glich.¬Ľ Und ohne Lernprozesse? Nun ja, vermutlich schlicht kein Menschsein.

Mir f√§llt 1. Korinther 13,12 ein, wo es heisst: ¬ęNoch erkenne ich st√ľckweise, noch ist mein Wissen St√ľckwerk¬Ľ. Wir sind in Entwicklung begriffen. Ein Anti-Fehler-Programm hat uns der Sch√∂pfer jedenfalls nicht eingebaut. Umwege sind ok. Bleiben Sie freundlich mit sich! Gott ist es mit Ihnen auch.

Und noch etwas. Wie man weiss (nicht zuletzt durch die Palliativpflegerin Bronnie Ware und ihr Buch ¬ę5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen¬Ľ): R√ľckblickend bereuen Menschen nicht die Fehler, das Scheitern oder die Umwege ihres Lebens, sondern das Vers√§umnis, es nicht versucht zu haben.

 

Natasha Hausammann

Natasha Hausammann ist freischaffende S√§ngerin, Kirchenmusikerin und administrative Mitarbeiterin der Evang.-ref. Kirche des Kantons St Gallen. Sie ist zudem in Ausbildung zur logotherapeutischen Beraterin (sinnzentrierte Psychotherapie) am Institut f√ľr Logotherapie & Existenzanalyse in Chur.

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