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Sissacher Tafel

Das Tafel-Prinzip: Lebensmittel retten und Menschen unterstützen

von Noemi Harnickell
min
20.11.2023
Seit 2019 findet in Sissach jeden Freitag eine Tafel statt. Damit setzen sich die Veranstalter für den Erhalt von Lebensmitteln ein und helfen zugleich Menschen in finanziellen Nöten.

«Gipfeli? Weggli? Was hĂ€ttest du gerne?» – «Tomaten? – Kleine? Grosse?» – «Salatsosse oder Cola?» Sechs freiwillige MarkthĂ€ndlerinnen stehen hinter den kreisförmig angeordneten Tischen, die mit bunten Lebensmitteln gedeckt sind. Jeden Freitagnachmittag verwandelt sich der Kindergarten der Baselbieter Gemeinde Sissach nĂ€mlich in einen Wochenmarkt. Edith S. preist Jogurt, Milchreis und Hafermilch an, wĂ€hrend Elisabeth M. Lauch und Fenchel verteilt.

«Nummer sechzehn!», ruft Hubert R. in den Vorraum, als die Frau mit ihrem Essen und ihren Blumen in den Herbst hinausgeht. Hubert R. verabschiedet sie mit Namen und grĂŒsst den jungen Mann, der genau auf diese Zahl gewartet hat. Er betritt den Raum mit einer leeren Migros-Einkaufstasche. Langsamen Schritts lĂ€uft er die StĂ€nde im Uhrzeigersinn ab.

Gegen die Verschwendung und fĂŒr die Menschen

Was aussieht und sich anhört wie ein gewöhnlicher «MĂ€rit», ist in Wahrheit alles andere als gewöhnlich. Es ist die Sissacher Tafel, die jeden Freitagnachmittag stattfindet. Berechtigte BezĂŒgerinnen und BezĂŒger erhalten hier fĂŒr einen Unkostenbeitrag von einem Franken Lebensmittel.

Die Menschen, die zu uns kommen, sind Part of the Game. Sie helfen uns, gute Lebensmittel zu verwerten.

Die Sissacher Tafel wurde 2019 von Pfarrer Gerd Sundermann in Zusammenarbeit mit dem Sozialdienst ins Leben gerufen. «Mein Hauptanliegen war damals, Lebensmittel zu erhalten, die sonst in der Tonne landen wĂŒrden», erklĂ€rt er seine Motivation. Jedes Jahr fallen in der Schweiz rund 2,8 Millionen Tonnen Lebensmittelverluste an. Dazu gehören auch aussortierte unförmige FrĂŒchte oder frische Brote, die am zweiten Tag nicht mehr verkauft werden. Nach GesprĂ€chen mit den Behörden entschied er sich schliesslich, das Pilotprojekt Tafel zu lancieren. Am ersten Tag erschienen sieben Leute. Heute sind es zuweilen ĂŒber hundert.

 

Die Helfergruppe lädt die soeben gelieferten Essenskisten aus. | Foto: Noemi Harnickell

Die Helfergruppe lädt die soeben gelieferten Essenskisten aus. | Foto: Noemi Harnickell

 

Die Tafel ist keine SelbstverstĂ€ndlichkeit. 17 freiwillige Mitarbeitende wirken jede Woche mit, stellen die Tische auf, prĂŒfen das Ablaufdatum auf Fleisch- und Milchprodukten und vergeben die Lebensmittel an die BezĂŒgerinnen. Der Freitag kann von acht Uhr morgens bis sieben Uhr abends dauern.

Die Tafel ist heute ein Zusammenspiel aus dem Erhalt von Lebensmitteln und deren Abgabe an BedĂŒrftige. Das Essen wird sowohl von lokalen BĂ€ckereien, Metzgereien und Bio-Bauernhöfen gespendet als auch von Migros und Coop. 63 Kisten Ware werden an diesem Freitag geliefert. «Die Menschen, die zu uns kommen, sind Part of the Game», betont Sundermann. «Sie helfen uns, gute Lebensmittel zu verwerten.»

Abwarten und Tee trinken

Es ist 12.30 Uhr und im GebĂ€ude nebenan trudeln schon die ersten BezĂŒgerinnen ein. Ursi P. hat dort den Empfang eingerichtet. Ein Holztisch, darauf eine Namenstabelle, ein Korb mit Zetteln und eine kleine Kasse fĂŒr den Franken. Sie grĂŒsst die BezĂŒger, wirft einen Blick auf die orangen Ausweise, die sie ihr hinhalten, und streicht die Namen auf der Liste durch.

Alle BezĂŒgerinnen erhalten einen Ausweis mit Namen und Foto. So stellen die Organisatoren sicher, dass das Essen an jene Menschen geht, die es am dringendsten brauchen. In der Regel stellt das Sozialamt die Ausweise aus, aber in besonderen FĂ€llen vergibt sie auch Sundermann. «Manche Menschen verdienen zu viel, um vom Sozialamt unterstĂŒtzt zu werden», sagt er. «Sie zahlen alle Rechnungen selbst und schaffen es kaum durch den Monat. Einmal weniger einkaufen zu mĂŒssen, ist fĂŒr sie eine grosse Entlastung.»

 

Brot vom Vortag: Die Lebensmittel werden von lokalen Bäckereien, Metzgereien und Bio-Bauernhöfen, aber auch von Grossverteilern wie Migros und Coop gespendet. | Foto: Noemi Harnickell

Brot vom Vortag: Die Lebensmittel werden von lokalen Bäckereien, Metzgereien und Bio-Bauernhöfen, aber auch von Grossverteilern wie Migros und Coop gespendet. | Foto: Noemi Harnickell

 

Ursi P. hĂ€lt einer Frau den Korb mit den Papierzetteln hin. «Abrakadabra», ruft sie fröhlich, wĂ€hrend die Frau einen Zettel zieht. Eine Zwölf! Ursi P. lacht. «Siehst du, mein Zauber wirkt!» Die Nummer auf dem Zettel gibt vor, in welcher Reihenfolge die Leute ihr Essen holen können. Immer vier dĂŒrfen gleichzeitig zu Edith S. und ihrem Team, um sich GemĂŒse, FrĂŒchte und Brot auszusuchen. Die nĂ€chste Frau hat weniger GlĂŒck. Auf ihrem Zettel prangt eine 60. Ursi P. verwirft die Arme. «Oje. Dann trinkst du eben ein bisschen Tee, bis du dran bist.»

So geht es weiter, das kleine Lottospiel vor der Tafel. Ein Mann mit der Nummer 53 mag nicht warten und geht stattdessen wieder nach Hause. Manche Leute versuchen, Ursi P. zu ĂŒberreden, ihnen eine tiefere Nummer zu geben. Aber Ursi P. hat frĂŒher als Lehrerin gearbeitet. Das hier, sagt sie, sei kaum anders.

Arm in einem reichen Land

Die Schweiz ist eines der reichsten LĂ€nder der Welt. Dass hier jemand verhungert, kann man fast kategorisch ausschliessen. Braucht es da wirklich so etwas wie eine Tafel? «Wenn Sie durch die Strassen von Sissach spazieren, werden Ihnen keine Armen auffallen», sagt auch Gerd Sundermann. «Aber das bedeutet nicht, dass es hier keine bedĂŒrftigen Menschen gibt.»

 

Ursi P. prüft die Ausweise und vergibt per Los die Nummern für die Reihenfolge der Lebensmittelausgabe. | Foto: Noemi Harnickell

Ursi P. prüft die Ausweise und vergibt per Los die Nummern für die Reihenfolge der Lebensmittelausgabe. | Foto: Noemi Harnickell

 

2021 waren in der Schweiz rund 745‘000 Menschen von Armut betroffen, darunter 157‘000 Menschen, die zwar arbeiten, aber zu den sogenannten Working Poor gehören. Ursi P. erinnert sich an eine Frau, die in der Mitte des Monats noch genau fĂŒnf Franken ĂŒbrig hatte. Gerd Sundermann erreichen immer wieder solche FĂ€lle. «Die Tafel ist ein guter Parameter, um zu erwĂ€gen, wie dringend die Menschen wirklich UnterstĂŒtzung brauchen», sagt er. «Wenn mich jemand um Geld bittet und am Freitag zur Tafel kommt, weiss ich, dass es der Person ernst ist.»

Seit 2022 bieten die Organisatorinnen der Sissacher Tafel zusĂ€tzlich eine Tafel fĂŒr geflĂŒchtete Ukrainerinnen und Ukrainer an. «FĂŒr diese Menschen ist die Tafel vor allem auch ein Treffpunkt», sagt Gerd Sundermann. In der Fremde können sie hier ihre Sprache sprechen, einen Kaffee trinken und den Kindern gemeinsam beim Spielen zuschauen. «Es braucht die Tafel vielleicht nicht», sagt Sundermann. «Aber es ist gut, dass es sie gibt.»

 

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