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Pfarrberuf

«Das Theologiestudium setzt keine Frömmigkeit voraus»

von Marius Schären/reformiert.info
min
02.02.2024
Andreas Köhler-Andereggen leitet die Koordinationsstelle für praktikumbezogene theologische Ausbildung. Er sagt, wo er Hürden sieht und wo Chancen in diesem Berufsfeld.

Wie erklären Sie sich das abnehmende Interesse an der Theologie und am Pfarrberuf? 

Andreas Köhler-Andereggen: Allgemein: Was ist denn der Vergleichspunkt für das abnehmende Interesse? Ist es die Zeit mit vielen Studierenden in den 80er- und 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts? Diese Zeit war eher einmalig. In den 60er und 70er Jahren waren die Zahlen so niedrig wie jetzt. Wobei natürlich: Die Zeiten lassen sich nicht vergleichen.

Das grosse Problem für die Attraktivität des Pfarrberufs ist meines Erachtens, dass viele Menschen gar nicht wissen, was Pfarrerinnen und Pfarrer eigentlich machen, was zu diesem Beruf alles gehört, was ihn auszeichnet oder auszeichnen könnte.

Nehmen wir die 90er-Jahre.

Es gibt derzeit unter vielen Menschen eine Institutionsmüdigkeit gegenüber Kirche, Staat etc. Auch Vereine spüren das. Und diese Müdigkeit hat unterschiedliche Gründe. Dazu gehört, dass Kirche dann als träge und unbeweglich wahrgenommen wird – und dies sicherlich auch manchmal war und ist. Es spielt hinein, dass es zur Geschichte von Institutionen gehört, dass Menschen aus dem Blick gerieten, Verletzungen und Leid erfuhren. Institutionen werden kritisch gesehen, und das ist auch gut so. Kritisch heisst ja, dass genauer hingeschaut wird. Religiosität wird zudem nicht nur in verfassten Gefässen gelebt, sondern auch in freieren Formen.

Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

Das zeigt sich zum Beispiel daran, wie Studien aus Deutschland zeigen, dass einzelne Personen, die in der Kirche tätig sind, eigentlich recht positiv als wertschätzendes Gegenüber wahrgenommen werden, das aber nicht unbedingt auf die Institution abfärbt. Das grosse Problem für die Attraktivität des Pfarrberufs ist meines Erachtens, dass viele Menschen gar nicht wissen, was Pfarrerinnen und Pfarrer eigentlich machen, was zu diesem Beruf alles gehört, was ihn auszeichnet oder auszeichnen könnte. Das lässt sich aus den Studien aus Zürich und Bern zu Studienanfängerinnen und Maturanden recht gut herauslesen aus ihren Antworten, ob sie sich den Pfarrberuf vorstellen könnten.

 

Andreas Köhler-Andereggen

Der Theologe und Pfarrer ist Leiter der Koordinationsstelle für praktikumbezogene theologische Ausbildung (Kopta) und Lernvikariat und Präsident der Programmleitung WBS Ausbildungspfarrer*innen/Theological Education, zudem im Co-Präsidium des Weiterbildungsstudienganges CAS Kinder- und Jugendseelsorge.

 

Wie gut sind Interessierte ĂĽber den Beruf im Bilde?

Es gibt nicht allzu viel Wissen darüber, was ein Theologiestudium umfasst, dass es beispielsweise ein wissenschaftliches Studium ist und keine Frömmigkeit voraussetzt. Wer mit Menschen über theologische Themen ins Gespräch kommt, was ja nichts anderes als die grossen Lebensthemen sind, merkt noch schnell, dass diese Themen weiterhin interessieren. Aber das führt nicht automatisch zu höheren Studierendenzahlen.

Sehen Sie weitere Nachteile beim heutigen Studium?

Förderlich für die Attraktivität ist derzeit nicht, dass Theologie ein Monofachstudium ist. Auch wenn in der Theologie verschiedene Fächer zusammenkommen. Wer es studiert, legt sich schon früh fest, wohin es beruflich wahrscheinlich gehen soll – mehr, als dies bei anderen Studiengängen der Fall ist. Das passt nicht so gut zu einer Optionsgesellschaft.   

Inwiefern ist das alles eine Chance oder ein Risiko fĂĽr die Kirche?

Kirche ist immer zu spät für die Erde und immer zu früh für den Himmel. So haben es mal Charles Campbell und Johan Cilliers formuliert. Das birgt die Gefahr in sich, zu verkrusten und zu verhärten oder sich so zu verflüssigen, dass Kirche ohne Konturen dasteht. Aber dieses Risiko hat für Kirche schon immer bestanden und wird weiterbestehen. Die Chance besteht meines Erachtens derzeit darin, mit Menschen Kirche vor Ort neu zu denken und zu entwickeln. Auf Sprachsuche zu gehen. Formen des Feierns und Begegnens zu entdecken, des sich Getragen-Fühlen dürfen, der Gottsuche, Formen von Care-Tätigkeiten zu leben.

Kirche kann konkrete Orte zur Verfügung stellen, in denen Menschen Selbstwirksamkeit erfahren, Orte, die offen sind für Begegnungen ganz unterschiedlicher Art; mit dem Soziologen Hartmut Rosa gesprochen als unverfügbare Resonanzerfahrungen.

Wie könnte das etwas konkreter aussehen?

Kirche kann konkrete Orte zur Verfügung stellen, in denen Menschen Selbstwirksamkeit erfahren, Orte, die offen sind für Begegnungen ganz unterschiedlicher Art; mit dem Soziologen Hartmut Rosa gesprochen als unverfügbare Resonanzerfahrungen. Und das kann in ganz unterschiedlichen Formen und Orten passieren. Ich bin weder ein Freund davon, dass Ende der Kirchgemeinde, also der Parochie auszurufen noch ist die Kirchgemeinde die alleinseligmachende Form von Kirche. Und das äussere ich bewusst als wer, der sehr gerne als Gemeindepfarrer tätig war und derzeit Kirchgemeinderat ist. Kirchgemeinden haben weiterhin grosse Potentiale.

Sie bieten in einer internationalen Zusammenarbeit die Weiterbildung «Pfarrer:in sein. Neue Pfarrbilder» an. Wie kam es dazu?

Ich bin für diese Weiterbildung angefragt worden. Schon seit längerem treffen sich regelmässig Pfarrpersonen aus D, CH und A zum gemeinsamen Austausch über den Pfarrberuf. Dieser internationale Blick hilft einzuordnen, Fragen zu schärfen und sich inspirieren zu lassen. Bei dieser Tagung war ich bisher nicht dabei. Ich selbst bin aber in der Internationalen Fachkonferenz der Ausbildungsstätten zum Pfarrberuf (IFKAP) tätig und bin froh um die vielen Impulse von anderen Orten aus Europa.

Worum geht es an der Tagung?

Meine Aufgabe an der Tagung wird sein, die gegenwärtigen Herausforderungen des Pfarrberufs sowie neue Bilder vom Pfarrberuf wie etwa eine Veränderung von einer Lebens- zu einer Berufsförmigkeit, gesellschaftliche Relevanzfragen oder Interprofessionalität in Verbindung mit der Pfarrausbildung zu bringen und wie wir konkret diesen Fragen versuchen in der Ausbildung Raum zu geben. Und was ich beispielsweise von den Lernvikaren und Studierenden lerne. Es sind zudem Fragen danach, wie unterschiedliche Generationen auf die aktuellen Herausforderungen reagieren und welche Chancen sich daraus für den Pfarrberuf ergeben. Nochmals anders formuliert: Mit wem haben jetzige Pfarrpersonen zu rechnen, wenn Berufsanfängerinnen in den Pfarrberuf nachkommen? Welche Chancen ergeben sich daraus wieder fürs Arbeiten konkret vor Ort? Intergenerationelles Lernen meint ja gerade kein Meister-Schüler-Lernen. Vom Berner Pfarrverein bin ich zudem eingeladen worden zu einem Austausch darüber, wie Personen, die neu in den Pfarrberuf kommen, darin unterstützt werden können, gerne diesen Beruf auszuüben. 

 

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