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Missbrauch

«Den Bischöfen fehlt nicht der Mut, ihnen fehlt der Wille»

von Felix Reich / reformiert.info
min
14.09.2023
Eine Pilotstudie zeigt, dass in der katholischen Kirche im Umgang mit Missbräuchen eine Kultur des Vertuschens herrschte. Theologin Veronika Jehle sieht dafür strukturelle Gründe.
Die Pilotstudie der Universit√§t Z√ľrich weist 1002 F√§lle sexuellen Missbrauchs innerhalb der katholischen Kirche in der Schweiz seit 1950 nach. Zudem zeigt sie, dass F√§lle systematisch vertuscht wurden. √úberrascht Sie der Befund?

Leider nicht. Ich bin eher erstaunt, dass nicht noch mehr Verantwortungstr√§ger benannt werden, die in Missbrauchsf√§lle und deren Vertuschung verwickelt waren. Wenn ich √ľber konkrete F√§lle lese, bin ich aber schon √ľberrascht. Und diese Ersch√ľtterung ist wichtig, sie bewahrt vor der Abstumpfung. ¬†

In anderen Ländern wurden ähnliche Studien bereits vor 20 Jahren verfasst. Warum hat es in der Schweiz so lange gedauert?

Einerseits ist es wohl eine Mentalit√§tsfrage. In einem Land wie der Schweiz kommt man leicht auf den Gedanken, es sei hier besser als andernorts. Ich f√ľrchte, man nahm das auch in Bezug auf die katholische Kirche hier an, und nun zeigt sich etwas anderes. Dann ist die lange Wartezeit aber vor allem auf die Konstellation in der Schweizer Bischofskonferenz zur√ľckzuf√ľhren. Der fr√ľhere Churer Bischof Vitus Huonder hat eine Untersuchung abgelehnt. Es musste das Ende seiner Amtszeit abgewartet werden, damit eine gesamtschweizerische Studie m√∂glich wurde. Mit Joseph Bonnemain trat jemand die Nachfolge an, der sich schon l√§nger f√ľr die Aufkl√§rung von Missbr√§uchen eingesetzt hatte.

 

Fälle wurden vertuscht und Täter geschützt

Erstmals wurde einem unabh√§ngigen Forschungsteam erm√∂glicht, in kirchlichen Archiven Akten √ľber sexuellen Missbrauch im Umfeld der katholischen Kirche einzusehen. Die¬†Historikerinnen und Historiker der Universit√§t Z√ľrich belegen 1002 F√§lle sexuellen¬†Missbrauchs, die katholische Kleriker, kirchliche Angestellte und Ordensangeh√∂rige seit 1950¬†in der Schweiz begangen haben. 510 Beschuldigte¬†und 921 Betroffene wurden identifiziert.¬†Belegt sind problematische Grenz√ľberschreitungen bis zu schwersten, systematischen¬†Missbr√§uchen, die √ľber Jahre hinweg andauerten.

Bei den dokumentierten F√§llen handelt es sich laut den Studienautorinnen¬†¬ęzweifellos nur um die Spitze des Eisbergs¬Ľ.¬†Zahlreiche Archive konnten noch nicht ausgewertet werden.¬†Die Vernichtung von Akten kann f√ľr zwei¬†Di√∂zesen belegt werden. Zudem legt die Dunkelfeldforschung nahe, dass viele Vergehen gar nie gemeldet wurden.¬†√úber 50 Prozent der F√§lle wurden dem sozialen Raum der Pastoral und damit dem unmittelbaren Umfeld der Pfarrei zugeordnet. Besonders anf√§llig waren dabei Seelsorge, Ministrantendienst und Religionsunterricht.

Obwohl sexueller Missbrauch von Minderj√§hrigen im Kirchenrecht l√§ngst ein schwerwiegender Straftatbestand ist, wurde das interne Strafrecht kaum angewandt. Zahlreiche F√§lle wurden verschwiegen, vertuscht und beschuldigte oder √ľberf√ľhrte Kleriker systematisch versetzt, teilweise ins Ausland, um eine staatliche Strafverfolgung zu vermeiden.

 

Wie beurteilen Sie die Glaubw√ľrdigkeit von Joseph Bonnemain im Kampf gegen Missbrauch?¬†

Im Rahmen der vorherrschenden Kirchenstrukturen handelt er sehr glaubw√ľrdig. Er hat im Bistum Chur einen Verhaltenskodex durchgesetzt und bereits f√ľr 2024 schweizweit Massnahmen als Reaktion auf die Ergebnisse der Pilotstudie angek√ľndigt. Zudem hat auch die Bischofskonferenz bereits einen Vertrag f√ľr die Folgestudie unterzeichnet.¬†

Welche Massnahmen sind nun am dringendsten?

Ganz entscheidend ist die unabh√§ngige Meldestelle f√ľr Opfer von Missbrauch in der katholischen Kirche, deren Er√∂ffnung Bischof Bonnemain f√ľr n√§chstes Jahr versprochen hat. An der Einl√∂sung dieses Versprechens h√§ngt durchaus seine Glaubw√ľrdigkeit. Die Professionalisierung der Personalf√ľhrung und die psychologischen Tests f√ľr kirchliche Mitarbeitende sind eigentlich Selbstverst√§ndlichkeiten, aber wichtig.¬†

Diese Massnahmen setzen allein auf individueller Ebene an, obwohl die Studie nachweist, dass es systemische Faktoren gibt, die den Missbrauch beg√ľnstigen.¬†

Das stimmt, ich rechne auch nicht damit, dass die Bisch√∂fe die systemischen Faktoren angehen werden. Immerhin haben sich die Bisch√∂fe in einer Selbstdeklaration verpflichtet, keine Akten mehr zu vernichten. Eigentlich schreibt das Kirchenrecht vor, dass Akten, in denen sogenannte Sittlichkeitsdelikte dokumentiert sind, nach zehn Jahren vernichtet werden m√ľssen. Das kann als Akt des Ungehorsams verstanden werden. Hier waren die Bisch√∂fe offenbar bereit, das Kirchenrecht zu dehnen.¬†

Ganz offensichtlich hat der Bischof auch eingesehen, wie wichtig eine unabh√§ngige Untersuchung ist. Dennoch nahm er das Mandat aus Rom an und soll nun als Sonderermittler die Vorw√ľrfe gegen Mitglieder seiner eigenen Bischofskonferenz untersuchen. Den Bisch√∂fen wird Vertuschung von Missbrauchsf√§llen vorgeworfen. Dieser Widerspruch kratzt doch an der Glaubw√ľrdigkeit des Bischofs.

Dieses Glaubw√ľrdigkeitsproblem verbindet ihn mit dem Papst. Franziskus hat sicher im Rahmen des Systems auch gegen Widerstand wichtige Entscheidungen getroffen. Er fordert eine l√ľckenlose Aufkl√§rung der Missbrauchsf√§lle. Gleichzeitig bleibt er dem System verhaftet, das an der innerkirchlichen Strafverfolgung festh√§lt und die strukturellen Ursachen des Missbrauchs unangetastet l√§sst. Auch Bischof Bonnemain will die Kultur des Vertuschens bek√§mpfen, entscheidet sich aber f√ľr die Vorgaben aus Rom, wenn es draufankommt. Ich h√∂re, er ist von der Notwendigkeit dieser Art von Gehorsam √ľberzeugt. Ich f√ľrchte, ein Mensch muss sich an solchen offensichtlichen Widerspr√ľchen aufreiben.

Veronika Jehle

Die Theologin und Journalistin Veronika Jehle ist Co-Redaktionsleiterin beim forum, dem Pfarrblatt der Katholikinnen und Katholiken im Kanton Z√ľrich. Sie arbeitete zuvor als Spitalseelsorgerin, gab ihre Missio jedoch zur√ľck, weil sie die undurchsichtige Personalpolitik des Bischofs nicht mehr mittragen wollte. Sie setzt sich seit vielen Jahren f√ľr Reformen in der katholischen Kirche ein. Veronika Jehle ist Mitglied des Z√ľrcher Forums der Religionen.

 

Welche strukturellen Veränderungen wären nötig?

Zuerst w√§re das St√§ndesystem zu hinterfragen. Die katholische Kirche ist eine Monarchie, in der ausschliesslich M√§nner das Sagen haben, wenn es um Macht und Verantwortung geht. Sie kopiert in ihrer Verfasstheit das R√∂mische Reich, was historisch interessant sein mag, aber gegenw√§rtig zu keinem guten Leben f√ľhrt. Um die monarchischen Strukturen zu durchbrechen und ein System zu etablieren, in dem Gewaltenteilung herrscht und Frauen und M√§nner gleichberechtigt sind, br√§uchte es den Machtverzicht des Papstes und der Bisch√∂fe.¬†

Fehlt Persönlichkeiten wie Bischof Bonnemain der Mut zum Ungehorsam?

Ich glaube nicht, dass ihnen der Mut fehlt. Den kirchlichen Verantwortungsträgern fehlt der Wille. Joseph Bonnemain zum Beispiel sieht Missbräuche weiterhin als Fehlentwicklungen in einem eigentlich guten System. Er möchte das System nicht verändern. 

Es gibt ja in der katholischen Kirche viele mutige Frauen und M√§nner, die in ihrem Einsatz f√ľr Gerechtigkeit und Reformen viel riskieren. Aber sie sind meistens weit unten in der Hierarchie. Wird nicht Bischof, wer mutig ist?

Wer kritisch √ľber seine Organisation denkt, bekommt selten eine Kaderstelle. Und die Bisch√∂fe haben in einer Institution Karriere gemacht, in der mutiges Reden und kritisches Denken nicht als Tugenden gelten. Deshalb fehlt auch jenen Bisch√∂fen, die sich ehrlich f√ľr die Opfer einsetzen, der Wille, an den strukturellen und lehramtlichen Ursachen etwas zu √§ndern. Das zu erkennen, hat etwas Erschreckendes. Aber auch etwas Kl√§rendes: Gewisse Hoffnungen auf Ver√§nderung haben kein Fundament, keine Begr√ľndung.¬†

 

 

Das klingt nach einer ¬ęEntt√§uschung¬Ľ im wahrsten Sinn. Was h√§lt Sie dennoch in der katholischen Kirche?

Die Verbundenheit mit meiner Ursprungsfamilie, meine Identit√§t ist katholisch gepr√§gt. Die katholische Tradition bedeutet mir viel. Doch in erster Linie f√ľhle ich mich als Christin. In meiner jetzigen Rolle als Journalistin eines katholischen Pfarrblatts kann ich gewisse Fragen stellen und im Kleinen dazu beitragen, dass Dinge offengelegt werden.¬†

Bef√ľrchten Sie einen Reputationsschaden f√ľr die katholische Kirche? In Deutschland kam es zu einer Austrittswelle, als das Ausmass der Missbr√§uche offensichtlich wurde.

Mit einer Austrittswelle ist zu rechnen. Ich f√ľrchte mich aber nicht davor, sondern stehe ihr ambivalent gegen√ľber. Einerseits sind die Austritte den Kirchenleitungen egal. Die Botschaft jener, die aus Protest austreten, kommt nicht an. Auch die finanziellen Konsequenzen sind zu gering, als dass sie schon jetzt das System nachhaltig ersch√ľttert w√ľrden. Austreten macht also keinen Druck auf Verantwortliche. Andererseits verliert die hierarchisch strukturierte Kirche durch Austritte immerhin an Bedeutung. Der christliche Glaube hat Zukunft unabh√§ngig von der r√∂misch-katholischen Struktur: Diese √úberzeugung tr√∂stet mich. Was ich hingegen bef√ľrchte, ist ein individueller Vertrauensverlust. Die Menschen verlieren Vertrauen in Religion. Sie sehen das Klischee best√§tigt, dass Religion Schreckliches passieren l√§sst, unfrei macht und zu nichts f√ľhrt.

Von einem solchen Vertrauensverlust wäre dann auch die reformierte Kirche betroffen. Was kann die Schwesterkirche tun mit Blick auf die Probleme in der katholischen Kirche?

Wir brauchen die gesellschaftliche Wachsamkeit. Ich f√ľrchte, die Aufmerksamkeit schwindet, sobald das mediale Scheinwerferlicht erlischt. Was wird dann aus den jetzt gemachten Versprechen? Woher soll der Druck kommen? Menschen, auch jene in den Schwesterkirchen, welche die Ursachen f√ľr die Missst√§nde in ihrer Tiefe verstehen, k√∂nnen hinschauen, nachfragen und nicht vergessen. Jede Stimme, die auf die Kultur des Vertuschens und die strukturellen Missst√§nde hinweist, ist wertvoll. Wir sind darauf angewiesen, dass der Druck auf die Verantwortungstr√§ger hoch bleibt. Wenn reformierte Mitchristinnen und Mitchristen in kritischer Solidarit√§t dazu beitragen k√∂nnen, ist das sehr wertvoll.

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