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«Der Kampf ums Wasser wird immer verzweifelter»

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21.03.2019
Andreas Zumach, Journalist und Korrespondent bei der Uno in Genf, erklärt, warum der Verteilkampf um die lebenssichernde Ressource immer grösser wird und inwiefern auch die Kiwi aus Neuseeland eine Rolle spielt.

Herr Zumach, wie sieht es aus mit der weltweiten Trinkwassersituation?
Leider sehr schlecht. Millionen von Menschen haben nur sehr beschr√§nkten und keinen t√§glichen Zugang zu Trinkwasser und w√ľrdigen Sanit√§ranlagen. In den letzten Jahren ist es nicht besser geworden.

Das heisst die Situation hat sich verschlechtert?
Es kommt darauf an, was man zum Ausgangspunkt nimmt. Im Jahr 2012 hatten 884 Millionen Menschen keinen Zugang zu Trinkwasser, beziehungsweise die Frauen mussten stundenlang laufen, um Wasser zu holen. Gem√§ss den aktuellen Zahlen von Unesco sind es heute 844 Millionen Menschen. Das ist zwar eine Senkung um 40 Millionen in f√ľnf Jahren. Gemessen am Ziel, bis ins Jahr 2030 allen Menschen der Welt Zugang zu sauberem Wasser zu verschaffen, ist das aber ein viel zu geringer Fortschritt. Kommt hinzu, dass dieser relative Fortschritt nur in einigen L√§ndern erreicht wurde, massgeblich in China, wo das Wirtschaftswachstum viele aus der Armut gef√ľhrt hat.

Welche Länder sind besonders betroffen?
Der ganze afrikanische Kontinent. Innerhalb von Afrika vor allem das Horn von Afrika und die Subsahara. 25 Prozent aller Menschen sind dort ohne Trinkwasser. Die Situation verschlechtert sich wegen klimatischer Bedingungen, aber auch wegen des Streits um die Ressource Wasser entlang des Nils.  

Sie sprechen es an: Die Ressource Wasser birgt ein grosses Konfliktpotential. Inwiefern?
Bedingt durch den Klimawandel und die globale Erwärmung werden immer mehr Grundwasserressourcen angezapft. Die vorhandenen Wasservorräte sind durch die Umweltverschmutzung immer weniger zugänglich. Insbesondere durch die ungeregelte Ausbeutung von Rohstoffen gelangen Giftstoffe in die Gewässer. Sie werden kontaminiert und sind auf Jahrzehnte nicht mehr geniessbar. Hinzu kommt die von Grosskonzernen wie Nestlé angetriebene Privatisierung von Trinkwasser, was den freien Zugang zu kostenlosem Trinkwasser verunmöglicht.

Welches sind die konkreten friedenspolitischen Folgen?
Es f√ľhrt zu gewaltt√§tigen Auseinandersetzungen zwischen den sich um die Wasservorr√§te streitenden Gruppen. Am Nil beispielsweise versuchen die L√§nder gegenseitig sich das Wasser abzugraben. Eine sehr bedrohliche Situation besteht zwischen Indien und China. Die beiden L√§nder machen sich die neun gr√∂ssten Fl√ľsse Asiens im Tibet-Hochgebirge gegenseitig streitig. Beide L√§nder bauen zusammen 140 gigantische Wasserkraftwerke, die sie zur Bewirtschaftung ihrer Landwirtschaft nutzen. China versucht ganze Fl√ľsse zu seinen Gunsten umzuleiten. Wenn die beiden Streitm√§chte das Problem nicht kooperativ l√∂sen, droht ein Krieg unter Einsatz von Atomwaffen. Ein anderer Konfliktherd besteht zwischen Israel und Pal√§stina. Die begrenzte Ressource Wasser ist im Westjordanland sehr untergerecht verteilt. Israel nutzt wegen der Milit√§rbesatzung den gr√∂ssten Teil; die Pal√§stinenser haben immer weniger zur Verf√ľgung.

Das tönt alles sehr bedrohlich …
Ist es auch. Man kann zu Recht sagen: Wasser ist die wichtigste Ressource auf der Welt. Wer drei Tage nichts trinkt, stirbt. Durch den Verteilkampf drohen Gewaltkonflikte, die zu den gr√∂ssten und gef√§hrlichsten Kriegen f√ľhren k√∂nnen. Bei anderen Ressourcen gibt es Alternativen, beim Erd√∂l zum Beispiel erneuerbare Energien. Wenn es keine seltenen Metalle mehr gibt zur Herstellung von Smartphones, ist das zwar √§rgerlich, aber nicht lebensbedrohlich. Gerade weil das Wasser so wichtig ist, wird immer verzweifelter und gewaltt√§tiger darum gek√§mpft.

Was m√ľsste politisch passieren, um die gef√§hrliche Entwicklung aufzuhalten?
Erstens: Die Privatisierung der Wasserversorgung muss verhindert werden. Kommunales darf nicht unter Gewinnstreben von Aktion√§ren in private H√§nde gelangen. In Z√ľrich wurde das mit der letzten Abstimmung abgewendet. Weiter muss die Politik verhindern, dass grosse Konzerne Grundwasser bohren, um es in Flaschen zu f√ľllen und teuer zu verkaufen. Zweitens: Der Wasserkonsum im Norden muss verringert werden. Mit einem Verbrauch von 30 Badewannen pro Kopf und Tag ist er √ľberproportional gross. Neben dem direkten Verbrauch m√ľssen wir auch den indirekten Wasserverbrauch einschr√§nken: Etwa auf Kiwis verzichten, die aus Neuseeland eingeflogen werden. Drittens m√ľssen wir entschlossener gegen die globale Erw√§rmung vorgehen. Wenn man die reale Politik ansieht, werden die Klimaziele bis 2050 nie und nimmer erreicht. Dabei w√§ren Autos, die viel weniger Kohlendioxid ausstossen, l√§ngst herstellbar. Es ist eine Frage des politischen Willens. Und viertens, ganz wichtig: L√§nder wie Indien und China m√ľssen miteinander ins Gespr√§ch gebracht werden. Es braucht kooperative L√∂sungen f√ľr den Konflikt, der sich zunehmend versch√§rft.

Anhaltende D√ľrre ist auch bei uns ein Thema. Droht in Zukunft ein Wassermangel?
Die Schweiz ist mit ihren Gletschern und Seen unter allen 193 Mitgliedstaaten der Uno eines der privilegiertesten L√§nder. Ein Wassermangel war darum lange schwer vorstellbar. Allerdings realisieren immer mehr Menschen die Folgen der globalen Erw√§rmung. Mit dem Schmelzen der Gletscher wird dieses Wasser eines Tages nicht mehr im gleichen Ausmass zur Verf√ľgung stehen. Eine reale Gef√§hrdung des Grundwassers entsteht durch das D√ľngen der Felder und anderer Verschmutzungen. Der technische und finanzielle Aufwand f√ľr die Wasseraufbereitung und die Zurverf√ľgungstellung des Trinkwassers wird auch hierzulande immer h√∂her. Mit technischen Einrichtungen allein kann man dem Problem in Zukunft nicht begegnen, auch nicht in der Schweiz.

Sandra Hohendahl-Tesch, reformiert.info, 21. März 2019

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