Der Papst warnt, die Reformierten schulen
Bei einer Begegnung mit den Priestern seines Bistums Rombrachte Papst Leo XIV. seine Bedenken kürzlich unmissverständlich auf den Punkt: Predigten dürften nicht von Künstlicher Intelligenz geschrieben werden, weil eine Predigt weit mehr sei als blosse Informationsvermittlung – sie sei geteilter Glaube, und genau dazu sei eine Maschine nicht in der Lage. Er zog dabei einen Vergleich aus dem Sport: Muskeln, die man nicht mehr benutze, würden verkümmern. Dasselbe drohe dem Denken, wenn man es der Technik überlasse. (Der «Kirchenbote» berichtete)
Diese Warnung fügt sich in ein grösseres Bild. Erst im Mai hatte Leo XIV. seine erste Enzyklika veröffentlicht, ein mehr als hundertseitiges Lehrschreiben mit dem Titel «Magnifica humanitas» zum Schutz der Menschenwürde im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Der Papst warnt darin vor einer Kette der Ausbeutung hinter scheinbar immateriellen KI-Systemen: Digitale Dienstleistungen beruhten auf oft unsichtbarer menschlicher Arbeit, in globalen Lieferketten würden Menschen zu blossen Daten degradiert. Zugleich zieht die Enzyklika eine klare Grenze: KI könne Sprache und Urteile nachahmen, besitze aber kein Bewusstsein und kein moralisches Gewissen.
Zürichs Pragmatismus
Anders tönt es bei der Aus- und Weiterbildung für Pfarrerinnen und Pfarrer der Reformierten Kirche Schweiz. Dort ist man überzeugt: «Wer Menschen in Glaubens- und Lebensfragen begleitet, kommt an der Technologie, die den Alltag längst durchdringt, nicht vorbei», sagt Daniel Stoller. Seit November betreut der eigens dafür angestellte Weiterbildungsbeauftragte das Thema KI und soziale Medien. Mit Stoller setzte man erstmals bewusst auf keinen Pfarrer, sondern auf jemanden mit digitaler Bildungskompetenz.
Neun Kurstage sollen Pfarrpersonen fit machen für den Umgang mit der neuen Technik: erst ein Grundverständnis der Technologie, dann die Praxis des Promptens, dazu ethische Fragen und die Rolle der KI in der Seelsorge. Thomas Schaufelberger, Leiter Aus- und Weiterbildung Pfarrerinnen und Pfarrer, ist überzeugt, dass man die Pfarrpersonen heute im Umgang mit KI ausbilden muss. «Es ist sonderbar, wenn Pfarrerinnen und Pfarrer Menschen im Alltag und Glauben begleiten und keine Erfahrung mit dieser Technologie haben.»
KI als Sparringpartner
Stoller versteht KI als theologischen Sparringpartner, der die eigene Urteilskraft nicht ersetzt. Wer die theologische Urteilskraft komplett an eine Maschine abgebe, mache etwas falsch. Wer KI dagegen als Werkzeug zum Strukturieren von Predigten oder zum Schärfen von Gedanken nutze, handle legitim und sogar notwendig. Damit liegt die Reformierte Kirche Schweiz von der Position des Papstes gar nicht so weit entfernt: Auch Leo XIV. lehnt die Technologie nicht grundsätzlich ab, sondern warnt davor, sie an die Stelle des ureigen Menschlichen zu setzen, des Glaubens, der Urteilskraft, der geteilten Erfahrung.
Die Gefahr, dass mit der Digitalisierung auch Stellen verloren gehen, sehen Stoller und Schaufelberger nicht. Es gehe nicht um Stellenabbau, sondern darum, den Anschluss an eine sich rasant wandelnde Gesellschaft nicht zu verlieren.
Im operativen Bereich, etwa bei Kirchenpflege, Liegenschaftenverwaltung oder Finanzplanung, sehe man grosses Entlastungspotenzial, im seelsorgerlichen Kernbereich hingegen ausdrücklich nicht: Digitale Seelsorge soll es nicht geben.
Die gewonnene Zeit, so die Hoffnung, komme stattdessen echten, analogen Begegnungen zugute. Doch dazu müsse man die Freiräume auch erkennen und nutzen, räumt Daniel Stoller ein. Aus der Arbeitspsychologie wisse man, dass man durch KI nicht weniger arbeitet, sondern dichter. Man leistet in der gleichen Zeit viel mehr, was man ansonsten über zwei drei Wochen verteilt. Da sei es wichtig, die gewonnenen Zeiträume nicht mit Stunden vor dem Computer zu verbringen, sondern mit sinnvollen menschlichen Kontakten. Und diese seien analog.
Nächste Kurse:
10. September, «Ethische Fragen von KI im Pfarramt»,
22. September, «KI als Sparringpartner» bei der Erarbeitung der Predigt und des Gottesdienstes
Der Papst warnt, die Reformierten schulen