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Die Geschichte wiederholt sich gnadenlos

von Anouk Holthuizen, reformiert.info
min
29.03.2022
Ihre Eltern waren vor dem Völkermord im Zweiten Weltkrieg aus Deutschland geflohen, nun beherbergt Anita Winter selbst Geflüchtete aus der Ukraine in ihrem Elternhaus in Baden.

Es sollte nie wieder passieren. Jahrelang hatte sich die geb├╝rtige Badenerin Anita Winter daf├╝r eingesetzt, dass sich die Gr├Ąuel des Zweiten Weltkriegs nicht wiederholen. 2014 gr├╝ndete sie zu diesem Zweck eine Stiftung. ┬źGamaraal┬╗ unterst├╝tzt finanziell Holocaust-├ťberlebende in verschiedenen L├Ąndern und organisiert Bildungsveranstaltungen, um die Erinnerungen an einen schrecklichen V├Âlkermord hochzuhalten ÔÇô mit dem Appell, dass so etwas nie wieder geschehen darf.

21 Kinder aufgenommen
Doch am 11. M├Ąrz war Anita Winter direkt damit konfrontiert, dass sich die Geschichte trotz allen Bem├╝hungen gnadenlos wiederholen kann. In ihrem Elternhaus in Baden hiess die 59-J├Ąhrige Gefl├╝chtete aus der Ukraine willkommen, darunter 21 Kinder und eine ├ťberlebende des Holocausts. Die Schrecken des Krieges in Russland waren pl├Âtzlich greifbar nahe, spiegelten sich in den Augen der Frauen und Kinder, die ihr gegen├╝berstanden. Ein grosser Teil der Gruppe, die praktisch ohne Gep├Ąck angekommen war, wohnen seither im Haus, in dem Anita Winter selbst aufgewachsen ist. Dieses hatten ihre Eltern 1961 bezogen, hier verbrachte die Familie gl├╝ckliche Jahre. Anita Winters Mutter Margrit Fern, eine 1934 in Deutschland geborene J├╝din, war als junge Frau von einem der ersten Deportationsz├╝ge gesprungen und hatte sp├Ąter zeitweise unter falschem Namen in einem christlichen Kloster in Frankreich gelebt. Auch ihr Vater Walter Strauss musste sich vor den Nazis verstecken bevor er 1939 in die Schweiz floh.

Grosse Hilfsbereitschaft
Noch jetzt, zwei Wochen nach der Ankunft der Ukrainer in Baden, klingt Winter am Telefon h├Ârbar betroffen. ┬źIch bin zutiefst ersch├╝ttert, dass wir wieder an einem Punkt sind, an dem Menschen vertrieben werden.┬╗ Die Aufnahme von ukrainischen Gefl├╝chteten in Baden wurde von der Israelitischen Kultusgemeinde lanciert, Winter und ihre drei Geschwister stellten ihr Elternhaus zur Verf├╝gung. Winter: ┬źDie enorme Hilfsbereitschaft vieler Freiwilliger hat mich zutiefst ber├╝hrt. Innert k├╝rzester Zeit hatten wir das Notwendigste zum Wohnen beieinander.┬╗

Grossvater verlor Familie in der Ukraine
Menschen aus der Ukraine hilft die Mutter von vier erwachsenen Kindern auch im Rahmen ihres Engagements in der Gamaraal Foundation: ┬źWir haben dort bereits vor dem Krieg Holocaust-├ťberlebende finanziell unterst├╝tzt, denn viele von ihnen leben in Armut. Seit Beginn des Krieges schicken wir nun regelm├Ąssig Geld. Viele von ihnen sind alt und gebrechlich und k├Ânnen nicht fliehen.┬╗ Durch ihren Grossvater m├╝tterlicherseits f├╝hlt sie sich den Menschen in der Ukraine in dieser hoffnungslosen Lage besonders verbunden. ┬źEr verlor dort im Zweiten Weltkrieg an einem einzigen Tag seine gesamte Familie auf einem Marktplatz. Ich m├Âchte darum den Menschen in der Ukraine etwas zur├╝ckgeben, denn ich selbst hatte das Gl├╝ck, dass meine Eltern eine gl├╝ckliche neue Existenz in der Schweiz aufbauen konnten und in Baden eine neue Heimat gefunden haben.┬╗

Mit Bundesverdienstkreuz geehrt
Die Stiftung leistet auch in der Schweiz finanzielle Unterst├╝tzung f├╝r ├ťberlebende des Holocausts. Im Rahmen der Bildungsarbeit zeigt die Gamaraal-Stiftung zudem seit 2017 die mit dem Archiv der Zeitgeschichte der ETH Z├╝rich konzipierte Ausstellung ┬źThe Last Swiss Holocaust Survivors┬╗ in zahlreichen L├Ąndern. Diese haben Dutzende Institutionen mitfinanziert, darunter die Eidgen├Âssische Fachstelle f├╝r Rassismusbek├Ąmpfung und die Reformierte Kirche Aargau. Schliesslich setzt sich Anita Winter auch im Uno-Menschenrechtsrat in Genf f├╝r den Schutz von Menschen ein: als Vertreterin des Coordinating Board of Jewish Organizations. F├╝r ihr Engagement erhielt sie letztes Jahr im Februar das Bundesverdienstkreuz der Deutschen Bundesrepublik.

Anouk Holthuizen, reformiert.info

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