Die Kunst, mit der Spaltung zu leben
Als sich im Mai 1526 in der Tagsatzungsstadt Baden 200 Theologen, Gesandte, Beobachter und allerlei Volk aus den Orten der Alten Eidgenossenschaft versammelten, war die Reformation längst keine akademische Debatte mehr. Die Thesen Luthers und Zwinglis hatten Städte erfasst, Klöster verunsichert, Obrigkeiten gespalten. Zürich war unter Huldrych Zwingli einen neuen Weg gegangen. Andere Orte blickten mit Sorge oder Empörung auf die religiöse Neuerung. Die Badener Disputation sollte klären, was wahrer Glaube sei. Tatsächlich aber verhandelte sie die politische Zukunft der Eidgenossenschaft.
Die Menschen rangen um die absolute Wahrheit, es ging um Leben, Tod und das Seelenheil. Ein Kompromiss war undenkbar.
Einberufen wurde die Disputation von den katholischen Orten, angeführt von Luzern. Zürich blieb demonstrativ fern; Zwingli erschien nicht, aus Furcht vor Verhaftung in katholischem Gebiet. Statt seiner trat Johannes Oekolampad aus Basel als wichtigster Vertreter der reformatorischen Position auf. Auf katholischer Seite dominierte Johannes Eck, der erfahrene Kontroverstheologe aus Ingolstadt. Der Rahmen war formal gelehrt, der Ton jedoch scharf. Verhandelt wurden zentrale Streitpunkte: die Autorität der Schrift, das Messopfer, die Realpräsenz Christi im Abendmahl, die Heiligenverehrung.
Machtdemonstration statt offener Dialog
«Historisch betrachtet war die Disputation weniger ein offener Dialog als eine Machtdemonstration», sagt die Historikerin Ruth Wiederkehr, welche die Feierlichkeiten zu 500 Jahre Badener Disputation begleitet. Die katholischen Orte bestimmten Ablauf und Protokoll. Das Ergebnis stand faktisch schon von Anfang an fest: Die Mehrheit der anwesenden Orte bekannte sich zum alten Glauben. «Die Vorstellung eines Kompromisses gab es in der Vormodernen nicht. Die Teilnehmenden rangen um die absolute Wahrheit, es ging um Leben, Tod und das Seelenheil. Ein Kompromiss war undenkbar.» Die Badener Disputation sei keine faire Diskussion im heutigen Sinn gewesen, räumt Wiederkehr ein. Trotzdem wertet sie es als Erfolg, dass man sich wenigstens an einen Tisch setzte.
Theologischer Streit unter politischer Regie
Disputationen gab es in Zürich, Ragaz und anderen Orten. Einmalig war die Badener Disputation in mehrfacher Hinsicht. «Zum einen gibt es kaum eine Disputation, die so genau dokumentiert ist wie jene von Baden», sagt der Zürcher Kirchengeschichtler Tobias Jammerthal. «Zum anderen war sie eine theologische Verhandlung unter der Ägide der Tagsatzung – also eines politischen Organs, nicht einer kirchlichen Instanz.» Das Bündnis der Eidgenossenschaft führte eine theologische Kontroverse, nicht der Papst, die Bischöfe oder der Klerus. «Zudem zeigte sich hier exemplarisch, dass religiöse Differenz nicht zwangsläufig zur sofortigen politischen Spaltung führen musste», erklärt Jammertal. Trotz scharfer Gegensätze blieb der Bund bestehen.
Von Kappel bis zum Sonderbundskrieg
Die Disputation verhinderte die Eskalation nicht dauerhaft. Im Gegenteil, sie bildete den Auftakt zu den Religionskriegen. Die Kriege von Kappel folgen 1529 und 1531. Zwinglis Tod auf dem Schlachtfeld besiegelte die militärische Niederlage Zürichs. Doch die Spannungen blieben und entluden sich 1656 und 1712 in den zwei Villmergerkriegen. Die Parteien blieben weiterhin unversöhnlich. 1847 trafen sich Reformierte und Katholiken abermals auf dem Schlachtfeld im Sonderbundskrieg. Die liberalen Reformierten dominierten unter General Henri Dufour, der seinen Truppen befahl, «nach humanitären Grundsätzen» zu verfahren. Doch die Gräben zwischen Katholiken und Reformierten blieben in der Bevölkerung noch lange. «Noch bis hin in die 1970er-Jahre war eine Ehe zwischen Katholiken und Reformierten verpönt», sagt Wiederkehr. «Die heutige Ökumene ist eine Errungenschaft des 20. Jahrhunderts.»
Nebeneinander statt Bürgerkrieg
«An der Badener Disputation lernte die Eidgenossenschaft schmerzhaft, dass religiöse Einheit nicht mehr herstellbar war», erklärt Tobias Jammerthal. Reformierte und Katholiken waren in der Eidgenossenschaft etwa gleich stark. Daraus erwuchs langfristig eine politische Kultur des Nebeneinanders. Die konfessionelle Spaltung wurde territorial organisiert. Dieser Pragmatismus war keine Idylle; er war das Ergebnis von Machtbalance. Er verhinderte eine dauerhafte konfessionelle Bürgerkriegssituation wie im umliegenden Ausland. Im Deutschen Reich tobte der Dreissigjährige Krieg, in Frankreich vertrieb der König die Hugenotten, in England die Katholiken.
«In diesem Sinne markiert die Badener Disputation einen Wendepunkt. Sie machte sichtbar, dass die Eidgenossenschaft nicht mehr durch einen gemeinsamen Glauben definiert werden konnte», sagt Tobias Jammerthal. Ihre Klammer musste politischer Natur sein: das Bündnis, die gemeinsame Verteidigung, die ökonomische Verflechtung. Religion blieb identitätsstiftend, aber sie wurde relativiert durch die Notwendigkeit des Zusammenlebens. «Man war zuerst Eidgenosse, dann katholisch oder reformiert», so Jammerthal. «Auch wenn man dem anderen die religiöse Wahrheit abspricht, musste man zusammenarbeiten, weil man darauf angewiesen war.» Tobias Jammerthal nennt dies eine helvetische Erfolgsgeschichte.
Glarus, Appenzell, St. Gallen: Laboratorien der Parität
Für Ruth Wiederkehr hat diese Erfolgsgeschichte auch damit zu tun, dass die Schweiz auch durch ihre Kleinteiligkeit geprägt war. Katholiken und Reformierte lebten auf engstem Raum nebeneinander. Dieses paradoxe Nebeneinander zeigte sich besonders in den Gemeinen Herrschaften, etwa im Thurgau oder im Aargau. Diese Untertanengebiete wurden von mehreren Orten gemeinsam verwaltet – katholischen wie reformierten. Kirchen wurden mancherorts simultan genutzt oder zeitlich aufgeteilt. Der Glaube war getrennt, die Verwaltung gemeinsam.
Ein weiteres Beispiel ist Glarus. Der kleine Ort spaltete sich konfessionell, blieb jedoch politisch eine Einheit. Reformierte und Katholiken benutzten die gleichen Kirchen. Glarus ist ein frühes Laboratorium der Parität. Hier wurde eingeübt, was später zum politischen Prinzip werden sollte: Machtteilung statt Ausschluss.
In einer Zeit, in der religiöse und weltanschauliche Differenzen erneut politisiert werden, lohnt der Blick zurück nach Baden.
Auch Appenzell kennt diese Logik. 1597 kam es zur formellen Teilung in Innerrhoden (katholisch) und Ausserrhoden (reformiert). Und in St. Gallen ist der Klosterbezirk mit dem Bischof katholisch, die Stadt ringsum reformiert. Trotz Glaubensstreitigkeiten blieben die wirtschaftlichen und die sozialen Verflechtungen bestehen. Märkte, Alpen und Handelsbeziehungen funktionierten konfessionsübergreifend weiter. Für die spätere Schweiz wurde dieses Erbe prägend. «Die konfessionelle Koexistenz des 16. und 17. Jahrhunderts bereitete – bei allen Spannungen – den Boden für eine politische Kultur, die Differenz aushält», sagt Tobias Jammerthal. Beim modernen Bundesstaat von 1848 setzte sich am Ende nicht die Eliminierung des Gegners durch, sondern seine Einbindung.
Die Badener Disputation war ein frühes Laboratorium schweizerischer Konfliktbewältigung. Ihre Einzigartigkeit liegt nicht im erzielten Konsens, sondern im Gegenteil: in der Erfahrung, dass Einheit nicht erzwungen werden kann, ohne das Gemeinwesen zu gefährden. Die Eidgenossenschaft überlebte, weil sie lernte, mit der Spaltung zu leben.
500 Jahre «Disput(N)ation»: Impuls für respektvollen Austausch
500 Jahre nach der Disputation wird das Ereignis in Baden unter dem Titel «Disput(N)ation – 1526–2026» als Jubiläum begangen. Die Veranstalter betonen, dass das Jubiläum ein Impuls für respektvollen Austausch in Zeiten von Polarisierung und globalen Krisen sein soll.
«In einer Zeit, in der religiöse und weltanschauliche Differenzen erneut politisiert werden, lohnt der Blick zurück nach Baden», sagt Tobias Jammerthal. Dort zeigte sich, dass Streit zur politischen Realität gehört. Auch wenn man nicht alle Menschen vom eigenen Glauben überzeugen könne, kann man trotzdem miteinander weiterleben. «Diese Lektion macht ein Stück weit demütig», meint Jammerthal.
Programm und Veranstaltungen rund um die Badener Disputation: www.disputnation.ch
Die Kunst, mit der Spaltung zu leben