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Kirche und Umwelt

Die wahren Kosten wären höher

von Marius Schären / reformiert.info
min
05.10.2023
Vor allem Fleisch müsste viel teurer sein. Das ist eine Hauptaussage des Konzepts der «Wahren Kosten». Denn viele Folgekosten sind in aktuellen Preisen von Lebensmitteln nicht enthalten.

Im Herbst füllen sich Gefriertruhen, Vorratskammern, Keller. Erntedank ist angesagt – oder war es zumindest früher mal. Heute gaukeln die immer prallvollen Regale in Grossverteilern eine Realität vor, die in der Natur um uns nicht existiert. Und erst recht werden die meisten Lebensmittel unter ihrem Wert verkauft. Denn die Preise in unseren Läden decken nicht die wahren Kosten.

Auf diese aufmerksam machte im August der deutsche Discounter Penny mit einer Aktion. Während einer Woche verlangte die Kette auf neun (von 3000) Produkten den «wahren Preis». Wiener Würstchen kosteten 6.01 Euro statt 3.19. Die wahren Kosten sollen die durch Anbau, Verarbeitung und Konsum entstehenden Umwelt- und Gesundheitskosten miteinbeziehen. Für Penny berechneten Forschende der Technischen Hochschule Nürnberg und der Universität Greifswald den «Aufpreis» für Klima, Boden, Wasser und Gesundheit.

Inklusive Tierwohl und Gesundheitskosten

Ungefähr das Gleiche hat im Jahr 2020 die ETH-Forscherin Alessa Perotti in der Schweiz gemacht. In einer Studie analysierte sie die «wahren Kosten» (englisch TCA für true cost accounting) von Äpfeln, Rüebli, Weizen, Kartoffeln, Milch, Käse, Poulet und Rindfleisch. Sie berücksichtigte dabei 100 Faktoren, die den Preis beeinflussen könnten. Dazu zählen Umwelteinflüsse wie CO2-Belastung, Boden- und Wasserverbrauch, Pestizide oder Dünger.

Aber auch das Tierwohl und die Gesundheit der Konsumierenden werden in den wahren Kosten einbezogen. So essen wir im Durchschnitt dreimal mehr Fleisch, als eigentlich gesund wäre, was verschiedene Krankheiten verursachen kann. Für Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes ist die Ernährung der Hauptrisikofaktor. Zusätzlich hat Alessa Perotti soziale Komponenten berücksichtigt, etwa Lohnkosten oder wirtschaftliche Faktoren wie Subventionen, Steuern und Abgaben.

RĂĽebli zu teuer, Fleisch zu billig

Aktuell werden all diese Kosten meist von der Allgemeinheit getragen – und zwar hier oder in anderen Ländern, je nach Herkunft der Produkte. Mit dem Preis an der Kasse beim Einkauf bezahlen wir also nicht sämtliche Kosten, die in einem Produkt stecken. Gemäss der Studie von Perotti haben dabei die Gesundheitsfolgekosten den grössten Anteil an jenem Preis, den wir erst im Nachhinein bezahlen. Und zwar finanzieren dort zugespitzt gesagt vegetarisch Essende die Fleischverzehrenden. Denn ein Fazit der ETH-Studie ist, dass Rüebli und Äpfel günstiger und Rindfleisch viel teurer sein müssten, um die externen Kosten abzubilden.

Die Wertschätzung von Lebensmitteln bedeutet auch, diejenigen zu achten, die sie produzieren.

Milena Hartmann, Umweltbeauftragte bei der Fachstelle Oeku (Kirchen für die Umwelt), findet das Konzept der wahren Kosten sinnvoll – auch wenn sie keine Spezialistinnen auf diesem Gebiet seien, wie sie sagt. «Kostenwahrheit ist eine wichtige Forderung in den unterschiedlichsten Bereichen. Umweltkosten werden generell unterschätzt und fliessen nicht in die Preisbildung ein.»

Auch die Produzenten achten

Sie betont aber: «Die Wertschätzung von Lebensmitteln können wir in den Kirchen sicher pflegen. Das heisst auch, diejenigen zu achten, die sie produzieren.» Lebensmittel müssten nicht möglichst billig sein. Vielmehr hätten sie ihren Preis, wenn auf die Umwelt und die Menschen Rücksicht genommen werde, die sie hervorbringen. Dabei verweist Hartmann auch auf eine Bibelstelle: «Ein Arbeiter ist seines Lohnes wert.» (1. Tim 5,18)

Verbessert werden könnte die Preisgestaltung aus ihrer Sicht, wenn CO2-Emmissionen und der Wasser-Fussabdruck mehr miteinbezogen würden. Oder wenn die Preisberechnung mit Umweltbelastungspunkten verbunden würde. «Lebensmittel haben den kleinsten Fussabdruck, wenn sie vor allem lokal, saisonal und unverarbeitet gekauft werden», nennt Milena Hartmann einen konkreten Ansatzpunkt für Konsumierende.

Weniger Milch und Fleisch gleicht Kosten aus

Wenn es das Haushaltsbudget zulasse, sei Bio- oder Demeter-Qualität wünschenswert. Das müsse nicht viel teurer werden deswegen: «Kosten sparen ist dennoch möglich, indem bewusst weniger Fleisch- und Milchprodukte konsumiert werden.» Genau darauf weisen auch sämtliche Studien zu den wahren Kosten hin: In tierischen Produkten stecken auf alle Fälle viele mit dem Kaufpreis nicht bezahlte Kosten.

 

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