«Ein offenes Ohr und ein offenes Herz»
Fast hundert Seniorinnen und Senioren sind mit auf dem 64-plus-Ausflug. Mélanie Esenwein ist erst wenige Wochen im Amt, als sie sich entscheidet mitzugehen. Nicht repräsentieren, nicht aus Distanz, sondern mitfahren, zuhören, Hände schütteln. «Ich habe wunderbare Begegnungen erlebt», sagt sie. Die anfängliche Sorge, als vergleichsweise junge Präsidentin nicht ernst genommen zu werden, löst sich an diesem Tag in Luft auf.
Mélanie Esenwein ist 46 Jahre alt, Mutter von drei Kindern – zehn, vierzehn und siebzehn, sie beschreibt sich selbst als «Familienmanagerin». Ihr Mann ist als Belegarzt tätig, oft abwesend. Sie hält ihm den Rücken frei. Ursprünglich ist sie diplomierte Pflegefachfrau. Doch das Dreischichtsystem im Spital, unregelmässige Arbeitszeiten und drei Kinder liessen sich irgendwann nicht mehr vereinbaren.
Geboren in Lausanne, aufgewachsen in Zofingen, lebt sie seit 2014 in Hildisrieden. Reformiert sozialisiert, katholisch mitgeprägt: Die Mutter stammt aus einer grossen katholischen Familie mit zwölf Kindern. Gottesdienste am Walensee und in Glarus, reformierter Unterricht in der Schule, beides gehört zu ihrer Biografie.
Reformiertes Leben
«Der Glaube war für mich immer wichtig», sagt sie. Als Jugendliche war er sehr präsent, später im Berufsalltag etwas leiser, mit der eigenen Familie wieder stärker. «Je älter ich werde, desto wichtiger wird er.»
In Luzern erlebt sie erstmals, was es heisst, als Reformierte in einem katholisch geprägten Kanton zu leben. Ihre Kinder sind oft die einzigen Protestanten in der Klasse. «Am Anfang habe ich mich ausgeschlossen gefühlt», sagt sie offen. Dieses Gefühl hat ihr Engagement geschärft: sichtbar bleiben, Präsenz zeigen, reformiertes Leben im Seetal stärken.
2020, als das jüngste Kind schulpflichtig wird, meldet sie sich auf ein Inserat für den Kirchenvorstand. Eigentlich sieht sie sich im Bereich Kinder, Jugend, Familie. Stattdessen übernimmt sie das Ressort Liegenschaften. «Ich habe gedacht, das passt nicht zu mir», sagt sie und lacht. Doch sie führt es mehrere Jahre mit grossem Einsatz. Verantwortung scheut sie nicht, sie wächst hinein.
Grosse Herausforderungen
Als 2023 erstmals die Frage der Nachfolge im Präsidium aufkommt, winkt sie ab. Zu viel Verantwortung. Würde man sie akzeptieren? Eine Frau, Mitte vierzig, an der Spitze einer eher älteren Kirchgemeinde? Der Entscheid reift. Eineinhalb Jahre. Gespräche. Abwägen. Ende 2024 sagt sie Ja.
Heute spricht sie von ihrer Aufgabe mit Klarheit: «Ein offenes Ohr haben. Und ein offenes Herz.» Für Mitarbeitende, für Kirchenmitglieder, für Freiwillige. Führung bedeutet für sie nicht Hierarchie, sondern Präsenz, Zuhören und Verbindlichkeit.
Die Herausforderungen sind gross. Von drei Pfarrpersonen gehen zwei frühzeitig in Pension. Die Sigristin, der Hauswart werden ebenfalls bald pensioniert. Gleichzeitig ist es ein neu zusammengesetzter Kirchenvorstand. 2800 Mitglieder aus 21 Dörfern – von Hildisrieden bis an die Aargauer Grenze. Weite Wege, wenig Sichtbarkeit. «Wir werden weniger und die finanziellen Mittel werden knapper», sagt Mélanie Esenwein nüchtern. «Aber ich bin jemand, der sehr positiv denkt.» Sie glaubt, dass es jemanden gibt, «der schaut, dass es gut kommt».
Was Kirche für sie bedeutet, wurde im vergangenen Sommer besonders deutlich. Ihre Tochter musste notfallmässig ins Spital. Komplikationen nach einer Operation. Stunden der Ungewissheit. «Ich war unglaublich dankbar für die seelsorgerische Begleitung», sagt sie leise. Jemand, der da ist. Der sagt: Du musst jetzt etwas trinken. Du musst etwas essen. Ich bleibe hier, du kannst kurz raus. Keine grossen Worte. Einfach Präsenz. «Da habe ich erlebt, wie wichtig Seelsorge ist.»
Kirche, die da ist
Diese Erfahrung hat ihren Blick geschärft. Kirche ist für sie nicht zuerst Struktur oder Verwaltung. Kirche ist da, wenn Menschen in Krisen geraten. Wenn jemand zuhört. Wenn jemand mitträgt. Gerade in einem Flächengebiet wie Hochdorf-Seetal, wo die reformierten Mitglieder über viele Dörfer verteilt leben, braucht es diese sichtbare Nähe.
Berühren tun sie oft die Begegnungen mit älteren Menschen. «Manchmal braucht es nur einen Händedruck oder ein Mut machendes Wort», sagt sie. Gleichzeitig liegt ihr die jüngere Generation am Herzen. Sie weiss, wie schwierig es ist, junge Erwachsene zu erreichen, erst recht in einer Region ohne eigene Kirche im Dorfkern. «Es wäre schön, wenn sich mehr Jüngere engagieren würden», sagt sie. Sie selbst möchte ein Zeichen setzen, dass kirchliches Engagement keine Frage des Alters ist.
Kraft schöpft sie aus ihrer Familie, aus Gesprächen mit ihrem Mann, aus der Natur. «Ich bin sehr gern draussen.» Reisen, ein Spaziergang, eine Tasse Kaffee in Ruhe sind für sie kleine Inseln im Alltag. Zweifel? «Manchmal frage ich mich schon: Was mache ich da eigentlich?» Dann sammelt sie sich, blickt nach vorne. Sie versucht, in jedem Menschen das Gute zu sehen. Diese Grundhaltung trägt sie. Was sie sich wünscht? Dass Kirche als etwas Gutes wahrgenommen wird. Als wichtig. Als verlässlicher Ort. Und dass Menschen nach einer Begegnung mit ihr spüren: Hier ist jemand, der zuhört. Und hier ist eine Kirche, die da ist.
«Ein offenes Ohr und ein offenes Herz»