Ein Raum für das Untröstliche
Das Licht ist gedämpft, fast scheu. Im weiten Kirchenschiff der Basler Elisabethenkirche flackern Kerzen, eine Geige tastet sich mit Bach durch die Stille. Rund 300 Menschen sind gekommen, um der Toten und Verletzten der Brandkatastrophe von Crans-Montana zu gedenken. Seelsorger stehen am Rand der Stuhlreihen, aufmerksam, bereit für jene, die das Gespräch und den Halt suchen. Es ist ein Abend, der nicht auf Antworten zielt, sondern auf das Aushalten.
Foto: Mirko Romano
Unter den Anwesenden sind der Basler Kirchenratspräsident Lukas Kundert, der katholische Bischof Felix Gmür, Regierungsrätin Tanja Soland und die Elisabethen-Pfarrer Frank Lorenz und Jörg Werron. Ihre Präsenz verleiht der Feier Öffentlichkeit, doch im Zentrum steht etwas anderes: die gemeinsame Ratlosigkeit angesichts eines Leids, das sich jeder Ordnung entzieht.
«Was kann man sagen bei so viel Leid?», fragt Tanja Soland zu Beginn ihrer Ansprache – und beantwortet die Frage nicht. Eine Trauerrede nach einem solchen Unglück entziehe sich unserer Erfahrung, sagt die Regierungsrätin. Sie versucht das Geschehen in Worte zu fassen: Der Jahreswechsel, der das neue Jahr voll Freude und Hoffnung einleitete, wurde zur Nacht des Entsetzens. Menschen verloren ihre Liebsten, 200 Kilometer entfernt von Basel im Wallis, und doch erschreckend nah. Die Bilder und Berichte der Medien rückten das Geschehen bis in die Wohnzimmer, liessen das Grauen fast körperlich spürbar werden: junge Menschen, im Kampf ums Leben, Eltern, die fassungslos zurückblieben.
Der emotionale Schutzschild, so Soland, sei zerbrochen. Plötzlich sei die Sicherheit des Alltags verschwunden, das Grundvertrauen ins Leben erschüttert. Dieses Vertrauen wollte man mühsam zurückgewinnen – mit Expertengesprächen, mit der Forderung nach lückenloser Aufarbeitung. Verantwortung müsse benannt werden, betont sie. Doch auch Konsequenzen heilten kein Leid, viele Fragen blieben offen.
Trost habe sie in der gemeinsamen Schweigeminute am Nachmittag auf dem Basler Marktplatz gefunden. Am nationalen Trauertag hatten um 14 Uhr in der ganzen Schweiz die Kirchenglocken geläutet, auch vor dem Basler Rathaus verharrten Menschen in stiller Anteilnahme. Zusammenzustehen gebe Halt, betont sie. «Wir waren nicht allein.» Auch die Verletzten und Angehörigen dürften mit ihrer Trauer nicht allein bleiben. Ihr Dank gilt dem medizinischen Personal im In- und Ausland, den Helfern, die Enormes leisteten. Und sie erinnert an einen Satz von Bundesrat Guy Parmelin: Heute sei die Schweiz traurig – heute sei sie im Herzen vereint.
Die Ohnmacht aushalten
Im Anschluss an Solands Worte spricht Pfarrer Frank Lorenz von der Ohnmacht. Man stehe vor etwas, das sich nicht begreifen, sondern nur aushalten lasse. «Es braucht einen Ort, an dem der Schmerz sein darf», sagt er, «an dem wir nicht funktionieren müssen.» Manche Schmerzen liessen sich nicht trösten, vor allem der Schmerz der Eltern, die ein Kind verloren haben. Vor diesem Schmerz verstummten alle Worte.
Pfarrer Frank Lorenz sprach von der Ohnmacht angesichts des Unfassbaren: «Es braucht einen Ort, an dem der Schmerz sein darf.» . | Foto: Mirko Romano
Was, fragt Lorenz, wenn es mein Kind gewesen wäre? Der Gedanke mache deutlich, wie sehr wir alle aus derselben Materie bestünden: aus Liebe und Verletzlichkeit. Und wie sehr wir lebten, als hätten wir ewig Zeit – der Tod der Jugendlichen erinnere daran, dass nichts gewiss sei. Das sei keine Drohung, sondern eine Einladung, heute zu leben, heute zu sagen und zu tun, was gesagt und getan werden müsse.
Was bleibe von einem Menschen, fragte Lorenz. Nicht nur Erinnerungen, sondern die Spuren, die man in anderen hinterlassen habe. Diese Spuren vergehen nicht. «Wer geliebt wurde, wird weiter lieben.» Die Trauer werde nicht enden, wenn die Gedenkfeier vorbei sei, sagt Lorenz, aber sie werde sich wandeln – nicht sofort, vielleicht nicht morgen, aber irgendwann.
Gebete für Opfer und Helfer
In Gebeten bitten Bischof Gmür und Lukas Kundert für die Opfer und ihre Angehörigen, für die Feuerwehrleute, Ärztinnen, Politiker und Krisenstäbe. Und für all jene, die ihren Halt verloren haben und sich in Sinnlosigkeit gefangen fühlen.
«Es fehlt etwas ohne ihn»
Dann tritt junge Frau nach vorn. In der Brandnacht verlor sie einen Freund, Arthur hiess er. Die Namen auf den Namenslisten der Verstorbenen, sagt sie, erzählten nicht, wer diese Menschen gewesen seien und wie unglaublich schwer der Verlust wiege. «Es fehlt etwas ohne ihn.» Man trauere nicht nur um den Menschen, der er war, sondern auch um den, der er nicht mehr werden könne.
Zum Schluss steigt ein Drachen im Kirchenschiff auf, gelenkt von einem Künstler. Ein stilles Bild für Seelen, die sich erheben. Die Geige verklingt. Die Dunkelheit bleibt. Und mit ihr die Ahnung, dieser Ort kann trösten.
Ein Raum für das Untröstliche