«Ein Raum nur für Frauen» – wie ein Verein seit 130 Jahren verbindet
Der Verein Evangelische Frauen Schaffhausen ist einer der ältesten frauensolidarischen Zusammenschlüsse im Kanton – und einer, der bis heute trägt. Seine Wurzeln reichen ins späte 19. Jahrhundert zurück, in eine Zeit, in der Armut, mangelnde Bildungschancen und gesellschaftliche Doppelmoral viele Frauen an den Rand drängten. «Wenn man die Anfangsjahre anschaut, dann ging es um zweierlei, um Solidarität – und um Schutz», sagt die heutige Co-Präsidentin Eva Baumgardt, Pfarrerin in Neunkirch, die sich das Amt mit Pfarrerin Doris Brodbeck aus Schleitheim teilt.
Tatsächlich entstand der Verein im gleichen Umfeld wie zahlreiche Frauenhilfswerke in England und Deutschland: Bürgerliche Frauen engagierten sich für «gefallene Mädchen», wie man damals sagte. Hinter dem paternalistischen Ton jener Zeit verbarg sich aber ein echtes Netz der gegenseitigen Hilfe. In Basel wurde 1892 ein Komitee zur «Hebung der Sittlichkeit» gegründet – mit dem klaren Ziel, die Doppelmoral der Männer nicht länger hinzunehmen: Prostitution nutzen, aber unverheiratete Mütter ächten. In Schaffhausen wurde diese Bewegung aufgenommen und weiterentwickelt.
Räume ohne Männer – Mut zu Vernetzung
«Es war von Beginn an ein Frauensolidaritätsnetzwerk», sagt Eva Baumgardt. «Es bot Räume, die es sonst nicht gab – Räume ohne Männer.» Denn lange bevor Frauen in der Schweiz ĂĽberhaupt wählen durften, bot der Verein einen Ort fĂĽr Austausch und Selbstbehauptung. DiskusÂsionen ĂĽber soziale Fragen fanden hier statt – nicht im offiziellen kirchlichen Rahmen, der stark männlich geprägt war. «Das war ein Gegengewicht zu den kirchlichen Strukturen. Frauen konnten sich verständigen, stärken und vernetzen.»
Bis heute trägt diese Tradition. Der Verein zählt im Kanton rund 650 Mitglieder, die meisten sind über 60 Jahre alt. «Wir sind froh um jede Frau unter 50 – das ist fast schon eine Sensation», sagt die Präsidentin mit einem Lächeln. Junge Frauen hätten andere Netzwerke, Kirche spiele als gesellschaftlicher Raum nicht mehr diese Rolle. Trotzdem bleibt der Verein lebendig – nicht zuletzt durch ein vielfältiges Jahresprogramm.
Wenn Fachfrauen sprechen, füllen sich die Säle
Jeden Winter organisiert der Verein acht bis neun öffentliche Veranstaltungen: Vorträge, Gemeinschaftsanlässe, Adventsabende. «Sehr beliebt sind unsere geselligen Treffen», erzählt die Präsidentin. «Aber wir wollen auch Themen aufgreifen, die uns weiterbringen.» Besonders gut besucht seien Anlässe mit lokal verankerten Fachfrauen – etwa mit Onkologin Katrin Breitling zu Krebsrisiko oder mit Expertinnen zu Wechseljahren, Depressionen oder Kindererziehung. Für Eltern gibt es etwa in Neunkirch gemeinsame Veranstaltungen mit dem Elternverein: «Wie sage ich Nein? Was mache ich mit Pubertierenden?» – Themen, die immer wieder gefragt sind.
Nicht immer aber ist der Erfolg garantiert. Als die prominente deutsche Theologin Margot Kässmann zu Gast war – «in Deutschland füllt sie Hallen!» –, kamen in Neuhausen gerade einmal dreissig Personen. «Da merkt man, wie unterschiedlich die kirchliche Kultur in der Schweiz und in Deutschland ist», sagt Baumgardt schmunzelnd.
Zwischen Nestwärme und Neugier
Der Verein bleibt dennoch gut vernetzt. Er gehört zum Dachverband Evangelische Frauen Schweiz, «femmes protestantes», der im Bundeshaus mit anderen Frauenorganisationen Lobbyarbeit betreibt und feministische Themen in Kirchen und Politik stärkt. In Schaffhausen unterstützt der Verein zudem die Beratungsstelle Schwangerschaft und Familie mit finanziellen Beiträgen für Familien in Not. «Das ist uns wichtig. Es ist konkrete Hilfe – da kommt das Geld direkt an.»
Neben dem offiziellen Programm gibt es kleinere Frauengruppen und Stammtische, etwa in Stein am Rhein oder Ziegelhütte, die ebenfalls im Jahresheft vertreten sind. «Sie alle schaffen Nestwärme», sagt die Präsidentin. «Manchmal ist es genau das, was Frauen brauchen.» Gleichzeitig sucht der Vorstand nach Themen, «die uns vorwärtsbringen, die neugierig machen». Die Balance zwischen Behaglichkeit und Horizonterweiterung sei eine «Gratwanderung – aber eine schöne».
Lokale Verankerung, schweizweite Vernetzung
So bleibt der Verein Evangelische Frauen Schaffhausen ein Ort, der Generationen verbindet – ein Raum, der Gemeinschaft ermöglicht, aber auch Fragen stellt: Wo stehen Frauen heute? Was brauchen sie? Und was können sie gemeinsam bewirken? «Wir sind ein Team von Frauen, die auf der Suche danach sind, was uns guttut», fasst die Präsidentin zusammen. «Und wir überlegen gemeinsam, wie wir einen Schritt weiterkommen.»
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Evangelische Frauen – Vorträge im Januar
Eiweiss, Calcium, Vitamine. Ernährung legt die Basis für unsere Gesundheit, doch was ist gesund? Mit Caroline Hofmann, Ernährungsberaterin, Neunkirch. Dienstag, 13. Januar, Kirchgasse 8, Schleitheim, 18.30 Uhr: Apéro, 19 Uhr: Vortrag. Organisiert von: Evangelische Frauen Schleitheim und Reformierte Kirchgemeinde
Mit Sport und Bewegung das Krebsrisiko senken. Mit Dr. med. Katrin Breitling, Chefärztin Frauenklinik Kantonsspital, Spende für Krebsliga SH. Donnerstag, 15. Januar, 9–11 Uhr, Kirchgemeindehaus Neuhausen, Zentralstrasse 32. Organisiert von: Frauenforum Neuhausen am Rheinfall und Reformierte Kirchgemeinde
«Ein Raum nur für Frauen» – wie ein Verein seit 130 Jahren verbindet