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Flüchtlingstag

Ein Velo für ein Stück Freiheit

von Carole Bolliger
min
19.06.2026
Bis zu 200 Velos werden in Cham jedes Jahr für Geflüchtete repariert und weitergegeben. Hinter jeder Übergabe steht eine Geschichte von Ankommen, Unsicherheit und einem neuen Stück Freiheit. Ein Einblick zum Flüchtlingstag am 20. Juni.

Mittwochnachmittag im Langhuus in Cham. Vor dem Haus geht Sherzad auf und ab, etwas nervös, etwas ungeduldig. Vier Monate ist er in der Schweiz, heute bekommt er sein erstes Velo. Immer wieder schaut er zur Tür, dann wieder auf den Platz, als könnte es plötzlich verschwinden, dieses Versprechen auf Mobil- Sein- Können und Bewegung. Drinnen, in der kleinen Werkstatt, hat Andrea Dahinden rund drei Stunden daran gearbeitet, Bremsen nachgezogen, Kette geölt, alles geprüft. Jetzt steht es bereit. Sherzad lächelt vorsichtig, als er es entgegennimmt. «Sehr dankbar», sagt er in gebrochenem Deutsch.

Bevor er losfahren darf, muss er zeigen, dass er fahren kann. Annette Plath steht daneben und schaut genau hin. «Wer es noch nicht kann, muss es lernen», sagt sie. Sherzad steigt auf, fährt an, erst vorsichtig, dann sicherer. Eine Runde, zwei Runden. Dann ein breites Grinsen, eines, das bleibt.

In der Werkstatt

In der Werkstatt ist es eng. Metall klirrt, eine Kette schleift, irgendwo tropft Öl. Es riecht nach Gummi, nach Schmierfett, nach Arbeit. Ein junger Mann schiebt sein Velo hinein, Unfall, sagt er, die Kette sei verbogen. Andrea Dahinden wirft einen kurzen Blick darauf, schüttelt leicht den Kopf. «Das sieht eher so aus, als hätte er selbst versucht, es zu flicken.» Kein Vorwurf in der Stimme, eher eine Feststellung. Sie spannt das Velo in den Werkstattbock, beginnt zu arbeiten, ruhig, präzise, routiniert. Jeder Handgriff sitzt.

 

Rund 150 bis 200 Velos bringt Andrea Dahinden pro Jahr wieder in Schuss – ehrenamtlich. | Foto: Raul Steffer

Rund 150 bis 200 Velos bringt Andrea Dahinden pro Jahr wieder in Schuss – ehrenamtlich. | Foto: Raul Steffer

 

Dahinden ist seit rund sieben Jahren hier, einmal pro Woche, Mittwochnachmittag, von vier bis sechs, ehrenamtlich. «Sonst würde das gar nicht gehen», sagt sie. Rund 150 bis 200 Velos bringt sie pro Jahr wieder in Schuss, gespendete Fahrräder, oft lange im Keller gestanden, verstaubt, vergessen. Ersatzteile werden über die reformierte Kirche und das kantonale Integrationsprogramm finanziert. «Wenn jemand die 10 Franken für einen Schlauch nicht hat, übernimmt das die Kirche.» Warum Andrea Dahinden das macht? «Ich bin nach längerer Krankheit wieder gesund. Ich habe Energie. Da möchte ich anderen etwas zurückgeben, denen es nicht so gut geht.» Sie sagt das ruhig, fast beiläufig, während sie eine Schraube nachzieht.

Erst fahren, dann mitnehmen

Draussen wartet eine Familie. Mutter, Tochter, Sohn. Auch sie bekommen Velos. Der Junge steigt auf ein gelb-schwarzes Fahrrad, fährt los, schaut zurück, als wolle er sich vergewissern, dass jemand zuschaut, lacht, fährt noch eine Runde. Die Mutter hält das Velo der Tochter fest, gibt einen kleinen Schubs, dann fährt auch sie los, zögernd, konzentriert. Auch hier gilt: erst fahren, dann mitnehmen.

 

«Ein Velo gibt Freiheit. Es macht unabhängig, ein Stück selbstbestimmt», sagt die Sozialdiakonin Annette Plath (Mitte). | Foto: Raul Steffer

«Ein Velo gibt Freiheit. Es macht unabhängig, ein Stück selbstbestimmt», sagt die Sozialdiakonin Annette Plath (Mitte). | Foto: Raul Steffer

 

Kleine Prüfungen, die darüber entscheiden, wie frei man sich danach bewegt. Für Annette Plath sind solche Momente zentral. Sie ist Sozialdiakonin der reformierten Kirche Cham und arbeitet zusätzlich zu 25 Prozent in der Flüchtlingsarbeit im Kanton Zug. Die Velowerkstatt gehört zu ihrem Alltag, genauso wie Mittagstische, Gitarrenkurse und Gespräche. «Ein Velo gibt Freiheit», sagt sie. Viele könnten sich Busbillette nicht leisten, ein Velo verändere den Alltag. Und manchmal mehr. «Es macht unabhängig», sagt sie, «ein Stück selbstbestimmt.»

Aliullah Fayazi steht etwas abseits und wartet, bis sein Velo fertig ist. 24 Jahre alt, aus Afghanistan. «Alle sagen mir einfach Ali», sagt er und lächelt kurz. Sein Deutsch ist gut, er hat schnell gelernt. «Ich muss Deutsch lernen, weil ich hier lebe.» Sein Weg war lang, Afghanistan, Iran, Türkei, dann die Schweiz. Warum er geflüchtet ist, sagt er vorsichtig. «Ein bisschen Religion und auch Politik.» Er gehört zur schiitischen Minderheit, seine Familie ist politisch. «Ich konnte dort nicht einfach leben.»

Heute lebt er hier, allein. Ist die Schweiz ein Zuhause? Ali schüttelt den Kopf. Die Kultur sei anders, die Familie fehle. «Aber ich bin zufrieden, dass ich hier bin.» Die Menschen seien respektvoll, sagt er, und man merkt, dass ihm das wichtig ist. Zur Werkstatt hat er einen Bezug. Er hat hier schon zwei Velos bekommen, jetzt lässt er eines reparieren. «Das Velo macht meinen Weg einfacher», sagt er, hält kurz inne, sucht das richtige Wort, «freier.»

Dazugehören

Annette Plath kennt viele wie ihn. Aktuell hat sie Kontakt zu 200 bis 300 Geflüchteten in Zug, ein dichtes Netzwerk aus Begegnungen, Gesprächen, kleinen Geschichten. Was der Staat organisiert – Unterkunft, Geld, Sprachkurse – reicht oft nicht. «Dieses Gefühl von: Ich gehöre irgendwo dazu», sagt sie, «das können wir als Kirche schaffen.» Es sind die kleinen Dinge, die zählen: ein Gespräch nach dem Gottesdienst, ein gemeinsames Essen, zusammen im Kreis tanzen. Und eben ein Velo.

Drinnen arbeitet Andrea Dahinden weiter, schraubt, prüft, justiert. In den letzten sieben Jahren sind hier fast 1000 Velos durch ihre Hände gegangen. Viele davon fahren heute irgendwo durch den Kanton Zug, durch Quartiere, über Brücken, zu Deutschkursen, zur Arbeit, zu Freunden. Manche kommen zurück, kaputt, repariert, wieder in Bewegung gebracht. Draussen fährt Sherzad noch eine Runde, hält an, steigt ab, schaut sein Velo an, als müsste er sich vergewissern, dass es wirklich ihm gehört. Für einen Moment steht er einfach da, die Hand am Lenker. Dann steigt er wieder auf, winkt und fährt los, ein Stück schneller jetzt, sicherer. Ein Stück freier.

 

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