Ein Weitgereister kehrt zurück – ins Leben und nach Olten
Es ist heiss an diesem Morgen in Olten. Fototermin in der kühlen Paulus-Kirche. Daniel Göring sitzt zwischen den Bänken und lächelt. Er steht auf, dreht sich, blickt nach links, nach rechts. Als Medienprofi kennt Göring solche Auftritte. Heute, mit 60 Jahren, arbeitet er als Kommunikationsverantwortlicher der Evangelisch-Reformierten Kirchgemeinde Region Olten – zu 50 Prozent. Bis Göring 2025 hier ankam, hatte er bereits eine eindrucksvolle Karriere mit Höhen und Tiefen hinter sich.
Er sei zu dieser Stelle «wie die Jungfrau zum Kind» gekommen, witzelt er. Doch die Aufgabe gefällt ihm, vor allem der wohlwollende Umgang. Ein Unternehmen sollte Werte leben, sagt er: Empathie, Respekt und Wertschätzung. «Es ist der Ton, der die Musik macht.»
Schrift und Sprache begleiten ihn von Anfang an: Zunächst lernt Göring Typograf, dann wechselt er in den Journalismus. Über zehn Jahre schreibt er für das «Oltner Tagblatt» und die «Aargauer Zeitung». Dann folgt der Schritt in die Unternehmenskommunikation: beim Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl), bei den SBB, dem VBS und der Berner Fachhochschule.
Kommunikation in der Krise
Daniel Göring leitete die Kommunikation des Bundesamts für Zivilluftfahrt. Er steht im Auge des medialen Sturms, als die Swissair groundet und als über Überlingen zwei Flugzeuge kollidieren. 71 Menschen, darunter 49 Kinder, sterben. Göring verdrängt, wie sehr ihn die Arbeit auszehrt. Heute spricht er offen über seine Geschichte, um zu zeigen, dass Arbeit krank machen kann und man sich rechtzeitig Hilfe holen sollte.
Göring tut das damals nicht, sondern wechselt die Stelle und übernimmt die Leitung der Kommunikation eines internationalen Bau- und Tourismuskonzerns. Immer mehr zieht er sich zurück, bricht Kontakte ab, flüchtet in die Arbeit. Die Abende verbringt er allein, ist müde, wortkarg, reagiert zynisch. Der Plan, sich das Leben zu nehmen, nimmt Gestalt an: «In der Leere der spärlich beleuchteten Küche spürte ich plötzlich, dass ich nicht alleine war. Meine alte Freundin war zu Besuch gekommen. Meine alte Freundin, die Sehnsucht, sich in nichts aufzulösen, das Verlangen, einfach zu verschwinden», schreibt er später in seinem Buch «Der Hund mit dem Frisbee».
Göring versucht sich das Leben zu nehmen, doch der Medikamentencocktail verfehlt die tödliche Wirkung. Er landet in der Notaufnahme, seine Familie hatte ihn noch rechtzeitig gefunden. Es folgt ein langer, steiniger Weg durch Kliniken und Therapien. Ohne fremde Hilfe wäre er nicht mehr herausgekommen, ist er überzeugt.
Informieren, nicht missionieren
Als Kommunikationsverantwortlicher bringt Göring dieses Denken in die Kirchgemeinde ein. Seine Mission ist klar: «Es geht nicht darum, zu missionieren, sondern zu informieren.» Gerade heute sei es besonders wichtig, zu zeigen, was die Kirche alles leiste – in der Palliative Care, im Sozialbereich, im Religionsunterricht, bei Ausstellungen, sogar im Gespräch beim gemeinsamen Waldspaziergang. Sein Werkzeug, um diese Botschaft zu vermitteln, ist das Geschichtenerzählen. «Geschichten machen ein Thema fassbar und verständlich», sagt er. «Die Leute finden dadurch einen Zugang.» Er hält es für einen mutigen und wichtigen Schritt, dass die Kirchgemeinde Olten in Kommunikation investiert. Damit zeige sie, dass sie das Licht nicht länger unter den Scheffel stellen wolle – im Gegenteil, dass sie den Leuten erklären will, was Kirche ist, «und so die Kirchentüre weit aufmacht».
Das angestaubte Image der Kirche ist eines der Themen, die ihn aus kommunikativer Sicht beschäftigen. Glaube bedeute nicht zwingend, den Sonntagsgottesdienst zu besuchen – und das sei in Ordnung. Gesellschaftliche Umbrüche, Kriege, politische Orientierungslosigkeit könnten die Karten neu mischen, meint Göring. «Es kann sehr wohl sein, dass in der Zukunft vermehrt Menschen Orientierung und Halt in der Kirche finden.»
Ein Weitgereister kehrt zurück – ins Leben und nach Olten