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Eine für alle Fälle

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01.01.2016
Die Luzerner Stadträtin Ursula Stämmer wird Ende 2016 neue Synodalratspräsidentin der Reformierten Kirche Luzern. Die Synode hat eine Frau mit Profil gewählt: Eine Vollblutpolitikerin ohne theologischen Hintergrund.

Ursula Stämmer geht erstmal Fliegenfischen, in Österreich. Zwei Wochen Ruhe, am Stück. Keine Telefonate, keine Mails, keiner, der sie auf der Strasse anspricht. Im Herbst 2016 wird ein bisschen Zeit bleiben, um die Rollen zu wechseln: Von der Bildungsdirektorin zur Präsidentin des Synodalrats der Reformierten Kirche des Kantons Luzern.
Nie im Leben, sagt Ursula Stämmer, hätte sie gedacht, dass sie mal diese Aufgabe innehaben würde. 16 Jahre ist sie nun Stadträtin von Luzern, Dienstälteste. 2016 tritt sie nicht mehr an. Sie hätte nie gedacht, dass die Leute sie an die Spitze des Synodalrates wählen würden, obwohl sie keine Theologin ist. Obwohl die Gefahr besteht, dass sie der Kirche ihren Stämmer-Stempel aufdrückt, ihr Gesicht. «Die Leute haben Mut bewiesen. Sie sind über ihren Schatten gesprungen. Vielleicht dachten sie auch: In der Not frisst der Teufel Fliegen», lacht Ursula Stämmer. Der Posten war nicht einfach zu besetzen: Die Vertagung der Wahl der einzigen Kandidatin im Sommer sorgte für einen Eklat. Viele Wunschkandidaten hatten seither abgesagt. Stören tut das Ursula Stämmer nicht. Dafür ist sie nicht eitel genug.

Reorganisation als Kernpunkt
Heute, mit 57 Jahren, weiss Ursula Stämmer genau, was ihr liegt und was nicht. Diese Sicherheit habe sie sich hart erarbeiten müssen. Zu Beginn ihrer politischen Laufbahn nahm sie es noch nicht gelassen, sich unbeliebt zu machen oder es darauf ankommen zu lassen, zu unterliegen. «Als ich jung war, dachte ich, die Studierten können vieles besser. Aber irgendwann realisierte ich: Ich kann andere Dinge. Organisieren zum Beispiel. Die Leute zusammenführen, sie für etwas begeistern. Und Entscheidungen fällen.»
Bis zum 31. August 2016 bleibt sie vorerst noch Bildungsdirektorin der Stadt Luzern. Wenn Ursula Stämmer in einem Jahr ihr neues Amt antritt, nachdem ihr Vorgänger David A. Weiss es 22 Jahre geleitet hatte, werden ein paar neue Aufgaben auf der Traktandenliste stehen. «Wir stimmen am 6. Dezember über eine neue Kirchenordnung ab, danach geht es um Reorganisation», sagt sie mit ihrer festen, tiefen Stimme. Es nütze überhaupt nichts, wenn man sich einfach hinstelle und herumbefehle, sagt Ursula Stämmer, die Basis müsse man begeistern, sie stärken, sie bewegen, «alles andere ist aussichtslos».

Den Graben verkleinern
Und wenn es dann mal kracht und chnorzt, dann sei das nicht weiter schlimm, immerhin tut sich was. «Man muss ja nicht jedem alle Wünsche erfüllen, aber die Leute sollen spüren: Da hört eine zu, nimmt sie ernst.» Neben der Neuorganisation und Strukturierung innerhalb der Synode gehe es auch um das Thema Stadt-Land. «Wie lebt man eigentlich als Reformierter im Entlebuch oder in Rothenburg? Es ist sicher nicht verkehrt, zu wissen, was wo gedacht wird. Und wie die Leute ihren Glauben leben.» Die Kluft zwischen Stadt und Land werde sie aber nicht lösen, das wäre vermessen. «Aber ich kann versuchen, eine Annäherung herbeizuführen», sagt Ursula Stämmer. Die Leute wüssten einfach zu wenig voneinander.
Deshalb setzt sich Ursula Stämmer an Sonntagen auch mal in die katholische Kirche und atmet den Weihrauch ein. Oder fährt zu einem Rabbi nach Hause zum Essen. «Ich habe die Menschen gern. Und es ist mir eigentlich egal, welcher Religion sie angehören. Das ist doch gar nicht die Frage.» Sie selbst sei Reformierte durch und durch, ein Mensch des Wortes, volksverbunden, schnörkellos und klar. Ursula Stämmer betet eigentlich selten, zu Hause nie. Wenn, dann schickt sie Stossgebete zum Himmel, «wenn mal wieder irgendetwas klemmt». Als sie noch jünger war, ging sie jeden Sonntag in den Gottesdienst. Sie liess ihren Mann zu Hause bei den Kindern und tauchte eine knappe Stunde ab, in der Stille und im Gebet. Ihre beiden Töchter sind jetzt 29 und 30 Jahre alt, sie sind der Kirche gegenüber distanziert. «Als sie erfuhren, dass ich für dieses Amt kandidiere, sagten sie: Das passt zu dir.» Einmal habe sie sogar eine Predigt gehalten, an einem Jubiläum, sagt Ursula Stämmer dann, und ihre Freunde hätten im Scherz gesagt: Ach, Ursula. Du predigst doch ständig.
Ihr Glaube sei tief in ihr verwurzelt, sagt Ursula Stämmer. Jesus, sagt sie lachend, war sicher ein Sozialdemokrat. «Die Bewahrung der Schöpfung, das ist meine grosse Leitlinie.» Als Synodalratspräsidentin könne sie der reformierten Kirche etwas zurückgeben. «Ich bin sehr von der Kirche geprägt, ich habe ihr viel zu verdanken. Als ich für das Amt angefragt wurde, musste ich natürlich überlegen. Aber ich dachte: Wenn die mich jetzt brauchen, dann mach ich das.» Sie sei mit offenen Armen empfangen worden. Und den Rest, den müsse man nun auf sich zukommen lassen. «Mer muess halt de Muet ha», sagt Frau Stämmer, «und denn eifach mal afange».


Zum Bild: Ursula Stämmer vor der Lukaskirche Luzern. Die zukünftige Synodalratspräsidentin sagt, sie habe eine klare refomierte Identität. | Schlatter

Anna Miller

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