Epstein und das Christ-Sein: Aushalten als Herausforderung
Der US-amerikanische Finanzmann Jeffrey Epstein wurde am 10. August 2019 im Alter von 66 Jahren tot in seiner Gefängniszelle gefunden. Angeklagt war er wegen «Sex Trafficking», was gemäss Gesetz Menschenhandel «mit Kindern oder Gewalt, Betrug oder Zwang» bedeutet.
Die Aufarbeitung von Epsteins Machenschaften ist erst jetzt in vollem Gang. Und sie bringt laufend weltweit Entsetzen in der Öffentlichkeit hervor – zurzeit in starkem Ausmass, da die Regierung der USA immer wieder riesige Mengen von Dokumenten zum Fall publiziert. Und dabei selektiv handelt in einem Mass, das viele Menschen nicht verstehen.
Klar ist: Epsteins Netzwerk zieht weite Kreise bis zu Menschen mit viel Macht in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Und all deren mutmassliche oder auch bewiesene Taten weisen auf mitunter Entsetzen hervorrufende kriminelle Energie hin.
Epstein empört – und jetzt?
Doch wie gehen wir mit dem Wissen oder den Vermutungen um? Was bleibt uns ausser der Empörung? Eine mögliche Einordnung bietet der (christliche) Glauben. Stephan Jütte, Theologe und Leiter Kommunikation bei der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, sagt, der Skandal um Epstein sei kein «Ausrutscher», sondern ein Symptom: «Er legt Machtkonzentrationen, strukturelle Verantwortungslosigkeit und die Verletzbarkeit von Menschen offen – insbesondere dort, wo Reichtum, Einfluss und Schweigen ineinandergreifen.» Theologisch gesprochen sei er Ausdruck einer Welt, die an sich selbst zerbricht, weil sie das Recht der Schwachen systematisch dem Vorteil der Starken unterordnet.
Dabei ist gemäss Stephan Jütte die Gefahr real, Unschuldige vorzuverurteilen. Denn Medienlogik kenne oft nur Täter oder Komplizen, kaum Unterscheidungen, kaum Geduld.» Deshalb gibt der Theologe zu bedenken: «Christlich gesehen gehört zur Gerechtigkeit immer auch Zurückhaltung, Differenzierung und die Anerkennung der Grenzen unseres Wissens.» Denn Empörung ersetze kein Recht, und Verdacht sei kein Urteil.
Gottes Gerechtigkeit und mehr moralisieren
Und wo bleibt bei dem ganzen scheinbar zögerlichen Vorgehen der Justiz mal wieder die Gerechtigkeit Gottes? Jütte mahnt, diese nicht als Garantie für schnelle Ausgleichsmechanismen zu sehen. «Sie ist vielmehr eine Zumutung: Gott identifiziert sich nicht mit den Erfolgreichen, sondern mit den Opfern.» Und sie zeige sich nicht primär im Strafmass, sondern darin, dass Unrecht nicht das letzte Wort behalte – «auch wenn wir dieses ‹Nicht› oft nur in der Hoffnung aussprechen können».
Wieder mehr zu moralisieren sieht der Theologe nicht als angebracht – solange es bedeutet, sich selbst über andere zu erheben. «Wenn es aber heisst, moralische Sprachfähigkeit zurückzugewinnen, Unrecht beim Namen zu nennen und Verantwortung einzufordern, dann ja.» Jütte hält klar fest, dass christliche Ethik ist keine Besserwisserei sei, sondern eine Übung in Unterscheidung – und das immer im Bewusstsein, dass wir Menschen die Unterscheidung zwischen gut und böse nicht neutral treffen, sondern selbst in Schuldzusammenhängen stecken.
Existenzielle Erschütterung und kaum auszuhalten
Erschüttern solle uns der Skandal, findet Stephan Jütte – aber nicht sensationsgetrieben, sondern existenziell. Erschütterung sei schliesslich kein Selbstzweck, sondern könne zur Wachsamkeit führen: gegenüber Machtmissbrauch, gegenüber Idealisierungen, auch gegenüber der Versuchung, sich innerlich zu distanzieren im Sinn von: «mit mir hat das aber gar nichts zu tun».
Uns der Logik der endgültigen Abschreibung zu widersetzen, ist schwer, manchmal kaum auszuhalten – und gerade deshalb kein billiger Trost.
Schuldige zu dämonisieren sieht der Theologe nicht als angemessenes christliches Verhalten – aber auch nicht, sie zu verharmlosen. «Schuld muss benannt, Unrecht begrenzt und Opfer müssen geschützt werden», hält Jütte klar fest. Zugleich verzichte der christliche Glaube aber darauf, einen Menschen vollständig mit seiner Tat zu identifizieren. Das entlasse niemanden aus der Verantwortung, betont Jütte – «aber es hält die Möglichkeit offen, dass Schuld nicht das letzte Wort über einen Menschen ist».
Schliesslich überfordere es uns klar, Menschen wie Epstein zu sehen als von Gott geliebte Menschen. Das sei eine «theologische Zumutung». Denn der christliche Glaube verlange nicht, dass wir Täter «verstehen» oder «entschuldigen», sondern dass wir uns der Logik der endgültigen Abschreibung widersetzten. «Das ist schwer, manchmal kaum auszuhalten – und gerade deshalb kein billiger Trost.»
Epstein und das Christ-Sein: Aushalten als Herausforderung