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Vortrag über die Friedensaktivistin

Erinnerung an Gertrud Kurz: «Sie appellierte an die Menschlichkeit»

von Adriana Di Cesare
min
28.08.2023
Gertrud Kurz kämpfte während des Zweiten Weltkriegs für eine humane Flüchtlingspolitik. CFD-Geschäftsführerin Andrea Nagel erinnert an die mutige Frau, die Bundesräte zum Handeln brachte und dem Chef der Fremdenpolizei die Stirn bot.

Gertrud Kurz h├Ątte ein bequemes Leben in gutb├╝rgerlichen Kreisen f├╝hren k├Ânnen. Stattdessen schrieb sie als ┬źMutter der Fl├╝chtlinge┬╗ und als Gr├╝nderin des Christlichen Friedensdienstes (CFD) Geschichte. Sie engagierte sich f├╝r offene Grenzen, eine humane Fl├╝chtlingspolitik, gegen Rassismus und Nationalismus. Sie war keine ┬źStudierte┬╗, sondern bezeichnete sich im Gegenteil immer wieder als ┬źeinfache Hausfrau┬╗.

In Schaffhausen erinnert Andrea Nagel, Gesch├Ąftsf├╝hrerin des CFD, in ┬şeinem Referat an die Friedensaktivistin, die von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen als ┬źmutig, uneigenn├╝tzig, beharrlich und unerschrocken┬╗ bezeichnet wurde. ┬źGertrud Kurz suchte nie die Konfrontation ÔÇô sie leistete ├ťberzeugungsarbeit und appellierte an die Menschlichkeit. Sie diente einem Frieden, der mit Wahrheit und Gerechtigkeit verbunden ist┬╗, bezeichnete Martin Jung, Theologieprofessor an der Universit├Ąt Osnabr├╝ck, die Schweizerin.

Durch das Eingreifen von Gertrud Kurz konnten wahrscheinlich Tausende von Menschen vor dem Tod gerettet werden.

Die ┬źBerner Hausfrau┬╗ und ihr j├╝discher Mitstreiter beim Bundesrat

Gertrud Kurz kam 1890 im appenzellischen Lutzenberg als Tochter der Textilfabrikantenfamilie Hohl zur Welt und wuchs beh├╝tet auf. 1912 heiratete sie den Gymnasiallehrer Albert Kurz und lebte mit ihm in Bern. Zwischen 1913 und 1921 brachte sie drei Kinder zur Welt. Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, war Gertrud Kurz 49 Jahre alt. Ihr Herz brannte f├╝r die Kriegsfl├╝chtlinge, sie setzte sich unerm├╝dlich f├╝r die j├╝dischen und sozialistischen Fl├╝chtlinge aus dem Machtbereich des Nationalsozialismus ein. Als im Sommer 1942 der Bundesrat mit einer massiven R├╝ckweisungspraxis reagierte, suchte Gertrud Kurz den damaligen Bundesrat und ┬şVorsteher des Eidgen├Âssischen Justiz- und Polizeidepartements, Eduard von Steiger, auf, um auf die menschlichen Trag├Âdien, die der Entscheid zur Grenzschlies┬şsung verursachte, hinzuweisen. Laut Bergier-Bericht waren damals 24'000 Fl├╝chtlinge an der Landesgrenze abgewiesen worden. Die ┬źBerner Hausfrau┬╗ erreichte, dass der Bundesrat die Grenze f├╝r die Fl├╝chtlinge wieder ├Âffnete, wenn auch nur f├╝r wenige Wochen. ┬źDurch das Eingreifen von Gertrud Kurz konnten wahrscheinlich Tausende von Menschen vor dem Tod gerettet werden┬╗, sagt Andrea Nagel und f├╝gt an, ┬źsie hatte einen j├╝dischen Mitstreiter, der offenbar Beweise f├╝r die Existenz von Konzentrationslagern zu diesem Gespr├Ąch mitgebracht hatte.┬╗

 

Im Glauben verwurzelt

Im Jahr 1958 erhielt Kurz den Ehrendoktortitel der theologischen Fakult├Ąt der Universit├Ąt Z├╝rich. Sp├Ąter wurde sie vom Bundesrat f├╝r den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Die Gefl├╝chteten selber gaben ihr den Namen ┬źMutter der Fl├╝chtlinge┬╗. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1972 engagierte sie sich in der Fl├╝chtlings- und Friedensarbeit und erhielt daf├╝r zahlreiche Auszeichnungen im ┬şIn- und Ausland.

Das fehlende Stimm- und Wahlrecht für Frauen hat sie nicht daran gehindert, bei Behörden und Regierung vorzusprechen und sich Gehör zu verschaffen.

Gertrud Kurz sei es immer wieder gelungen, Entscheidungstr├Ąger f├╝r die Schicksale der Gefl├╝chteten zu sensibilisieren. Das fehlende Stimm- und Wahlrecht f├╝r Frauen habe sie nicht daran gehindert, bei Beh├Ârden und Regierung vorzusprechen und sich Geh├Âr zu verschaffen. Was k├Ânnen wir heute von ihr lernen? ┬źDas unbedingte Zuh├Âren┬╗, antwortet Andrea Nagel. ┬źGertrud Kurz wollte immer wissen, was hinter einer gesellschaftlich gesetzten Grenze passiert. Sei es hinter dem eisernen Vorhang oder in den pal├Ąstinensischen ┬şGebieten.┬╗
Wie w├╝rde das Engagement von Gertrud Kurz heute aussehen? ┬źSie w├╝rde Strukturen, die Ungerechtig┬şkeiten entstehen lassen, offen kritisch gegen├╝bertreten. Damit meine ich Systeme, die Menschen ausbeuten, zum Beispiel den Kapitalismus┬╗, so Nagel.

 

Legend├Ąre Worte an den Chef der Fremdenpolizei

Posthum entstand die Stiftung Gertrud Kurz. Sie setzt sich f├╝r Projekte ein, die nachhaltig die Integration von Ausl├Ąnderinnen und Ausl├Ąndern f├Ârdert, und bewahrt das Andenken an Gertrud Kurz. Anl├Ąsslich ihres f├╝nfzigsten Todestages im Jahr 2022 lancierte die Stiftung eine Kampagne, die Erinnerungen an Gertrud Kurz sammelt. Sie spiegeln eine Frau, die aus pers├Ânlicher ├ťberzeugung und einem tief verwurzelten Glauben heraus tat, was sie tun musste. ┬źGertrud Kurz: Gott war gross und g├╝tig. Daneben wurde jeder noch so m├Ąchtige Politiker oder B├╝rokrat ganz klein┬╗, schreibt die Journalistin Susan Boos auf der Erinnerungsseite. Esther Gisler Fischer, reformierte Pfarrerin aus Z├╝rich-Seebach, erinnert an eine besondere Anekdote: ┬źLegend├Ąr die Szene mit dem Chef der Fremdenpolizei, Heinrich Rothmund, dem sie anl├Ąsslich eines Treffens sagte, sie s├Ąhe hinter ihm noch jemanden, der m├Ąchtiger sei als er. Sie meinte damit Gott.┬╗ 

 

Vortrag zum Leben und Wirken von Gertrud Kurz

Dienstag, 29. August, 18.30 Uhr, Gemeindehaus Ochsesch├╝├╝r, Pfrundhausgasse 3, Schaffhausen. Vortrag zum Leben und Wirken von Gertrud Kurz von Andrea Nagel, Gesch├Ąftsf├╝hrerin des Christlichen Friedensdienstes. Im Anschluss Ap├ęro. Eine Veranstaltung der kirchenr├Ątlichen Frauenkommission.

Stiftung Gertrud Kurz: www.gertrudkurz.ch

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