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Zusammenschluss von Kirchgemeinden

«Erneuern ist immer ein Wagnis»

von Adriana Di Cesare
min
29.12.2025
Wie viel Mut braucht kirchliche Erneuerung? Und wie gelingt ein Zusammenschluss von Kirchgemeinden, der nicht Verlust bedeutet, sondern neue Kraft freisetzt? Die Sozialdiakonin Nicole Russenberger gewährt einen Einblick in den laufenden Prozess.

In Schaffhausen wächst zusammen, was in den letzten Jahren näher gerückt ist. Der mögliche Zusammenschluss der Verbandskirchgemeinden Buchthalen, Steig, St. Johann-Münster und Zwingli beschäftigt die Arbeitsgruppen seit dem vergangenen Sommer intensiv. Mittendrin wirkt die Sozialdiakonin Nicole Russenberger. Sie erlebt den Prozess als herausfordernd, aber notwendig.

Bereits in den ersten Sitzungen wurde sichtbar, wie reich die Stadt an kirchlichem Leben ist: an Angeboten, Begegnungsorten, Räumen, Traditionen. Gleichzeitig zeigte sich aber auch, dass diese Vielfalt bislang nur teilweise aufeinander abgestimmt war und damit ihr Potenzial nicht vollständig entfalten konnte.

Um das zu ändern, wurden die Arbeitsgruppen sorgfältig zusammengesetzt. Ausschliesslich berufliche Mitarbeitende wirken darin mit – Menschen, die mitten in den kirchlichen Abläufen stehen, mit Veranstaltungen, Gruppen, Seelsorge und Verwaltung befasst sind. «Es ist wichtig, dass diejenigen, die täglich an der Basis arbeiten, mitgestalten können», sagt Russenberger. Die Vielfalt der Perspektiven führte zu intensiven Diskussionen, aber auch zu einem neuen Verständnis füreinander.

Gerade die diakonische Arbeit überschreitet schon lange Gemeindegrenzen. Die vier Sozialdiakoninnen der Verbandskirchgemeinden kooperieren eng, teilen Erfahrungen und Ressourcen. «Im Grunde machen wir das schon heute: Wir arbeiten für alle.» Die strukturelle Zusammenführung wirkt für sie weniger wie ein Bruch, sondern wie ein Schritt, der längst überfällig ist. Doch sie sieht auch, dass nicht alle denselben Ausgangspunkt haben. Behördenmitglieder etwa sind oft seit Jahren fest mit «ihrer» Gemeinde verbunden. Grenzen aufzugeben, kostet Kraft – und Mut.

Damit dieser Mut nicht ins Leere läuft, wurden schon frühzeitig Resonanzanlässe eingeplant. Dort erhalten Interessierte Einblick in den Prozess, können Fragen stellen, Kritik formulieren oder eigene Wünsche äussern. «Das ist wichtig, denn ein Zusammenschluss gelingt nur, wenn sich die Menschen, die später in einer vereinten Stadtkirchgemeinde leben, von Anfang an ernst genommen fühlen.»

Gerechtere Ressourcenverteilung

Wie gross der gesellschaftliche Wandel ist, zeigt sich besonders in der Zwinglikirche, wo Russenberger arbeitet. Das Quartier hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Viele Menschen, die über Jahre hinweg das Gemeindeleben prägten, sind weggezogen, älter geworden oder verstorben. Angebote mussten verabschiedet werden, nicht aus mangelndem Engagement, sondern weil immer weniger Personen teilnahmen. «Für uns ist es ein Muss geworden, einen Partner zu suchen.» Ein Zusammenschluss ermögliche eine gerechtere Verteilung von Ressourcen und schaffe Freiraum für neue Ideen – gerade dort, wo bisher die Kräfte fehlten.

Russenberger betont, dass Diakonie weit über jede Strukturfrage hinausgeht. «Es geht darum, auf die Menschen zuzugehen.» Das zeigt sich in vielen Projekten: beim Tanzanlass für alle zum Beispiel, der Menschen in einem geschützten Rahmen zusammenbringt, in der Zusammenarbeit mit der NACHBAR in der Stahlgiesserei, wo auch kirchenferne Menschen eigene Initiativen einbringen können, oder in der Bahnhofsarbeit, die Menschen erreicht, die sonst kaum gesehen werden. «Solche Momente zeigen mir, wie wichtig es ist, dass wir die Kirche nicht nur hüten, sondern leben.»

Der Prozess weckt jedoch auch Ängste. Die Sozialdiakonin kennt sie aus eigener Erfahrung. Veränderungen öffnen Türen, aber sie bedeuten auch Abschied. Dass die Projektleitung mit ruhiger Hand durch diesen Prozess begleitet, gebe ihr Zuversicht. «Letztlich wollen wir doch alle dasselbe: für die Menschen da sein, gute Angebote machen, Gemeinschaft ermöglichen.»

Ein Märchen als Spiegel

Ein besonderer Moment war für Nicole Russenberger kürzlich das ­Schreiben eines Märchens, in dem die vier Verbandsgemeinden als Fee, Wichtel, Zauberer und Weise auftreten. Jede Figur verfügt über eigene Gaben, doch erst gemeinsam entsteht etwas Ganzes. Für die Autorin ist diese Erzählung ein Spiegel dessen, was in Schaffhausen geschieht: die Suche nach einer Form, in der Verschiedenheit nicht verschwindet, sondern fruchtbar wird.

Am Ende bleibt für sie die Überzeugung, dass Erneuerung zutiefst christlich ist. Kirche dürfe sich nicht in Traditionen zurückziehen, sondern müsse sich bewegen, loslassen und sich immer wieder neu formen lassen – im Vertrauen darauf, dass die zen­trale Botschaft bestehen bleibt: die bedingungslose Liebe, die Freiheit des Glaubens und die Kraft einer Gemeinschaft, die trägt. «Erneuerung ist immer ein Wagnis», sagt sie. «Aber es ist ein guter Weg. Und wir gehen ihn gemeinsam.»

Wer diesen Weg mitgestalten möchte, ist herzlich eingeladen, an den kommenden Resonanzanlässen teilzunehmen, denn Erneuerung gelingt nur gemeinsam. An zwei identischen Anlässen wird hörbar, was Menschen bewegt – und dort zeigt sich, wie aus vielen Stimmen eine gemeinsame Zukunft wachsen kann:

HofAckerZentrum: Mittwoch, 11. Februar, 18.30 bis 20.30 Uhr
Steigsaal: Mittwoch, 18. Februar, 18.30 bis 20.30 Uhr

 

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