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Médecins sans Frontières

«Es braucht ein Kämpferherz»

von Adriana Di Cesare
min
03.02.2024
Der Chirurg Rudolf Baudenbacher war für «Ärzte ohne Grenzen» im Einsatz. In Schaffhausen erzählt er von seinen Missionen in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Haiti.

«Auf dem Operationstisch lag ein Mann in Narkose, als draussen Schüsse fielen. Die Sirenen heulten auf. «Normalerweise mussten wir bei einem Alarm das Spital umgehend verlassen und uns in der Basis in Sicherheit bringen.  Aber das konnte ich in diesem Moment einfach nicht», erzählt Rudolf Baudenbacher. Der Chirurg ignorierte den Alarm und blieb mit der Anästhesistin, den einheimischen Operationsassistenten und Pflegern im Spital und führte die Operation zu Ende.

Diese Szene ereignete sich im Jahr 2014 in Berbérati, der drittgrössten Stadt der Zentralafrikanischen Repu­blik, während des Bürgerkriegs. Der Thurgauer und seine Frau Silvia Rüegg leisteten damals im Rahmen eines Einsatzes für «Médecins sans Frontières» (Ärzte ohne Grenzen) Nothilfe in einem Spital. «Aus der ganzen Region strömten die Menschen ins Spital. Vor dem Eingang bildeten sich lange Schlangen», berichtete die Operationspflegefachfrau damals in der «Thurgauer Zeitung». Viele Eltern brachten ihre Kinder zu uns – zur ersten Untersuchung ihres Lebens. «Die meisten nutzen die Gelegenheit, wenn ‹Ärzte ohne Grenzen› da sind und die Bevölkerung kostenlos medizinisch versorgen.» 

Nicht das Land retten, aber Leben verbessern

Die Not ist in den meist armen Ländern grenzenlos. Unzählige Abszesse hat Rudolf Baudenbacher zu Gesicht bekommen und unendlich unterernährte und kranke Kinder. Und oft lagen Kriegsopfer auf seinem Operationstisch. «Man muss sich dessen bewusst sein, dass man mit einem solchen Einsatz weder das Land retten noch die Welt verbessern kann, das ist nicht möglich», betont er. Dennoch lässt er sich nicht entmutigen: «Das Wissen, dass wir einigen Menschen, die um ihre Existenz kämpfen, ein annehmbares Weiterleben ermöglichen können, erfüllt mich mit Befriedigung.»

Im Albert-Schweitzer-Spital in Lambarene habe ich gesehen, was man mit den einfachsten medizinischen und chirurgischen Mitteln bewirken kann.

Der Facharzt hat während seiner Ausbildung vor 40 Jahren im Albert-Schweitzer-Spital in Lambarene gearbeitet. «Dort habe ich enorm viel gelernt und gesehen, was man mit den einfachsten medizinischen und chirurgischen Mitteln bewirken kann. Da wusste ich: Ich möchte das wiedermachen. Deshalb habe ich mich nach meiner Pensionierung bei ‹Ärzte ohne Grenzen› gemeldet.» 

Rudolf Baudenbacher beschreibt seine Motivation «als eine Art Virus, das man, hat man es einmal eingefangen, nicht mehr los wird. Man wird gebraucht, sieht, wie viel Gutes man bewirken kann, auch wenn das einen Tropfen auf den heissen Stein bedeutet. Die Arbeit hat mir immer viel gegeben.» 

Nachhaltige Nothilfe

«Ärzte ohne Grenzen» leistet Nothilfe bei Naturkatastrophen und Epidemien, in Kriegsgebieten und Flüchtlingslagern. Ursprünglich wurde die Organisation von Ärzten und Journalisten in Frankreich gegründet. «Die Journalisten haben sich auf die Fahne geschrieben, über die Katastrophen und Konflikte zu berichten, das wird bis heute umgesetzt.»

Unsere Missionen sind als Nothilfe konzipiert. Wir ziehen uns zurück, wenn der unmittelbare Einsatz nicht mehr notwendig ist.

Die Einsätze für «Ärzte ohne Grenzen» dauern mehrere Wochen bis Monate, oftmals kann man sie nur nur so weit planen, wie es die Umstände erlauben. Seine erste Mission führte Baudenbacher für drei Monate nach Haiti, ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben im Jahr 2010. Dort hatte die Hilfsorganisation ein Spital aufgebaut. «Unsere Missionen sind als Nothilfe konzipiert. Wir ziehen uns zurück, wenn der unmittelbare Einsatz nicht mehr notwendig ist. Die aufgebauten Strukturen und Kliniken, die wir hinterlassen, übergeben wir möglichst einer anderen Organisation, vorzugsweise dem Gesundheitswesen des Staates.»

Ein Team besteht aus jeweils 15 bis 20 ausländischen Freiwilligen, alle anderen sind Einheimische, die von «Ärzte ohne Grenzen» angestellt werden. Es ist Teil jeder Mission, die Leute vor Ort medizinisch, in der Logistik und in der Administration zu schulen, damit sie selbstständig weitermachen können. Gleichzeitig wird ihnen eine Anstellung geboten, die es ihnen ermöglicht, sich und ihre Familien durchzubringen. 

Strom steht nicht immer zur VerfĂĽgung

Die Einsätze von «Ärzte ohne Grenzen» ziehen viele Interessentinnen und Interessenten an. Doch nicht alle werden genommen. «Man benötigt entsprechende berufliche Qualifikationen und Berufserfahrung», so der Facharzt. «Man muss entscheidungsfreudig sein, seine Grenzen kennen und die Kultur vor Ort akzeptieren können.» Nach Massstäben der schweizerischen oder der europäischen Chirurgie könne man oft nicht arbeiten. «Manchmal ist kein Röntgengerät, kein Labor oder kaum Operationsbesteck vorhanden. Oder es gibt einen Operationssaal, aber der ist nicht hygienisch.» Auch Strom steht nicht immer zur Verfügung. «Es braucht Demut, Respekt vor der Situation, den Menschen und der Kultur. Ich würde sagen, es braucht ein Kämpferherz.»

 

Bildvortrag mit Rudolf Baudenbacher über die Missionen von «Ärzte ohne Grenzen» in Kamerum, in der Zentralafrikanischen Republik und in Haiti.

Mittwoch, 28. Februar, 19.30 Uhr, im Hotel Kronenhof, Schaffhausen, im Anschluss Apéro.

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