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Fastenzeit

Fasten spendet Körper und Geist neue Kraft

von Isabelle Berger, reformiert.info
min
02.03.2026
Fasten ist eine uralte Heilpraxis, die auch in der reformierten Kirche gepflegt wird. Es stärkt den Körper, hilft Probleme zu lösen und im Sinne der Nächstenliebe tätig zu werden.

Fasten ist der zeitweise Verzicht auf Nahrung. Bevor die Menschen sesshaft wurden, waren längere Zeiten ohne zu essen normal. Jagd- und Sammelerfolg liessen sich nicht planen und die Methoden zur Haltbarmachung von Lebensmitteln waren beschränkt. Mit fortschreitender Zivilisation wurde Nahrung immer verfügbarer. Die industrialisierte Herstellung von Nahrungsmitteln und Errungenschaften wie etwa der Kühlschrank machen es heute problemlos möglich, rund um die Uhr zu essen.

Fasten hilft bei der Regeneration von Körperzellen

«Fasten ist grundsätzlich etwas ganz Natürliches. Der Körper hat kein Problem, damit umzugehen, im Gegensatz zum Überfluss», sagt die Theologin und Fastenleiterin Dorothea Loosli-Amstutz. Mittlerweile ist wissenschaftlich belegt, dass das Fasten eine wichtige gesundheitliche Funktion hat. Nach etwa 14 bis 18 Stunden ohne Nahrungsaufnahme beginnt nämlich die sogenannte Autophagie, wörtlich übersetzt «Selbstverzehrung». Dies ist der Prozess in den Körperzellen, in welchem schadhafte Zellstrukturen, Bakterien und Viren abgebaut und verwertet werden. Dadurch regenerieren sich die Zellen.

 

Dorothea Loosli-Amstutz hat Theologie studiert und sich zur ärztlich geprüften Fastenleiterin ausbilden lassen. Sie hat die Fastengruppen der Ökumenischen Kampagne aufgebaut und leitet jährlich mehrere solche. | Foto: zvg

Dorothea Loosli-Amstutz hat Theologie studiert und sich zur ärztlich geprüften Fastenleiterin ausbilden lassen. Sie hat die Fastengruppen der Ökumenischen Kampagne aufgebaut und leitet jährlich mehrere solche. | Foto: zvg

 

Ab 24 Stunden Fasten werden zudem die Fettreserven des Körpers als Hauptenergiequelle angezapft. Ab einer längeren Fastendauer von mindestens zehn Tagen wird auch das problematische viszerale Fett abgebaut. Dieses umhüllt die inneren Organe und kann unter anderem zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes Typ 2 führen. Beim Fasten baut der Körper dieses Fett ab und wandelt es in sogenannte Ketone um. Diese Brennstoffe versorgen dann Muskeln und Gehirn mit Energie und aktivieren Gene, die gegen oxidativen Stress schützen. Durch solchen entstehen Schäden an den Zellen. Oxidativen Stress zu reduzieren, schützt vor Krankheiten und steigert möglicherweise die Lebenserwartung.

 

Fasten macht offener und sensibler.

Doch auch eine kürzere Fastendauer lohnt sich. «Das einwöchige Fasten, wie ich es anbiete, fördert das ganzheitliche Wohlbefinden und lindert etwa Gicht oder Arthritis», sagt Loosli-Amstutz.

 

Heilfasten nach Buchinger

Beim Heilfasten nach Buchinger, wie es Dorothea Loosli-Amstutz anbietet, wird für eine Woche auf feste Nahrung verzichtet. In dieser Zeit nehmen die Fastenden auch nur je 400 Kilokalorien zu sich. Dieses Fastentage werden durch vier Abbautage eingeleitet. In diesen werden schrittweise bestimmte Gruppen von Nahrungsmitteln weggelassen. Einen Tag vor dem Fastenbeginn kommen nur noch Gemüse und Früchte auf den Tisch. Dann wird der Darm durch Abführen vollständig geleert. Während des Fastens werden täglich zwei bis drei Liter Flüssigkeit getrunken: vor allem Wasser und Kräutertee, aber auch Gemüse- und Fruchtsäfte sowie Getreidesud. Daneben ist es wichtig, sich ausreichend zu bewegen. Nach dem Ende des Fastens folgen vier Tage des Ernährungsaufbaus. In umgekehrter Reihenfolge wie beim Abbau werden die verschiedenen Nahrungsmittelgruppen wieder eingeführt und die Kalorienmenge gesteigert.

 

Neben körperlichen Auswirkungen hat das Fasten auch andere Effekte. Bereits in der Bibel ist das bewusste Fasten in einem spirituellen Zusammenhang belegt. Vor allem fasteten die Menschen als Zeichen der Trauer.

«Fasten macht offener und sensibler. Und da der Körper nicht verdauen muss, steht mehr Energie für das Denken zur Verfügung», erklärt Loosli-Amstutz. Das erleichtere den Zugang zu schwierigen Themen und dem Anteilnehmen am Leid anderer. Zudem setze es neue Kräfte für Veränderungen frei.

In der Passionszeit widmen sich Fastengruppen dem Leid anderer

In diesem Sinne funktioniert auch das Fasten anlässlich der «Ökumenischen Kampagne». Diese findet jährlich in der Passionszeit statt, also in den vierzig Tagen von Aschermittwoch bis Ostern. Loosli-Amstutz leitet jedes Jahr mehrere Fastengruppen im Rahmen der Kampagne. Die Gruppen beschäftigen sich während ihrer Fastenwoche mit dem jeweiligen Thema der Kampagne.

In den Gruppen wird das Fasten mit verschiedenen Formen der Meditation und mit Gebeten kombiniert. Auch in der Bibel wird Fasten meistens zusammen mit Beten genannt. Spirituelle Erfahrungen während des Fastens macht Loosli-Amstutz besonders in der Nacht. «Man döst eher, als dass man schläft. In diesem Zustand klären sich plötzlich Probleme, mit denen man schon lange kämpft», sagt sie. Sie empfiehlt das Fasten darum auch für schwierigen Zeiten, in denen man einen klaren Kopf braucht, oder für politisches Engagement.

 

Alternativen zum Nahrungsfasten

Wer sich das Fasten von Nahrung nicht vorstellen kann, kann sich in der Fastenzeit dennoch einer Verzichtübung unterziehen – allerdings ohne die körperlichen Effekte. Populär geworden sind in der letzten Zeit der Verzicht etwa nur auf bestimmte Lebensmittel wie Alkohol oder Süssigkeiten oder auf schlechte Angewohnheiten wie Rauchen oder übermässigen Medienkonsum, speziell die Nutzung von Social Media. Leichter und mit hilfreichen und auch spirituellen Inputs geht dieser Verzicht, wenn man sich einer Mitmach-Aktion anschliesst: «time:out» des Blauen Kreuzes, «40 Tage ohne» der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen und des Bistums St. Gallen oder «7 Wochen ohne» der deutschen evangelischen Kirchen.

 

Tätig zu werden im Sinne der Nächstenliebe ist für Loosli-Amstutz ein elementarer Teil des Fastens. Sie bezieht sich dabei auf den frühchristlichen Kirchenlehrer Augustinus. Dieser verglich das Fasten mit einem Vogel. Das Gebet und die tätige Nächstenliebe seien wie dessen zwei Flügel. Ohne sie könne der Vogel nicht abheben. Das Fasten hat also drei Dimensionen: die gesundheitliche, die spirituelle und die sozialpolitische. Zur vollen Wirksamkeit gehören sie zusammen.

Sowohl Jesus wie auch die Reformatoren kritisierten das Fasten

Dieses anteilnehmende, spirituell und sozial ausgerichtete Fasten auf freiwilliger Basis hat sich in der reformierten Kirche in den letzten rund 50 Jahren etabliert. Jedoch wurde das Fasten unter Christen und Christinnen über die Jahrtausende immer auch kritisch gesehen. Sogar von Jesus, der selbst fastete. Nach seiner Taufe ging er für vierzig Tage in der Wüste, wo er nichts ass und sich den Versuchungen des Teufels aussetzte. In der Bergpredigt kritisierte er das Fasten aber, wenn damit öffentliche Anerkennung für die eigene Frömmigkeit gesucht wird. Fasten solle man allein für Gott.

 

In der Wüste wird Jesus vom Teufel aufgefordert, Steine in Brot zu verwandeln um nach vierzig Tagen Fasten seinen Hunger zu stillen. "Die Versuchung Christi in der Wüste" von Peter Paul Rubens, 1620, Öl auf Leinwand, 32,9 x 31.6 cm, The Courtauld, London. | Bild: gallerix.ru

In der Wüste wird Jesus vom Teufel aufgefordert, Steine in Brot zu verwandeln um nach vierzig Tagen Fasten seinen Hunger zu stillen. "Die Versuchung Christi in der Wüste" von Peter Paul Rubens, 1620, Öl auf Leinwand, 32,9 x 31.6 cm, The Courtauld, London. | Bild: gallerix.ru

 

Noch weiter trieben es später die Reformatoren: Fasten, um Gott zu gefallen, lehnten sie ab. Um Gottes Gnade zu erhalten, musste der Mensch aus reformatorischer Sicht keine Leistung erbringen.

Ein Wurstessen während der Fastenzeit startete die Reformation in Zürich

Notabene wurde die Reformation in Zürich massgeblich durch das «Zürcher Wurstessen» oder auch «Froschauer Wurstessen» eingeleitet: Am ersten Sonntag der Fastenzeit, am 9. März 1522, brachen Angehörige der Zürcher Oberschicht im Hause von Christoph Froschauer das geltende Abstinenzverbot. Sie verspeisten Rauchwürste. Mehrere Geistliche wohnten dem Ereignis bei. Darunter auch der Reformator Huldrych Zwingli, der aber selbst nicht mitass. Der Akt symbolisierte die reformatorische Auffassung, dass nur gelten sollte, was die Bibel erlaubt oder verbietet.

 

Fastengruppen und Buchtipps

Fastengruppen im Rahmen der Ökumenischen Kampagne finden Sie auf deren Website.

Empfehlenswerte Bücher zum Buchinger Heilfasten:

- Prof. Dr. Andreas Michalsen, «Mit Ernährung heilen: Besser essen – einfach fasten – länger leben. Neuestes Wissen aus Forschung und Praxis», Insel-Verlag, 2021.

- Francoise Wilhelmi De Toledo, «Buchinger-Heilfasten: Ein Erlebnis für Körper und Geist», Trias Verlag, 2003.

- Hellmut Lutzner, «Wie neugeboren durch Fasten», Gräfe und Unzer Verlag, 2004.

 

Der Reformator Martin Luther nannte das Fasten auch ein verwerfliches «Werk an sich selbst». Um sein Heil zu empfangen, solle der Mensch allein auf Gott und dessen Gnade vertrauen. Luther lehnte das Fasten jedoch nicht gänzlich ab, solange es keinen Zwang darstellte. So existierte das Fasten auch unter den Reformierten weiter und erlebt derzeit gar wieder einen Aufschwung.

In einer Fastenwoche gelingt es, Selbstwirksamkeit zu finden.

«Zu Fasten entspricht heute angesichts der aktuell unsicheren Weltlage einem grossen Bedürfnis», sagt Loosli-Amstutz. Viele Menschen hätten das Bedürfnis, durch den Verzicht auf Nahrung am Leid der Welt Anteil zu nehmen. Das Fasten wirke dem Gefühl von Ohnmacht und Resignation entgegen. «In einer Fastenwoche gelingt es, Selbstwirksamkeit zu finden», sagt sie.

In der Passionszeit erinnern sich fastende Christen und Christinnen auch an das Leiden und Sterben Jesu und bereiten sich innerlich auf Ostern und die Botschaft der Auferstehung vor.

 

Wer sollte nicht fasten?

Nicht fasten sollten Menschen mit Kachexie, Anorexie, Schilddrüsenüberfunktion, Leber-/Niereninssuffizienz, Diabetes Typ 1 und Schwangere. Loosli-Amstutz rät zudem Menschen im hohen Alter eher zu einem Basenfasten anstelle eines Vollfastens. Dabei isst man bis zur Sättigung, jedoch nur Lebensmittel, die sich im Körper basisch auswirken. Nimmt jemand regelmässig Medikamente, ist der Einbezug von Hausarzt oder -ärztin nötig.

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