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Einwanderung nach Europa

«Flüchtlinge» oder «Migranten» sind unterschiedlich willkommen

von Marius Schären / reformiert.info
min
09.09.2023
Immer mehr Menschen auf der Erde machen sich auf den Weg in eine neue Heimat. Wie sie bezeichnet werden, hat in den Zielländern direkt Einfluss darauf, wie willkommen sie sind.

Bei den baldigen Schweizer Bundeswahlen ist der Fokus zumindest der w├Ąhlerst├Ąrksten Partei klar: Auf der Website finden sich unter der entsprechenden Rubrik reihenweise Bilder mit teils blutigen Messern, Einbruchsituationen und anderen Gewalttaten mit angeblich eindeutigen Schuldigen: der ┬źMitte-Links┬╗-Politik und den ┬źAsylanten┬╗. In den Texten der Wahlparolen pr├Ągen stark negativ behaftete Worte die Sprache.

Vorurteile werden durch Bezeichnungen gepr├Ągt

Eine k├╝rzlich publizierte Studie wird nichts daran ├Ąndern, dass dies weiterhin so passiert. Das ist Sylvie Graf klar. Sie arbeitet als ┬źSenior Researcher┬╗ am Institut f├╝r Psychologie der Universit├Ąt Bern und ist Hauptautorin des internationalen Forschungsprojekts ┬źMigranten, Asylbewerber und Fl├╝chtlinge: Unterschiedliche Bezeichnungen f├╝r Einwanderer beeinflussen die Einstellungen durch wahrgenommene Vorteile in neun L├Ąndern┬╗. Graf sagt auf Anfrage: ┬źNat├╝rlich sind diejenigen, die unsere Empfehlungen am meisten befolgen sollten, auch diejenigen, die am wenigsten daran interessiert und motiviert sind, dies zu tun.┬╗

 

Befragung von fast 3000 Menschen in neun Ländern

Mit einer von der Uni Bern initiierten Studie in neun L├Ąndern (Australien, Tschechische Republik, Finnland, Frankreich, Italien, Portugal, Schweden, Schweiz und Vereinigtes K├Ânigreich) wurde untersucht, wie sich Bezeichnungen f├╝r Zugewanderte auf die Einstellung gegen├╝ber diesen Menschen auswirken.

Zuerst eruierten die Forschenden, dass in Bezug auf die ┬źFl├╝chtlingskrise┬╗ die Bezeichnungen ┬źMigrant┬╗, ┬źFl├╝chtling┬╗ und ┬źAsylbewerber┬╗ die am h├Ąufigsten verwendeten Begriffe waren f├╝r Menschen auf der Flucht. Dann ordneten sie knapp 3000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip einer von drei Gruppen zu. Dort befragten sie die Einstellung der Teilnehmenden gegen├╝ber Zugewanderten unter je einer der drei Bezeichnungen.┬áDabei wurde nach positiven (wie etwa wirtschaftliche Wettbewerbsf├Ąhigkeit, kulturelle Bereicherung oder positives Image) als auch negativen Aspekten gefragt.

Fazit: Die Teilnehmenden waren zufriedener, wenn Migranten und nicht Asylbewerber oder Fl├╝chtlinge ihre Nachbarn, Freunde oder Partner waren. Der Effekt wurde durch wahrgenommene Vorteile, aber nicht durch Bedrohungen vermittelt, wobei Migranten der aufnehmenden Gesellschaft mehr Vorteile brachten als Asylbewerber und Fl├╝chtlinge.

Eine Zusammenfassung der Studie auf Englisch gibt es unter: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/ejsp.2947

 

Trotzdem w├Ąre es wichtig, die neuen Erkenntnisse ernstzunehmen, findet Graf. Denn in der ┬źzunehmenden politische Radikalisierung und ideologische Polarisierung┬╗ sei die Einwanderung eines der zentralen Themen, das Gesellschaften spaltet und so Demokratien untergraben kann.

Als ┬źpraktikable Strategie┬╗ sieht die Forscherin deshalb eine pr├Ązise Kommunikation. ┬źWir schlagen vor, die im Diskurs ├╝ber zugewanderte Menschen verwendeten Bezeichnungen zu erl├Ąutern, indem beispielsweise die Merkmale und Gr├╝nde f├╝r die Migration der jeweiligen Zuwanderungsgruppe angegeben werden.┬╗

Vorteile der Zuwanderung hervorheben

Auch seien die Vorteile hervorzuheben, die die Zuwanderung den Aufnahmegesellschaften bietet. Das k├Ânnte der in vielen Gesellschaften vorherrschenden negativen Wahrnehmung von Zuwanderung entgegenwirken. Diese Folgerungen zieht Sylvie Graf aus dem Fazit der Studie. Gem├Ąss der Untersuchung werden Zugewanderte n├Ąmlich je nach Bezeichnung mehr oder weniger willkommen geheissen: ┬źFl├╝chtlinge┬╗ und ┬źAsylbewerber┬╗ deutlich weniger als ┬źMigranten.┬╗

Untersuchungen zeigen, dass die Verwirrung bei der Bezeichnung für Einwanderer nicht zufällig ist.

Ausl├Âser f├╝r das Forschungsprojekt waren haupts├Ąchlich zwei Punkte, wie Graf darlegt: die starke Zunahme von Menschen auf ┬źWanderschaft┬╗ in den vergangenen Jahren und die bisher fehlenden Untersuchungen. ┬źWissenschaftliche Belege f├╝r die Auswirkungen von Begriffen f├╝r zugewanderte Menschen auf die Einstellung der Bev├Âlkerung gegen├╝ber den Zugewanderten waren bislang nicht schl├╝ssig┬╗, h├Ąlt die Forscherin fest.

Die ┬źFl├╝chtlingskrise┬╗

Und: Im Jahr 2022 habe die Zahl der Vertriebenen zum ersten Mal in der Geschichte 100 Millionen erreicht ÔÇô ein Meilenstein, der gem├Ąss der Studienleiterin f├╝r Fachleute vor zehn Jahren noch unvorstellbar gewesen w├Ąre. Der beispiellose Zustrom von einwandernden Menschen nach Europa begann im Jahr 2015 und wurde von den Massenmedien als ┬źFl├╝chtlingskrise┬╗ bezeichnet.

Zudem wurden von den Bezeichnungen f├╝r die fl├╝chtenden Menschen selbst auch ganz bewusst die negativ behafteten verwendet. ┬źUntersuchungen aus der Fl├╝chtlingsforschung zeigen also, dass die Verwirrung bei der Verwendung von Bezeichnungen f├╝r Einwanderer nicht zuf├Ąllig ist oder eine blosse Folge von mangelndem Wissen ist┬╗, h├Ąlt Graf fest.

Migrationsgrund unterscheiden ┬źsachlich sinnvoll┬╗

F├╝r die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) sind die Studienergebnisse ┬źwenig ├╝berraschend┬╗. Und Konsequenzen f├╝r die Kommunikation zum Thema Migration w├╝rden sie nicht direkt haben, teilt Stephan J├╝tte, Leiter des Kompetenzzentrums Theologie und Ethik der EKS, auf Anfrage mit.

┬źGrunds├Ątzlich finden wir es sachlich sinnvoll zu unterscheiden, ob von Menschen, die auf der Flucht sind und Schutz suchen die Rede ist oder von Menschen, die sich aus sozialen und ├Âkonomischen Gr├╝nden eine neue Lebensgrundlage aufbauen wollen┬╗, sagt J├╝tte. Aber den Mitgliedkirchen schlage die EKS kein Wording vor.

Im Handeln richte sich seine Haltung weniger danach, welche Begriffe positivere oder negativere Assoziationen ausl├Âsen, h├Ąlt der Theologe weiter fest. ┬źWir orientieren uns an dem, was das Recht vorgibt und was wir aus christlich-ethischen ├ťberzeugungen richtig finden.┬╗

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