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Fokus: Ohne Frauen keine Kirche

Frauen machen die Kirche sinnlicher

von Katharina Bolt
min
06.09.2026
Die Kirche wird weicher, sinnlicher, einfacher, berührbarer, körperlicher und verstehbarer, wenn Frauen am Werk sind. Klischee? Oh ja. Aber vielleicht ist ja etwas dran.

Die Zeit der Pfarrherren, die mit erhobenem Zeigefinger auf der Kanzel standen und ihren Schäfchen die Bibel und die Welt erklärten, ist vorbei.

Die Zeit der Hilfspfarrerinnen, die als Frauen gebildet, aber sonst nur geduldet waren, weniger Geld verdienten und die «wichtigen» Aufgaben nicht übernehmen durften, ist auch vorbei. Gott sei Dank. Noch meine Vorgängerin Rut Ochsner, deren Stelle im Pfarramt Haggen, Kirchgemeinde Straubenzell, ich im Jahr 2009 übernehmen durfte, konnte ein Lied davon singen.

Was geblieben ist, sind ein paar wenige traditionsbewusste Menschen, die finden: Wir brauchen richtige Pfarrer! Also am liebsten Männer, die zusammen mit einer tüchtigen Frau und vielen Kinder in einem grossen Pfarrhaus mit Garten wohnen und 365 Tage im Jahr zur Verfügung stehen.

Das Schöne ist, dass sich mit dem Aufkommen der Frauen in der Kirche auch die Männer verändern.

Was geblieben ist, ist an manchen Stellen ein gewisses Unbehagen, wenn Frauen Pfarrerinnen sind, Kinder bekommen und Pfarrerinnen bleiben. «Wer hütet deine Kinder, wenn du predigst?», wurde ich schon gefragt. Es würde micht interessieren, ob je ein männlicher Kollege danach gefragt wurde.

Bis vor Kurzem hätte ich einen Artikel zum Thema «Wie prägen Frauen unsere Kirche?» oder «Sind wir in der Kirche gleichberechtigt?» viel pessimistischer und angriffiger geschrieben. Seit ich mich mit Theologie befasse, befasse ich mich mit Feminismus, mit der Rolle der Frau in der Bibel und der Rolle der Frau in der Kirche. Rückblickend gab es so viele Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten und ja, es gibt sie immer noch. Sei es in der Sprache, im Umgang, in einzelnen Situationen.

Und doch: Ich finde, wir sind insgesamt gut dran.

War die Tatsache, dass ich vor vier Jahren als erste Frau die Stelle in St. Laurenzen antreten durfte noch eine Schlagzeile auf der Titelseite wert, wurde drei Jahre später, als das Grossmünster in Zürich mit einem Mann besetzt wurde, entsetzt gefragt: «Haben die keine Frau gefunden?» Seit fünf Jahren haben wir in der Schweiz mit Rita Famos eine Präsidentin des Kirchenbunds. Immer mehr Kirchenratspräsidentinnen sind Frauen und auch an der Universität tauchen so langsam die Professorinnen auf.

Damit einher geht ein Prestigeverlust. Das kennen wir auch von den Ärztinnen und Lehrerinnen. Das ist ärgerlich auf der einen Seite, auf der andern vielleicht auch entlastend. Weniger Prestige heisst vielleicht mehr Menschlichkeit. Mehr Nähe. Mehr geteilte Macht und Leitung auf Augenhöhe.

Heute wird in Kirchen über Emotionen gesprochen. Es werden Kerzen angezündet. Es darf geweint werden. Menschen umarmen sich. Menschen sagen beim Ausgang: «Das hat mich berührt.»

Eine Frau sagte einst nach einer Beerdigung zu mir: «Auf so eine Weise kann nur eine Frau sprechen.» Ich empfand das als grosses Kompliment. Auch wenn ich widersprechen möchte. Es geht nicht darum, Frauen und Männer in Schubladen zu stecken oder gegeneinander auszuspielen. Männer können das genauso. Das Schöne ist, dass sich mit dem Aufkommen der Frauen in der Kirche auch die Männer verändern. So nehme ich das wahr.

Für mich ist nicht allein entscheidend, dass wir Frauen zahlenmässig mehr werden. Viel mehr wünsche ich mir, dass die Kirche mit allen Frauen und Männern und Menschen überhaupt lebendig, vielfältig, sinnlich und nahbar ist und werden kann.

 

Fokusthema «Ohne Frauen keine Kirche»

Frauen in der Kirchengeschichte lange unsichtbar: vergessen, verdrängt, aus Texten herausgeschrieben. Ein Blick zurück – und in die Gegenwart.

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