«Frei – und doch gehalten»
Es sind oft nicht die grossen Worte, die tragen, sondern Erfahrungen, die sich leise ins Leben einschreiben. Für Christine Rebsamen ist es dieses Grundgefühl, das sie durch ihre Glaubensgeschichte begleitet: «Du hast Freiheit – und gleichzeitig bist du gehalten.» Dieses Gehaltensein hat sie stets geleitet. «Gerade in schwierigen Momenten meines Lebens spürte ich, dass da etwas ist, was mir den Weg zeigt und mich weitergehen lässt.»
Kirche ist kein Ort der Enge
Ihre ersten prägenden Kirchenerlebnisse erfuhr sie als Kind. Gottesdienste draussen in der Natur, Kinder, die während der Feier auf Bäume klettern durften. «Ich weiss nicht, wie viel ich vom Inhalt verstanden habe», sagt sie rückblickend, «aber ich habe Gemeinschaft erlebt.» Besonders prägend war ihr Konfirmationspfarrer, bei dem spürbar war, dass er lebte, wovon er sprach. Einer, der vermitteln konnte, dass Freiheit und Geborgenheit kein Widerspruch sind.
Diese Erfahrung wurde zum Gegenpol zu einem stark normativen Glaubensverständnis, das sie ebenfalls kannte. Umso befreiender waren später neue Ausdrucksformen von Spiritualität – etwa Tanzgottesdienste, die Körper und Glauben miteinander verbanden. «Das war damals revolutionär», erinnert sie sich. Entscheidend blieb für sie, dass Kirche kein Ort der Enge ist, sondern ein Raum, in dem Menschen aufatmen können.
Statt Kirchenaustritt Engagement für Geflüchtete
Wie bei vielen existierte auch bei ihr eine Phase der kirchlichen Distanz. Beruf, Familie, drei Töchter – die Zeit an den Sonntagen war kostbar. Gleichzeitig erlebte sie kirchliche Konflikte und eine Jugendgruppe, die zunehmend fundamentalistische Züge annahm. Der Gedanke an einen Kirchenaustritt war da. Ausschlaggebend für das Bleiben waren schliesslich Menschen aus der Kirche, die sich für Geflüchtete engagierten. «Da habe ich gemerkt: Das ist die Richtung, die ich mittragen will.»
Heute engagiert sich Christine Rebsamen als Co-Präsidentin des Kirchenstands der Kirchgemeinde Steig. Eine Aufgabe, die sie nicht gesucht hat – und die sie dennoch mit Überzeugung ausfüllt. «Meine Stärke ist es, Menschen zu verbinden», sagt sie. «Zu sehen, was jemand gut kann, und diese Person darin zu unterstützen.»
Die Kirchgemeinde Steig steht derzeit vor einem wichtigen Übergang: Ein neues Pfarrteam übernimmt Verantwortung. Für Christine Rebsamen ist das ein Moment des Aufbruchs. «Ich freue mich auf das neue Team», sagt sie. «Da kommen unterschiedliche Erfahrungen zusammen – und ich habe das Gefühl, dass alle eine gemeinsame Grundlage haben: den Wunsch, Freude an der Kirche zu vermitteln und miteinander etwas zu gestalten.»
Besonders am Herzen liegt ihr der Kontakt über kulturelle und kirchliche Grenzen hinweg. Als gelungenes Beispiel nennt sie die Begegnungen mit der eritreischen Gemeinde. «Wir stellen nicht mehr einfach nur Räume auf der Steig zur Verfügung, sondern haben begonnen, miteinander Gottesdienste zu feiern.» Für sie zeigt sich hier, welches Potenzial Kirche im Bereich Migration hat: durch Beziehung, Präsenz und gegenseitiges Lernen.
Verantwortung für Schöpfung und Sorge für die Schwächsten
Was ihr an der Kirche wichtig ist, bringt sie klar auf den Punkt: Werte. Einstehen für andere. Sorge für die Schwächsten. Verantwortung für die Schöpfung. Und die Überzeugung, dass diese Werte erfahrbar sein müssen – besonders für Kinder. «Sie sollen mit Freude merken, dass es etwas gibt, was trägt», sagt sie.
Mit Blick auf die Zukunft beschäftigt sie der angedachte Zusammenschluss der vier Verbandskirchgemeinden. Besonders bei der Jugendarbeit sieht sie Chancen. «Wir sind nicht mehr so viele, dass jede Gemeinde alles abdecken kann.» Gleichzeitig bleibt ihr die lokale Verwurzelung wichtig: «Gerade Kinder und betagte Menschen brauchen einen nahen Ort, wo sie dazugehören.»
Kirche als Gegenraum zu Leistungsdruck
Diese Haltung ist nicht zuletzt durch ihren beruflichen Hintergrund geprägt. Als ausgebildete Heilpädagogin arbeitete sie viele Jahre mit Kindern und Jugendlichen mit Behinderung. «Man lernt, sehr genau hinzuschauen», sagt sie. Und sie hält fest: «Ein Mensch ist so viel mehr als das, was er leisten kann.» Diese Erkenntnis verbindet sie eng mit ihrem Glauben. Die Vorstellung, dass der Wert eines Menschen nicht an Perfektion gebunden ist, empfindet sie als zutiefst befreiend – persönlich wie gesellschaftlich. Kirche könne hier ein wichtiger Gegenraum sein – jenseits von Leistungs- und Perfektionsdruck.
Kritisch blickt sie auf eine Kirche, die sich zu stark mit sich selbst beschäftigt. Sitzungen, Strukturen, Papierarbeit – all das koste Energie, die an anderer Stelle fehle. «Manchmal habe ich das Gefühl, wir haben zu wenig Kraft für das, worum es eigentlich geht», sagt sie. Für sie sind das gelebte Nächstenliebe, Begegnung und Gemeinschaft. Prozesse seien wichtig, dürften aber nicht Selbstzweck werden.
Umso mehr setzt sie auf Zusammenarbeit und das Zusammenspiel unterschiedlicher Begabungen. «Jede und jeder bringt etwas anderes mit», sagt sie. «Wenn wir das ernst nehmen und einander ergänzen, sind wir gemeinsam stärker.»
«Frei – und doch gehalten»