Baselland, Basel-Stadt, Luzern, Schaffhausen, Schwyz, Solothurn, Uri, Zug

Freundlich, aber nicht gastfreundlich

von Meike Ditthardt
min
23.11.2023
Wie erleben Asylsuchende die Schweiz? Welches sind ihre Herausforderungen und welches ihre positiven Erlebnisse? Der Kirchenbote hat nachgefragt und aufrüttelnde Antworten bekommen.

Eine iranische Familie kam ├╝ber Italien in die Schweiz, wo sie seit vierzehn Monaten in vier verschiedenen Unterk├╝nften untergebracht wurde. Aufgrund der Dublin-Verordnung sollten die Familienmitglieder nach Italien zur├╝ckkehren, obwohl sie dort menschenunw├╝rdige Erlebnisse hatten. Dann entschied die Schweiz, einen R├╝ckf├╝hrungsstopp f├╝r Italien einzulegen.

Da die Familie aber zuvor Berufung eingelegt hatte, verl├Ąngerte sich der Asylprozess um sechs Monate, zudem hatte sie kein Recht mehr auf finanzielle Unterst├╝tzung und Deutschunterricht. Sie erh├Ąlt nun nur noch Lebensmittel. Die Mutter, Zahra*, sucht nach M├Âglichkeiten, wo sie weiter Deutsch lernen kann. Sie erz├Ąhlt: ┬źBisher waren die Asylgesetze gegen uns, und wir hatten nicht das Gef├╝hl, dass jemand uns unterst├╝tzen m├Âchte. Und dieses Gef├╝hl der Unsicherheit im sichersten Land der Welt begleitet uns jeden Tag.┬╗ Gastfreundschaft habe die Familie in einer persisch-sprachigen Kirche in St. Gallen erlebt, die sogar ihre Zugtickets bezahlt habe.

Frauendiskriminierung erlebt
Zahra erkl├Ąrt: ┬źIch denke, es ist in der Schweiz nicht bekannt, welche Unterdr├╝ckung und Diskriminierung den Frauen im Iran widerf├Ąhrt. ┬╗ Iranische Frauen h├Ątten nicht das Recht, ihre Kleidung zu w├Ąhlen, geschweige denn ihre Religion. Sie sei psychischen und k├Ârperlichen ├ťbergriffen von M├Ąnnern ausgesetzt gewesen. ┬źIch war seit mehreren Monaten keine Muslimin mehr, hatte aber nicht den Mut, dies meinen Verwandten zu sagen ÔÇô nur mein Mann unterst├╝tzte mich.┬╗ Am Ende seien sie gezwungen gewesen, aus dem Iran zu fliehen, weil ein Muslim sie t├Âten wollte.

┬źW├╝rde gerne arbeiten┬╗
Mohammed* aus Marokko nimmt wahr, dass viele Christen in der Schweiz ihren Glauben nicht authentisch leben und dass immer mehr Leute aus der Kirche austreten. Er gibt offen zu, dass er sich eine Islamisierung Europas w├╝nscht. Nesrin* aus der T├╝rkei meint: ┬źIch bin froh, dass ich in der Schweiz bin. Ich bin lesbisch, und meine Br├╝der wollten mich t├Âten. Hier f├╝hle ich mich in Sicherheit.┬╗

Tafari* aus Äthiopien wartet schon fast drei Jahre auf den Entscheid. Er ist Rechtsanwalt und würde gerne arbeiten. Ehrenamtlich arbeitet er bereits im Krankenhaus und im Seniorenheim mit. Er hat guten Kontakt zu Schweizerinnen und Schweizern, wird von zwei Familien oft zum Essen eingeladen und kann gut Deutsch.

Bei den Seelsorgenden fand ich Trost und habe mit ihnen zum ersten Mal in meinem Leben meinen Geburtstag gefeiert.

Seelsorgende geben Hoffnung
Fatou* aus dem Senegal wuchs bei ihrem Onkel auf, erlitt k├Ârperlichen Missbrauch und Genitalbeschneidung. Sie floh und vertraute sich einem Mann an, der ihr ein Visum f├╝r Deutschland und Arbeit versprach. Auf dem Weg dorthin habe sie per Zufall erfahren, dass sie in Deutschland zu einem Zuh├Ąlter gebracht werden sollte. Voller Panik sei sie in die Schweiz geflohen. Sie erz├Ąhlt: ┬źBei den Seelsorgenden fand ich Trost und habe mit ihnen zum ersten Mal in meinem Leben meinen Geburtstag gefeiert.┬╗

Jean* floh vor fanatischen Muslimen in Burkina Faso. Leider erlebe er oft Rassismus in der Schweiz. Viele Schweizerinnen und Schweizer seien freundlich, aber nicht gastfreundlich. Regeln seien ihnen wichtiger als Mitleid und Barmherzigkeit. Er erz├Ąhlt aber auch von guten Erfahrungen: ┬źKirchgemeinden sind oft sehr gastfreundlich. Die Seelsorgenden haben mir Kraft und Hoffnung gegeben und meinen Glauben gest├Ąrkt.┬╗


*Namen ge├Ąndert

Unsere Empfehlungen

«Wenn’s Fasnacht wird»

«Wenn’s Fasnacht wird»

Jahrhundertelang trennte die Fasnacht Katholiken und Reformierte. Dies ist nicht länger so. Heute feiern selbst die Protestanten Fasnachtsgottesdienste. Der Besuch lohnt sich, wie der Selbstversuch eines Zürchers in der Basler Elisabethenkirche zeigt.
Eine Bank für die Liebe

Eine Bank für die Liebe

Am 14. Februar, dem Valentinstag, schenkt man den Geliebten Blumen, Süssigkeiten oder kleine Geschenke. Der Brauch, der aus den USA stammt, verbreitete sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa. Ein Vorschlag für einen etwas anderen Valentinstag.